Tinkers

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Bellevue Literary Press, 2009, Titel: 'Tinkers', Seiten: 191, Originalsprache
  • München: Luchterhand, 2011, Seiten: 188, Übersetzt: Silvia Morawetz

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Wolfgang Franßen
Mechanik sterblcher Stunden

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2011

Wer keine Schachtelsätze mag, sollte nicht zu Tinkers von Paul Harding greifen. In diesem Roman stürzen nicht nur die Wände, die Decken, die Sterne auf einen Sterbenden herab, auch seine Erinnerung werden mehr halluziniert als erzählt. Wer sich in der Sprache gerne verliert, bereit ist, ihr in jede Verästelung zu folgen, um zu spüren, was sie an vermeintliche Realität zu erschaffen vermag, wird sich in diesem Erstling, der 2010 gleich mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, gut aufgehoben fühlen.

George Washington Crosby ist Achtzig und zieht in seinen letzten Stunden in Maine weit mehr als ein Resümee. Er gibt sich so ungefiltert der Betrachtung seiner Welt hin, dass man bald schon nicht mehr weiß, wer erzählt hier eigentlich. Der Autor als Chronist? Crosby selbst?

In einer Sekunde soll angeblich, das Leben an einem vorbeiziehen, wenn man stirbt. Dies scheint Hardings Credo zu sein. Bloß kein Detail auslassen. Er überfrachtet mit Bildern und Sätzen den Erzählstrang. Viel Zeit bleibt seinem George Washington Crosby ja nicht. Wo andere in Panik verfallen, das Leid und die Trauer übermächtig wird, taucht Tinkers in die letzten Atemzüge eines Mannes ein und verwandelt sein Leben in ein sprachliches Sammelsurium der Stile. Mal folgen wir dem Vater, Howard, mal dem Sohn George, mal könnte es auch es auch der Verfasser eines Sachbuchs für Uhren sein, mal ein Botaniker.

Seit Thomas Mann ist der Schachtelsatz in Deutschland salonfähig. Schlägt man Paul Hardings Erstling Tinkers auf, spürt man bereits auf der ersten Seite, dass hier ein Autor nicht nur an einer Geschichte interessiert ist. Paul Harding bürdet seiner Handlung Brüche und wechselnde Perspektiven auf. Er folgt einer Kindheit ins Umfeld eines Kesselflickers und fahrenden Händlers und ist gleichzeitig von der Mechanik des Erzählens fasziniert.

Die Geschichte des Uhrmachers George Washington Crosbys, der eigentlich längst tot ist, als der Erzähler genau Buch darüber führt, wie viele Stunden er noch zu leben hat, ist ein Flickenteppich. Genauso fein wie er von einem Uhrgetriebe zu berichten weiß, leuchtet durch die Handlung die Mathematik der erzählerischen Postmoderne durch. Als beabsichtige Paul Harding, gleich in seinem ersten Wurf sein versiertes Können unter Beweis zu stellen, vertraut er weniger den Protagonisten sondern führt Proben seines schriftstellerischen Könnens vor.

 

Howard stellte sich ihre Überraschung vor und ihren üblichen Zorn und dann wurde aus ihrem Zorn wieder Überraschung und schließlich Entzücken, wenn er seine Tapisserie aus Gras und Blumen hinter dem Rücken hervorzog und sie ihr in die Hände legte.

 

Dieser Autor überlässt nichts dem Zufall. Er beschreibt jede Gemütsregung, jede Laune der Natur, jedes Erlebnis, bis nichts mehr davon übrig bleibt und ertränkt alles in Sprache. Das ermüdet. Vertraut der 1967 in Massachusetts geborene Harding etwa seinen Leser nicht? Warum sonst zerrt er alles fest und lässt keine Freiräume, statt sich dem Rausch hinzugeben? Womit sich die Frage aufdrängt, welche Geschichte eigentlich erzählt wird? Die des Uhrmachers, die des Kesselflickers? Ist es eine über das Sterben oder das Fest des Lebens? Oder erfreut sich hier ein Sprachforscher an Natur und Technik? Merkwürdig unentschlossen wirft uns Harding auf hoher See fast über Bord.

Eines kann man dem Master in Creative Writing des Iowa Writer’s Workshop sicher nicht vorwerfen, dass er den Strickmustern vieler Absolventen eines Creativ Writing Courses verfällt und Mainstream abliefert. 

Wer sich auf das Abenteuer einlassen will, was Literatur vermag, wie sie einen orientierungslos zurück lässt, der sollte sich auf diesen hoch dekorierten Erstling einlassen, um jene Stellen aufzusammeln, die Hardings durchaus vorhandene erzählerische Kraft untermauern. Und wer dann abseits des Klappentextes herausfindet, um was es dem Autor wirklich geht, der darf sich glücklich schätzen.

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