Nemesis

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Boston: Houghton Mifflin Harcourt, 2010, Titel: 'Nemesis', Seiten: 280, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Joachim Schönfeld

Couch-Wertung:

95
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Wolfgang Franßen
Bucky und die Boys

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Sep 2011

Philip Roths Tragödien kommen nie ohne eine Spur von Lächerlichkeit aus. Je ernster seine Helden sich nehmen, desto mehr neigen sie zum Überziehen. Zumeist aus gutem Willen. Nicht immer aus Eigennutz. Je heroischer sich Roths Helden fühlen, umso gnadenloser entlarvt ihr Autor sie. Jedoch nie ohne Mitgefühl, ohne Sympathie.

Gegen Kriegsende bricht in New York eine Polioepidemie aus. Eine italienische Gang taucht im Judenviertel an einem Sportplatz auf, um den Juden dort auch die Polio zu bringen, nachdem ihr eigenes Viertel davon befallen ist. Die Szenerie ist etwas auf "West Side Story" gestrickt. Rivalisierende Gangs, Underdogs, die Nachkommen der Eingewanderten nageln sich gegenseitig an die Wand.

Vor allem durch das heldenhafte Einschreiten von Bucky Cantor wird dieser vermeintliche Bubenstreich verhindert. Er versperrt der Gang den Zugang zum Sportplatz und stemmt sich ihnen alleine mannhaft entgegen. Darüber hinaus ergreift er die richtigen Maßnahmen, indem er die Spucke auf dem Bürgersteig mit Ammoniak abspült. Er ist zum Helden erkoren. Alle loben seinen Mut und sein umsichtiges Einschreiten bei der Beseitigung der Ansteckungsgefahr.

Bucky Cantor, der Vorzeigesportler, rettet sich in diesem Moment selbst. Was der Leser erst viele Seiten später erfährt: Er will sich vom Makel befreien, wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht in den Krieg nach Europa gezogen zu sein.

In ihm zeichnet Roth das Gegenbild zur Kinderlähmung, die er in erschreckenden Bildern zu beschreiben weiß. Bucky ist uramerikanische Alleskönner, der soziale Verantwortung zu wahren versteht und trotzdem dazu verurteilt ist, mit zu erleben, wie seine Schutzbefohlenen der unsäglichen Krankheit zum Opfer fallen und sterben. Er wehrt sich dagegen, den Sportplatz sperren zu lassen, damit den Kindern nicht der letzte Zufluchtsort, die Heimstätte genommen wird. Allerdings quälen ihn bald schon Schuldgefühle, ob er das Richtige getan hat. Haben die Eltern der an Polio erkrankten Kinder, nicht recht , wenn sie fordern, der Sportplatz hätte längst geschlossen werden sollen?

Eine Epidemie lässt sich nicht aufhalten. Sie befällt die Infizierten und die Köpfe der Gesunden. Roth erzählt von einer Gesellschaft, die implodiert. Misstrauen greift um sich. Man kann das Leid nur dann ertragen, wenn es einen Schuldigen gibt.  All das, was Menschen ergreift, wenn sie sich von einer Tragödie aufgerieben sehen. Seine Meisterschaft besteht darin, sie in den kleinen Geschichten zu beleuchten.

Allmählich schält sich aus der nationalen Tragödie die private heraus. Bucky Cantor ist ein einsamer Mensch, der, wie viele einsame Menschen glaubt, dass die Liebe, der Zusammenhalt einer Familie alle Probleme löst. Seine Freundin Marcia wird ihn dazu überreden, aus Liebe zu ihr seinen lebensgefährlichen Job als Platzwart aufzugeben, um als Bademeister in ein Feriencamp überzusiedeln. Hier geht der amerikanische Traum in einem gefährlichen Umfeld in Erfüllung. Eine Frau, die einen liebt, eine Familie, die einen mit offenen Armen aufnimmt, Kinder, denen er das Turmspringen beibringt. Für einen Moment liegt kein Schatten mehr über Bucky Cantor. Wenn ihn nicht das schlechtes Gewissen plagen würde, dass ausgerechnet er seine Jungs vom Sportplatz im Stich gelassen hat.

Im letzten Viertel des Romans gelingt es Roth, das Tableau einer griechischen Tragödie zu entwerfen. Wie er von Bucky Cantors seelischem, wie körperlichem Scheitern erzählt, wie er das, was so fest gefügt scheint, auseinander brechen lässt, macht ihm so leicht niemand nach.

"Nemesis" beweist einmal mehr, dass dieser Autor, dem längst der Nobelpreis hätte zugesprochen werden sollen, einer der wenigen großen Erzähler ist, die nicht nur von historischen Ereignissen zu berichten verstehen, sie vielmehr schicksalhaft in die Gesichter und das Leben seiner Helden eingraviert.

Niemand ist sicher in Roths Amerika. Am wenigstens jene, die sich so strahlend, so erfolgreich, so überzeugend an den amerikanischen Traum klammern.

 

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