Stark wie der Tod

Erschienen: Januar 1918

Bibliographische Angaben

  • Paris: P. Ollendorff, 1998, Titel: 'Fort comme la mort', Seiten: 353, Originalsprache
  • Berlin: Fleischel, 1918, Übersetzt: Georg von Ompteda
  • Berlin: Ullstein, 1924, Übersetzt: ?
  • Berlin: J. Knoblauch, 1925, Seiten: 402, Übersetzt: Fritz Meyer
  • Berlin: Rütten & Loening, 1955, Seiten: 253, Übersetzt: Christiane Hoeppener
  • München: Goldmann, 1960, Seiten: 197, Übersetzt: Christiane Hoeppener
  • Zürich; Stuttgart: Artemis, 1964, Seiten: 266, Übersetzt: Josef Halperin
  • München: Kurt Wolff, 1923, Seiten: 327, Übersetzt: ?
  • Zürich: Manesse, 2001, Seiten: 399, Übersetzt: Caroline Vollmann
  • Marburg/Lahn: Verlag für Hörbuchproduktionen, 2003, Seiten: 8, Übersetzt: Hans Eckhardt, Bemerkung: in der Übersetzung von Caroline Vollmann
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2004, Seiten: 284, Übersetzt: Caroline Vollmann
  • Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2013, Seiten: 260, Übersetzt: Caroline Vollmann, Bemerkung: Jim Avignon (Illustrator), Hermann Lindner (Nachwort)

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Sebastian Riemann
Die Sucht nach Jugend und Schönheit

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Okt 2011

Ambrosia, jene mythische Speise welche Unsterblichkeit verleiht, ist leider den Göttern vorbehalten und den Sterblichen verboten. Schon Odysseus musste dies erfahren. Die Menschen müssen ihr Dasein auf Erden fristen, sich den Bürden des Alters aussetzen, dem Nachlassen von Frische und Kraft beiwohnen, dies ist ihr Schicksal. Doch manch einer will sich mit dieser Ungerechtigkeit nicht arrangieren. Die Idee von ewiger Jugend faszinierte schon immer, inspirierte viele Kräutermischer und Künstler gleichermaßen. In seinem feinfühligen Roman über ein alterndes Liebespaar der Pariser Schickeria dreht und wendet Guy de Maupassant das Thema in den Köpfen seiner Figuren, zeigt das Leiden, das nicht mit dem Alter kommt, sondern mit dem Wunsch, nicht zu altern.

Olivier Bertin ist der beliebteste Porträtmaler der gehobenen Pariser Gesellschaft. Schon vor Langem hat er sich einen Namen gemacht und ausreichend Vermögen angehäuft, um sich dauerhaft den alltäglichen Sorgen des Lebens entziehen zu können. Er entscheidet welch feine Dame oder feinen Herrn er porträtieren möchte und wie hoch der Preis ist. Erfolg wird zur Routine und bald verwaltet er seinen Ruhm nur noch, muss nicht mehr kämpfen für die Kunst, wodurch sie langsam zum Erliegen kommt. Der Roman beginnt an dieser Stelle, in seinem Atelier, zeigt ihn als erschöpften Künstler auf der Suche nach einem neuen Motiv. Er ist gesättigt und ermüdet, auch weil er in die Jahre gekommen ist, und so leidet seine Arbeit, doch insbesondere sein seelisches Wohl. Seine Geliebte ist ihm die größte Stütze im Leben, aber auch sie kann nicht verhindern, dass ihm nach mehr gelüstet, nach mehr Beständigkeit oder nach mehr Lebendigkeit. Olivier ist ewiger Junggeselle und sehnt sich immer häufiger nach einem trauten und steten Familiendasein, zugleich ist er Maler und sehnt sich nach Schönheit, so frisch und intensiv wie es möglich ist. Von den beiden Sehnsüchten ist es letztere, die ihn schließlich übermannt und seine dröge, festgefahrene Existenz verwirft. Er verliert sich im jugendlichen Antlitz Annettes, da es ihm zur Verheißung ewiger Schönheit wird, ihm erlaubt sich in Illusionen zu flüchten, die den langsamen Verfall der eigenen Person ignorieren, und er in ihrer Nähe ein Gefühl von Lebendigkeit spürt, welches er schon vergessen glaubte.

Die Gräfin de Guilleroy begegnete dem Maler Bertin in einem Salon der feinen Pariser Gesellschaft und beeindruckte ihn derart, dass er sie kurz darauf einlud für ein Porträt Modell zu sitzen. Im Atelier des Künstlers lernen sie sich kennen, beginnen bald miteinander zu flirten und vertraulicher zu werden. Es gibt einen ersten Kuss, darauf folgende Schuldgefühle, Zurückweisung und Hass. Nach erneutem Annähern bricht sich jedoch die Leidenschaft auf beiden Seiten den Weg und macht die beiden zu Geliebten.

Die Gräfin ist mit einem Parlamentarier aus der Normandie verheiratet und führt einen eigenen Salon mit erlesenen Gästen, zu welchem sich umgehend auch der Maler Bertin zählen kann. Sie sehen sich regelmäßig und bald brauchen sie einander, um glücklich zu sein. Ihr Glück verblasst jedoch mit den Jahren und dem Alltag. Es beginnt seinen leidvollen Niedergang jedoch erst, da beide schon reif sind und die Blüte ihres Lebens bereits hinter sich gelassen haben. Annette, die Tochter der Gräfin, kommt nach Paris, damit man sie in die Gesellschaft einführen kann und wird schnell zum Quell großer Schmerzen ihrer Mutter, da diese nicht umhin kommt zu bemerken, dass ihr Geliebter Olivier all seine Aufmerksamkeit und Zuneigung dem jungen Mädchen schenkt. Die Gräfin leidet folglich, fühlt sich ungeliebt und alt, bald vermeidet sie bei Tageslicht neben der Tochter gesehen zu werden. So schön sie auch sein mag und so gut ihre Mittel sind, mit denen sie die Zeichen des Alters zu verdecken weiß, gegen die strahlende Jugend ihrer Tochter verliert sie.

