Fahrtenbuch

  • Hanser
  • Erschienen: Januar 2011
  • München: Hanser, 2011, Seiten: 363, Originalsprache
Fahrtenbuch
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Britta Höhne
82

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2011

Geschichtsexkurs für Spätgeborene

Ein leichtes Unterfangen ist es sicher nicht, zehn Geschichten zu einem Roman zu verschmelzen. Niklas Maak ist es mit seinem "Fahrtenbuch – Roman eines Autos" fast gelungen. Dabei ist der Protagonist ein ganz besonderer: Ein Mercedes 350 SL, Baujahr 1971, alpinweiß mit dunkelblauen Ledersitzen. Anhand des Serviceheftes und des Fahrzeugbriefes rekonstruiert der FAZ-Redakteur Niklas Maak die Geschichte eines Statussymbols. Er versucht heraus zu finden, warum es ausgerechnet dieser SL sein musste, der nach über 350 Seiten, 327000 zurück gelegten Kilometern  und eben zehn Geschichten als Unfallwrack endet.

Am 3. November 1971 verlässt der Mercedes die Fabrik in Stuttgart Untertürkheim. Ein Arzt hat ihn erworben, einer, der meint, dass das Auto wichtig für das eigene Empfinden sei. Hans Joachim Bellmann, so der Name des Mediziners, erhofft sich mit dem Erwerb des Neuwagens ein neues Leben. Er entsorgt seinen alten Ford und fährt fortan offen, sofern das Wetter es zulässt. 

Bellmann und seine Frau leben schließlich so vor sich hin. Feiern Feste, verlieben sich fremd, trennen sich und starten wieder durch. Schließlich wird das Auto mit der Erkenntnis verkauft, das ein Haufen Blech nicht viel ändert im Leben eines verlassenen Arztes.

Antonio Comeneno, Restaurantbetreiber mit italienischen Wurzeln und Sitz in München, übernimmt das Cabrio 1980 mit einem Kilometerstand von 65030. Auch aus dieser "Beziehung" gehen weder Wagen noch Besitzer unbeschadet hervor. Jede Schramme, jede Beule, jeder Fleck, jeder Riss im Ledersitz werden fortan vermerkt, dokumentiert. Akribisch genau.

Eine Studentin, ein gescheiterter Manager, eine ehemalige Radiosprecherin, ein junger Türke, eine ältere Frau auf der Suche nach ihrem ausverkauften Lieblingsparfum mit dem Namen "Snob": Sie alle vereint nichts – nur das Auto, das aus ganz unterschiedlichen Gründen den Weg in die Garagen der Fahrzeughalter fand.

Niklas Maak hat ein aufwändiges Buch geschrieben. Eines, das weniger durch die einzelnen Geschichten begeistert, als viel mehr durch die Grundidee, einem Auto einen Roman zu widmen. Ebenfalls gut gelungen, wenngleich nicht kompliziert, da der Roman chronologisch aufgebaut ist, ist der geschichtliche Hintergrund. Wie nebenbei streut der 1972 geborene Autor kleine Häppchen großer Geschichte. Und das über 40 Jahre lang.

Der Leser erfährt von der Verhaftung der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, erfährt, das Ceylon in Sri Lanka umbenannt wird, erfährt, das Elvis Presley am 16. August 1977 stirbt, Ronald Reagan Präsident der USA wird (1981) und Helmut Kohl und der französische Präsident Mitterand sich treffen (1984). Kohls Stimme klang dabei so "gepresst, als säße er auf ihr."

Die Geschichte stoppt natürlich nicht bei Kilometerstand 112198. Nein, sie schiebt sich weiter in die Gegenwart. Macht auf Unzulänglichkeiten aufmerksam, die nicht nur die Geschichte schreibt, sondern das ganz "normale" Leben. Ab Kilometer 172115 schließlich nähert sich der Mercedes der Gegenwart. Treuhand-Tragödien setzten den Menschen zu, Börsen-Abstürze und das langweilige Leben der jungen Berliner:

"Während irgendwo vor Kuwait-Stadt ein paar amerikanische Gis in ihren M2-Bradley-Panzern auf das Stadtzentrum zurasten und dabei Hardrock hörten, standen sie mit Bomberjacken und Combat-Hosen in Berliner Technodiscos und Stroboskopgewitter und warteten, dass der tiefe Donner der Bässe in ihre Eingeweide drang. Über 50 Jahre Frieden schienen die Leute zu langweilen..." 

Maak klagt nicht an. Er zählt auf. Wertungsfrei zwar, aber wohl nie ohne Hintergedanken. Maak ist ein Wortjongleur. Meister des Beschreibens und des aufgeschriebenen Beobachtens. Wenngleich sich die Geschichten oft in ihrer Langatmigkeit verlieren, sind es die kleinen, feinen, fiesen Spitzen, die Maak verteilt und schmerzen lässt. Er entwertet das Dasein seiner Autofahrer, indem er ihr Inneres nach außen stülpt. Sie Fehler machen lässt, Unfälle bauen lässt und den SL zur Müllhalde degradiert. Alles menschlich sollte man meinen. Wie auch die Entsorgung des Vehikels nach 40 Jahren und über 370000 zurück gelegten Kilometern. Ausgeschlachtet wird er. In seine Einzelteile zerlegt – wie zuvor die Leben einzelner Alltagshelden. Teile wie Außenspiegel, Motorblock, Felgen, Lenkrad sind austauschbar. Die Teile passen in beliebige andere Mercedes-Modelle. Austauschbar sind sie, wie die Menschen selbst?

Ein schönes Buch – fein formuliert.  

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