Aus Richtung der unsichtbaren Wälder

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Wagenbach, 2011, Seiten: 139

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Wolfgang Franßen
Operettenaufstand

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Sep 2011

Es ist ein merkwürdiger Einstieg in den Erzählband des 1906 in San Pellegrino geborenen Dino Buzzati.  Da tummeln sich nachts zwei Männer im Schlafrock auf dem Korridor eines Hotels, wollen eigentlich auf die Toilette, aber es ist ihnen peinlich und sie ziehen sich lieber zurück.  Das wird die ganze Nacht so gehen, und am Ende entwickelt sich eine absurde Szenerie, bei der nach knapp vier Seiten, viele Gäste, erschöpft vor der Tür ihres Hotelzimmers aufwachen und sich fühlen, als hätten sie nachts eine Schlacht geschlagen. Nur welche? Aus Höflichkeit, Ängstlichkeit, aus Scheu? Es wird nicht die einzige Geschichte sein, die den Kern nicht offenlegt, vielmehr die Wirkung umschreibt.

Sei es in "Die Laus im Pelz", wenn ein Freund, der sich ins eigene Leben schleicht und es gleichermaßen übernimmt, sei es in "Es fängt mit L an" eine Krankheit, die einen befällt und dafür sorgt, dass man mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt wird, oder sei es in "Dunkel" die Angst vor der Finsternis, nachdem der Strom ausgefallen ist. Es geschieht da etwas mit einem, das man sich nicht erklären kann.

Buzzatis Helden sind verunsichert. Sie fühlen sich zwar im Alltag aufgehoben, aber es genügt die kleinste Abweichung, um ihr Leben ins Wanken zu bringen.  In "Der verwandelte Bruder" geht es soweit, dass ein Geschwisterpaar sich entzweit, weil der eine Bruder den anderen nicht mehr versteht, nachdem der in ein Internat gesteckt wurde und jegliches Aufbegehren verlor. Er will mit einmal nichts mehr von dem geheimen Pakt, den verschlüsselten Mitteilungen wissen, den die Brüder zu Anfang geschlossen haben. Es geht ihm gut, behauptet er. Stimmt das? Buzzatis Menschen sind einsam, wie in die Welt hineingeschmissen.

Das hat zuweilen operettenhafte Züge. In "Angst in der Scala" versammeln sich der Adel und das Großbürgertum zu einer Vorstellung gegen Ende der Opernsaison und fürchtet nichts mehr als die revolutionäre Umwälzung, die sich vielleicht soeben in einem der Stadtbezirke zusammenbraut und droht, alles mitzureißen. Wie in einer Opernkulisse versammelt sich ein Chor unzähliger Namen, Honoratioren geben Stellungnahmen ab, Lebensläufe werden angedeutet und entfachen doch nur etwas wie eine Operettenempörung. Sollen sie davonlaufen, sollen sie ausharren, sollen sie sich verbrüdern? An diesem Abend steht keine große Oper auf dem Spielplan, vielmehr ergreift die Verwirrung die Macht in den Logen wie im Parkett. Die Emotionen kochen hoch, um gegen Ende zu verpuffen.

Es regiert die eigene Täuschung, der Kompromiss. Vielerorts verleugnet man sich selbst, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass alles so bleiben muss, wie es ist, weil man sich wunderbar darin eingerichtet hat. Das ist zuweilen in der detaillierten Beschreibung etwas langatmig. Buzzati räumt selbst in den kurzen Erzählungen seinen Helden viel Raum ein, um sich zu orientieren und sich nach Stabilität zu sehnen.

Das 20. Jahrhundert war nicht nur ein Zeitalter der ständigen Kriege und gesellschaftlichen Umwälzungen, es brachte auch das Scheitern vieler Utopien mit sich. Buzzatis existenzialistischer Blick erzählt nicht von den Mitläufern, vielmehr von jenen, die fest verankert, ins Rutschen geraten. Es ergeht ihnen wie dem Hund Tronk in "Der kranke Tyrann":

"Während Tronks Herz in heftigen Stößen schlug, schaut er, bleich geworden – welch ein Irrtum zu glauben, dass Hunde nicht erbleichen können – dorthin, wo fern aus der Richtung der unsichtbaren Wälder die Rhinozerosse der Nacht traurig auf ihn zustapften."

Selten hat ein Verlag einen treffenderen Titel für einen Band voller Erzählungen gefunden, deren Protagonisten sich mitten Strom schwimmend davor fürchten, ans Ufer gespült zu werden.

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