Supernova

Film-Kritik von Yannic Niehr
Titel-Motiv: © British Broadcasting Corporation, The British Film Institute, Supernova Film Ltd.

Wir kommen von den Sternen, und wir kehren dorthin zurück …

Back on the Road: In ihrem Wohnwagen bereisen Sam (Colin Firth: Shakespeare in Love, The King’s Speech) und Tusker Mulliner (Stanley Tucci: Der Teufel trägt Prada, Road to Perdition), schon seit Jahrzehnten ein Paar, mitsamt Hund im Gepäck das britische Hinterland, um nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen und auf alten Pfaden zu wandeln. Tusker möchte den Roadtrip zudem nutzen, um ein wenig an seinem nächsten Roman zu arbeiten. Die Urlaubsreise hat allerdings auch ein Ziel: Pianist Sam wird ein letztes großes Konzert geben. Doch auch für Tusker wird es eine Art Abschiedstournee: Er ist an Demenz erkrankt und weiß, dass ihm nicht mehr allzu viel Zeit bleibt.

Bei einem Zwischenstopp bei Sams Schwester Lilly (Pippa Haywood) im ehemaligen Elternhaus hat Tusker eine Überraschungsparty im Kreise von Freunden und Familie organisiert. Ausgerechnet hier bestätigen sich lang gehegte Vorahnungen, als Sam eine schockierende Entdeckung macht, welche die Beziehung auf eine harte Probe stellt …

„Es geht nicht um fair oder nicht fair, es geht um Liebe“

Regisseur Harry MacQueen, der an der Royal Central School of Speech and Drama studierte, begann seine Karriere zunächst als Theater- und Filmschauspieler, bevor er 2008 mit Hinterland sein Regiedebut gab. Auch bei Supernova (bereits 2020 produziert), der es in die Vorauswahl des Europäischen Filmpreises 2021 geschafft hat, zeichnet sich MacQueen für Drehbuch und Regie verantwortlich. Mit diesem Werk legt er ein kleines, aber feines Filmdrama vor, das zutiefst berührt.

- „Wenn du einen Wunsch im Leben freihättest, welcher wäre das?“
- „Dass dieser Urlaub nie enden würde. Und du?“
- „Ich wünschte, dass ich diese Sache nicht hätte. Idiot.“

Über weite Strecken wirkt der Film beinahe wie ein intimes Theaterstück. Im Zentrum stehen die beiden Hauptfiguren, die von den wandlungsfähigen Schauspielgrößen Colin Firth und Stanley Tucci verkörpert werden, deren langjährige Filmerfahrung auf beiden Seiten des großen Teiches ihnen hier sehr zugute kommt. Mit kleinen Gesten vermitteln sie glaubhaft die tiefe Vertrautheit und Zuneigung, aber auch den gegenseitigen Respekt einer langjährigen Beziehung. Der harte Tobak wird durch ihr authentisches, liebevolles Gezänke aufgelockert. Tucci gibt Tusker gewohnt geistreich und charmant, stellt jedoch auch dar, wie schwer dieser an seinem Los zu knabbern hat. Colin Firth erfüllt Sam mit weltmännischer Abgeklärtheit, zeigt gerade in den leisen Zwischentönen jedoch die große Last auf seinen Schultern, auch wenn er von deren Gewicht nichts nach außen dringen zu lassen versucht. So viel Ungesagtes verbirgt sich in den Momenten des Schweigens, gärt unter der Oberfläche vor sich hin.

Zu Beginn wird der Film von einem Soundtrack klassischer Autoradio-Oldies begleitet, bevor Keaton Hensons zurückhaltender Soundtrack die zahlreichen Momente der Stille mit zerbrechlichen Piano- und Celloklängen akzentuiert. Beleuchtet ist das Geschehen in naturalistischen, gedämpften Pastelltönen, welche der zunehmend gedrückten Stimmung, aber auch den lichten Augenblicken Gewicht verleihen.

Die Party bei Sams Schwester bricht die Dramaturgie ein wenig auf, doch getragen wird der Film ganz klar von seinen beiden Hauptdarstellern. Passenderweise ist ihre Geschichte in besonnenem Tempo und unaufgeregten Bildern erzählt, die oft atmosphärisch gerahmt werden. Die klassische, stete Kameraführung bietet eine erfrischende Abwechslung zu dem in vielen Genres zum Standard gewordenen, hektischen Handheld-Effekt. Nur gelegentlich wirken die Dialoge etwas zu hölzern und die visuelle Sprache ein wenig unterkühlt und distanziert.

„Ich will das Ganze mit dir bis zum Ende durchziehen. Das ist meine Aufgabe, und alles was mir bleibt“

Natürlich ist das zentrale Thema alles andere als schön. Den Kampf um Eigenständigkeit und Kontrolle sowie letztendlich den Verlust der eigenen Identität zu erleben, muss für Betroffene wie Angehörige eine der schwersten Prüfungen sein. So wird es in diesem Film auch immer wieder herzzerreißend emotional.

Zum Glück verhindern das facettenreiche Spiel Firths und Tuccis sowie die sichere Regie ein Abrutschen in die Rührseligkeit. In einer Schlüsselszene findet Sam Tuskers Notizbuch und stellt beim Durchblättern fest, dass dessen Handschrift immer fahriger, wirrer und lückenhafter wird, bis hin zu Gekritzel und schließlich nur noch leeren Seiten – eine gleichzeitig simple und doch kraftvolle Symbolik für den geistigen Verfall. Vor allem aber eine phänomenale Dinnerszene gegen Ende hat es in sich; hier kommt alles auf den Tisch, hier befindet sich der Höhepunkt, das Herzstück des Films. Beide Partner haben völlig unterschiedliche Ansätze, mit Tuskers schleichender Erkrankung umzugehen, beide sind in sich schlüssig, nachvollziehbar, berechtigt – und beide sind von tiefer Liebe motiviert. An diesem Punkt angekommen, müssen Tusker und Sam eine Bestandsaufnahme machen, sich nach langem Verdrängen schmerzhaften Wahrheiten endlich stellen und sich fragen, wie es weitergehen soll. Der reflektierte Umgang des Films mit diesen existenziellen Fragen regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern bietet auch mehr als eine wunderschöne, ehrliche und direkte Liebeserklärung. Die stimmigen Schlussszenen hallen noch lange nach, und der Kreis schließt sich mit dem titelgebenden Sternenhimmel.

Fazit

Ein kurzweiliges, einfühlsames und zärtliches Drama über die Herausforderungen, denen sich eine Liebe im Herbst des Lebens stellen muss – ruhig und klug erzählt, mit entsprechend melancholischer Stimmung und einigen malerischen Landschaftsaufnahmen. Der perfekte Film für die kalte Jahreszeit!

Fotos: © British Broadcasting Corporation, The British Film Institute, Supernova Film Ltd.

Supernova

  • UK 2020
  • dt. Kinostart: 14.10.2021

  • Regie & Drehbuch: Harry MacQueen

  • Darsteller: Colin Firth (Sam), Stanley Tucci (Tusker), Pippa Haywood (Lilly), Peter MacQueen (Clive)

  • Musik: Keaton Henson

  • Kamera: Dick Pope

  • Schnitt: Chris Wyatt

  • Produzenten: Emily Morgan, Tristan Goligher

  • Länge: 93 Minuten

  • FSK 12

  • BBC, Quiddity Films, The Bureau

  • StudioCanal

  • WELTKINO Verleih

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