Engel des Vergessens

  • Wallenstein
  • Erschienen: Januar 2011
  • Göttingen: Wallenstein, 2011, Seiten: 287, Originalsprache
Engel des Vergessens
Engel des Vergessens
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Birgit Stöckel
79

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2011

Eine Geschichte gegen das Vergessen und über das Nachwirken von Traumata

In ihrem Debütroman "Engel des Vergessens", für den Mia Haderlap den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, verarbeitet die Autorin ein Thema, das ihre Kindheit begleitet hat und außerhalb Kärntens wenig bekannt sein dürfte und selbst dort lange Zeit verschwiegen und verdrängt wurde: Der Freiheitskampf der slowenischen Partisanen in Kärnten zur Zeit des zweiten Weltkriegs.

Als Leser begleitet man die Ich-Erzählerin durch ihre Kindheit in einem kleinen Ort in einem abgelegenen Kärntner Tal nahe des Ortes Bad Eisenkappel. Zunächst bekommt man den Eindruck einer einfachen, aber durchaus idyllischen Kindheit vermittelt: Lange Sommer, die harte Arbeit auf dem Hof und mit dem Vieh, die manchmal etwas ruppige, aber aufrichtige Liebe der Großmutter. Doch es liegt ein Schatten über dem, was man unter anderen Umständen eine Idylle hätte nennen können. Ein Schatten, der unsichtbar ist, der aber fest auf der Seele der Menschen liegt und alles in Schatten taucht: Die Vergangenheit. Der Zweite Weltkrieg und der Kampf der slowenischen Partisanen in Kärnten gegen die Nazis haben tiefe Spuren in der Bevölkerung hinterlassen, was auch die Ich-Erzählerin am eigenen Leib erfahren muss. Die Großmutter hat diverse Lager nur knapp überlebt, der Vater schloss sich bereits als Kind den Partisanen an und wurde von der Polizei brutal gefoltert, wodurch er tief traumatisiert ist. Die Mutter ist die Einzige, die nicht wirklich unter der ganzen Sache zu leiden hatte und bleibt deshalb eine Ausgeschlossene. Und mittendrin ein junges Mädchen.

Mia Haderlap gelingt es wunderbar, diesen Gegensatz zwischen dem scheinbar idyllischen Landleben und den düsteren Schatten der Vergangenheit herauszuarbeiten. Zunächst nur in kleinen Portionen, sozusagen Stück für Stück, dann immer häufiger und immer intensiver erfährt der Leser, genauso wie die Ich-Erzählerin, von den furchtbaren Geschehnissen der damaligen Zeit.

Es wird kein Blatt vor den Mund genommen und somit gibt es einige unschöne Szenen, die tief erschüttern und bewegen, ohne dabei unnötig aufgebauscht oder effektheischend zu sein. Doch es gibt auch die andere Seite: Die Wärme und Geborgenheit, die die Ich-Erzählerin vor allem durch die Liebe der Großmutter erfährt und die Augenblicke von Verbundenheit, die es bei allen Schwierigkeiten in der Vater-Tochter-Beziehungen durchaus gibt.

Allerdings es gibt auch einige Längen in dem Roman: Die Aufzählung von Orten oder Namen, die sich manchmal über Absätze erstrecken, können ermüden, besonders diejenigen Leser, die des Slowenischen nicht mächtig sind. Ab und an kann man als Leser der Autorin auch nicht ganz folgen und fragt sich, was genau sie einem denn nun genau mitteilen möchte und auch sprachlich brilliert Maja Haderlap nicht durchgehend. Generell schreibt sie sehr anspruchsvoll und ausdrucksstark, doch manchmal wirkt die Sprache auch konstruiert und bemüht metaphorisch, was den Lesegenuss hier und da schmälert.

Doch trotz dieser Abstriche hat Maja Haderlap einen lesenswerten Roman vorgelegt. Über ein wenig beachtetes Kapitel der Geschichte; über einen Kampf, der tiefe Spuren hinterlassen hat und die Bevölkerung jahrzehntelang trennte und der immer noch nachwirkt, wenn man z.B. den Kampf um die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten bedenkt; über ein Mädchen, das zu einer jungen Frau heranwächst, dass sich zwei Ländern und Kulturen verbunden fühlt und doch nirgends wirklich heimisch ist.

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