In Form vieler Tränen und banger Herzen präsentiert das Buch die beiden Protagonisten und ihr Unvermögen mit einem banalen wie bedeutenden Aspekt des Lebens umzugehen: Der Vergänglichkeit. Der Maler Bertin verliebt sich in Annette, weil sie ihrer Mutter gleicht, zu dem Zeitpunkt da er sie das erste Mal sah und auf Leinwand festhielt. Er benutzt sie, um die Zeit zurückzudrehen, um wieder jugendlicher Schönheit zu verfallen, um noch einmal jugendlich verliebt zu sein. Die Gräfin nimmt die komplementäre Rolle zum Maler ein, sie ist jene vergehende Schönheit, die Bewunderung und Liebe entfliehen sieht. Die Tochter Annette offenbart im Paar der Geliebten eine Genusssucht, die durch das voranschreitende Alter in unabwendbares Leiden verwandelt wird. Beide wollen Schönheit genießen, zu allen Zeiten, und sind nicht bereit ihre Ansprüche aufzugeben, wollen nicht alt werden und andere Freuden im Leben finden.

Der Ton der Erzählung ist entsprechend emotional, der Leser leidet mit Olivier und der Gräfin, erfährt ihre Wünsche und deren Verneinung. Fatalität liegt beständig in der Luft, an einen glücklichen Ausgang der Geschichte glaubt man zu keinem Zeitpunkt. Verzweiflung spricht aus allen Handlungen der Protagonisten, denn – dies wird letztlich klar gezeigt – ihr Streben zielt auf die unerreichbare ewige Jugend, auf einen Sieg über den Tod, dem man sich mit jedem Moment nähert und der ohne Unterlass am Rad der Zeit dreht.

Ausgesprochen wenig Handlung trägt diesen Roman, er lebt nahezu gänzlich von den Einblicken, die der Autor in die Psychen seiner beiden Hauptfiguren gewährt. Die vielfachen Zweifel, Überlegungen, Ängste und Freuden sind sehr detailliert beschrieben und zeugen vom großen Talent Maupassants. Hinzu kommt eine geschickte Darstellung der gehobenen Klasse der damaligen Zeit, in all ihrer Oberflächlichkeit und Dekadenz.

Guy de Maupassant ist hauptsächlich für seine Novellen bekannt, derer er ungefähr 250 verfasst hat. Von den Romanen erlangte lediglich Bel Ami größere Bekanntheit, da er mehrfach verfilmt wurde, zuletzt im Jahr 2012. Maupassant lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein beachtliches literarisches Werk verfasste er in nur zehn Jahren, dann überwältigten ihn seine körperlichen und seelischen Leiden.

Das Buch wird durch Illustrationen von Jim Avignon zu einem besonderen Erlebnis. Der Berliner Pop-Art-Künstler fängt wunderbar die Stimmung in den einzelnen Szenen ein und gibt sie in seinem eigenen, markanten Stil wieder. Die Bilder vermögen viel darzustellen von den inneren Unruhen der Personen, manchmal auf tragische, manchmal auf komische Art. Die Lektüre verliert durch seine Bilder den Hauch der Klassik und wird zu einem zeitlosen Gesellschaftskommentar. Eine sehr gelungene Kombination aus psychologisch geschickter Literatur des 19. Jahrhunderts und moderner Malerei, die in der Lage ist das Spannungsfeld von Jugend und Alter so zu gestalten, dass man es in seiner Aktualität erkennt. Denn auch heute wird die Öffentlichkeit vom Ideal der Jugend dominiert und das hohe Alter zu einer Schattenexistenz verurteilt.

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Letzte Kommentare:
14.02.2015 18:38:27
zueribueb

Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich (Hohelied 8, 6).
Guy de Maupassant, der 1893 erst 43-jährig an Syphilis starb, setzt in seinem Roman "Fort comme la mort" (1889) den alternden Maler Olivier Bertin ins Zentrum. Dieser hat künstlerisch den Zenit überschritten und befindet sich auf dem absteigenden Ast. Seit Jahren unterhält er eine sehr spezielle Beziehung zu Madame de Guilleroy, der Ehefrau eines Parlamentariers. Die etwas seltsame ménage à trois - der Ehemann ist unwissend - wird aufgemischt, als Annette - die Tochter des Ehepaares - von der Provinz nach Paris zurückkehrt. Bertin verliebt sich in sie, da er ihn ihr Madame de Guilleroy erkennt, wie sie in früheren Jahren gewesen ist. Die Liebe zur Tochter bleibt unerwidert und die Liebe zur Mutter bietet auch nicht die grosse Erfüllung. Bertin scheitert schliesslich als Mensch und als Künstler.
„Stark wie der Tod" ist ein grosser Roman über Liebe, Vergänglichkeit und den Sinn des Lebens. Maupassant überzeugt durch psychologisch vielschichtige Charaktere und durch sprachliche und kompositorische Brillanz. Der Text ist gespickt von symbolische Metaphern. Die Musik und die Enge der Räume widerspiegelt die geistige Enge der Protagonisten. Sicher ein Roman, der durch mehrfaches Lesen immer besser wird.