Bitte sagen Sie jetzt nichts

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2011, Seiten: 240, Originalsprache

Couch-Wertung:

85
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Britta Höhne
Über die Ensthaftigkeit des Komikers

Buch-Rezension von Britta Höhne Sep 2011

Preuße, Wagner-Liebhaber, Vater als Vorbild, Erfinder von Wum und Wendelin und der berühmten Knollnase: Offensichtlich lässt sich in wenigen Worten alles über Loriot sagen. Über Bernhard-Viktor (Vicco) von Bülow. Doch: Loriot ist mehr. Und wenn er in der Interview-Sammlung, die der Diogenes-Verlag heraus gebracht hat, von seinen Gesprächspartnern nichts Interessantes gefragt wird, verselbstständigen sich seine Antworten. Werden interessant, lebendig, komisch zuweilen und zeigen viel mehr über den Mann, der über Jahrzehnte hinweg den deutschen Humor geprägt hat – und das nicht nur mit Zeichnungen und Sketchen.

Wer das viel zu dünne Büchlein "Bitte sagen Sie jetzt nichts" liest, sollte gar nicht erst beginnen, wichtige, merkens- und bemerkenswerte Zitate der insgesamt 17 Gespräche zu markieren. Das Buch wäre am Ende vermutlich komplett unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen. Für die beiden Herausgeber - Daniel Keel und Daniel Kampa - dürfte es ein schweres Unterfangen gewesen sein, die Gespräche auszuwählen.

Dabei liegt es wohl in der Natur der Sache, dass sich bei einer Interview -Sammlung viele Fragen und Themen häufen, was leider dazu führt, dass viele Gespräche einfach nur so dahin plätschern. Antworten bekannt sind. Zig Mal erklärt Loriot, wer sein Vorbild ist, ob er privat lustig sei, was es bedeutet ein Preuße zu sein, wie er das Privatfernsehen findet und die Masse der Comedians, die wie Schwärme ins Fernsehen und auf die Bühnen einfallen. 

Loriot macht mit. Bleibt höflich, gelassen, korrespondiert. Fast immer. Nur selten lässt er durchleuchten, das Interviews und der Medienrummel seine Sache nicht sind. Und manchmal dreht er das Spiel um. Wird zum Interviewer, stellt Fragen und zeigt sich dabei überaus geschickt. Dabei entwickelt sich das Buch während des Lesens - oder besser des Studiums - zu einem Lehrwerk für Interviewtechniken.

Die gewählte Buchform lenkt allerdings nicht davon ab, dass Vicco von Bülow ein ganz besonderer Mensch war. Ein Feingeist, ein kluger kreativer Kopf, einer, der ernsthaft versucht hat, den Ernst in der Komik zu erklären. Sowohl bei den Gesprächen als auch bei seiner Arbeit selbst, war von Bülow sehr präzise, pedantisch gar, wie er erklärt. Komik sei, so der Humorist, kein Zufall, nicht improvisiert, sondern harte Arbeit:

"Ich glaube, dass man in einer Tragödie hie und da einen kleinen Fehler machen kann. In einem Lustspiel, wenn etwas auf den Punkt genau getimed ist - und nur das bringt ja Komik zustande, Komik ist Timing – wenn man da einen Fehler macht, wird einem der nicht verziehen."

Erklärt Loriot dem Intendanten August Everding im Münchener Prinzregententheater. Eines mit der  besten Gespräche. Gesendet wurde es am 12. November 1998 vom Bayerischen Rundfunk. 

Der Inhalt der Gespräche ändert sich im Laufe des Buches – mit den 40 Jahren - die es umfasst. Angefangen 1968 erklärt Loriot noch, wie die Nasen seiner Cartoon-Figuren entstanden sind ("am Anfang waren alle Nasen spitz"). Mit der Zeit werden Themen wie Humor, Sprache, die Oper , seine beiden Filme "Ödipussi" und "Pappa ante portas", seine Bühneninszenierungen und der Tod aufgegriffen. Vicco von Bülow zieht in den letzten öffentlichen Interviews ein Resümee seines Lebens. Stellt fest, dass er zu viel gearbeitet und zu wenig Zeit mit seinen zwei Töchtern und seiner Frau verbracht habe. Dem Tod wolle er organisiert gegenüber treten, erklärt er sachlich, damit seine Familie keinen Stress mit seinem Ableben habe. Auf die Frage von Franziska Sperr und Jan Weiler vom SZ-Magazin (21. Juni 2002), was denn auf seinem Grabstein stehen solle, antwortet von Bülow nur: "Zweckmäßig wäre es, wenn der Name daraufstünde."

Mit dieser schlichten Antwort hat von Bülow belegt, was er in all seinen Gesprächen zu verdeutlichen suchte:

"Mich hat das Absurde, das wirklich Absurde, nie interessiert. Mich hat immer das interessiert, was wirklich ist und was jedem täglich passiert … die wirkliche Absurdität zu schildern, reizt mich nicht, weil sie zu weit von der Wirklichkeit entfernt ist." (Südwestrundfunk, 17. Januar 1986. Mit Gero von Boehm)

Vicco von Bülow hat sich bis zum Schluss an seine Maxime gehalten. Hat sich über Begriffe wie Auslegware und Sitzgruppe amüsiert. Hat über schief hängende Bilder und eine Nudel im Gesicht großartige Sketche gemacht. Der Alltag als Groteske eben. Nicht verletzend und doch sehr treffend. 

Am 22. August 2011 ist er in Ammerland am Starnberger See gestorben.  

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