Das Sexleben eines Islamisten in Paris

  • Ed. Nautilus
  • Erschienen: Januar 2010
  • Paris: A. Michel, 2007, Titel: 'La vie sexuelle d´un islamiste à Paris', Seiten: 317, Originalsprache
  • Hamburg: Ed. Nautilus, 2010, Seiten: 219, Übersetzt: Marlene Frucht
Das Sexleben eines Islamisten in Paris
Das Sexleben eines Islamisten in Paris
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Wolfgang Franßen
74

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2011

Es steht nicht gut um den Sex

Nimmt man das Buch zum ersten Mal in die Hand, denkt man: Oh, schon wieder eine Intimbeichte, die sich zur Zeit gut verkaufen lässt. Dann: Oh, der Islam kommt im Titel vor, also Vorsicht die Wörter Sex und Islam vertragen sich nicht gut. Liest man dann erst einmal ein paar Seiten, passt die Geschichte um Mohamed Ben Mokhtar gar nicht zum überbordenden Erotikmarkt, vielmehr begegnen wir einem äußerst erfolgreichen Banker, der auf der Suche nach einer Wohnung in Paris ist, um von Zuhause auszuziehen.

Genauso trügerisch wie der Titel ist das Leben, das Leila Marouane erzählt. Oft leitet sie ihre Kapitel damit ein, dass sie erwähnt, dass er es sagte. Die Autorin schreibt es also nur auf. Ein literarische Kniff, auf den sich schon Marguerite Duras verstand. Marouane greift zur Ich-Form, um eine größere Bindung zu ihrem Romanhelden herzustellen, der sich seiner religiösen, wie familiären Wurzeln zu entziehen sucht. Er will sich nicht mehr an die Gebetszeiten halten und seinen Namen ändert er  in Basile Tocquart ab, um als Algerier aus dem Banlieue auf dem Pariser Wohnungsmarkt eine Chance zu besitzen.

Da draußen gibt es eine Welt, die auf dich wartet, sagt auch Basile alias Mohamed sich. Er muss allerdings erfahren, dass trotz seines guten Einkommens, ihm viele Türen verschlossen blieben, wenn er sich dieser Welt nicht anpasst und nach ihren Regeln spielt. Dass bringt ihn nicht nur in Konflikt mit seiner Mutter, die ihn, nachdem erst einmal ausgezogen ist, ständig anruft, um ihn an das Sonntagsessen im Kreise der Familie zu erinnern.

Basile empfindet die Suche nach einer neuen Identität als Abenteuer. In Tahar Ben Jellouns Geschichten treffen wir oft auf assimilierte französische Araber, die mit aller Macht versuchen, ihren Ursprung zu wahren und sich ausgegrenzt fühlen. Jellouns poetische Sprache besitzt Marouane nicht, dafür aber eine Menge Witz, wenn sie ihren Mohamed ins Café Flor setzt, sich mit Luxusgütern umgeben lässt oder ihn bei seinen verzweifelten Versuchen beschreibt, seine als Schmach empfundene Jungfernschaft zu verlieren. Immerhin ist der gute Mann schon Vierzig.

Die Frauen verdrehen ihm den Kopf. Dabei sollte es so einfach sein. Eine Wohnung im angesehenen 6. Arrondissement, genügend Geld und hässlich ist er auch nicht. Er träumt von den Freiheiten in den Armen einer Frau. Immerhin hat er seiner Mutter versprochen, im Herbst zu heiraten, weil er der Älteste ist und sein jüngerer Bruder nicht vor ihm heiraten kann. An einen Ehering denkt Mohamed allerdings weniger, er will Sex. Er will Frauen erobern, mit ihnen ausgehen, sie vergessen und zur nächsten aufbrechen. Nur wie, wenn man vor allem auf Frauen aus dem Maghreb trifft, die ihn entweder gleich abblitzen lassen oder ihm lediglich das Vorspiel zugestehen?

Die 1960 in Djerba aufgewachsene Leila Marouane, deren Romane in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgestatten wurden, erzählt an der Oberfläche eine beschwingte Geschichte, von einem Mann, einem Sohn, der auszog, nicht um das fürchten zu lernen, vielmehr um sich das Leben zuzugestehen, das er sich für sich wünscht.

Es gibt nichts Gefährlicheres als die Freiheit, so sieht Mohameds Mutter das. Das klingt wie eine Abrechnung, erzählt jedoch von einer unstillbaren Sehnsucht, auch wenn das Schlafzimmer von Enttäuschungen gesäumt ist.

Leila Marouane hat die humorvolle Geschichte eines Sohnes geschrieben, der immer Sohn bleiben wird. Egal, wohin er auch zieht. 

Das Sexleben eines Islamisten in Paris

Leïla Marouane, Ed. Nautilus

Das Sexleben eines Islamisten in Paris

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