Frida

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Carola Krauße-Reim
901001

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2023

Ergebnisse einer langen Suche

Kurz nach der Shoah gab es so gut wie keine Erinnerungskultur. Erst nach und nach und teilweise sogar erst sehr spät, fingen Überlebende des Grauens an, ihre Erlebnisse aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Mittlerweile, fast 78 Jahre nach Kriegsende, gibt es kaum noch Menschen, die selbst die Verfolgung der Juden erlebt haben. Nun ist es an den nachfolgenden Generationen das Erinnern daran wach zu halten. Oft sind es gerade die Enkel, die wissen wollen, was damals in ihren Familien geschah. Sie sind es, die sich auf die Suche nach den Angehörigen machen, die nicht wieder gekommen sind; sie sind es, die jetzt von den Schicksalen erzählen.  

Nina sucht Frida

Die Norwegerin Nina F. Grünfeld ist Professorin, Autorin und Filmemacherin. Zwei ihrer Film-Dokumentationen sind über ihren Vater, des inzwischen verstorbenen Psychiaters Berthold Grünfeld. In diesen Zusammenhang gehört auch das vorliegende Buch, das die Suche nach Bertholds Mutter und Ninas Großmutter Frida erzählt, die als Jüdin in der Tschechoslowakei die Shoah erlebte, vorher schon mit der Familie gebrochen hatte und seit dem nicht mehr aufzufinden ist. Schon zu Zeiten des Eisernen Vorhanges machte sich die 1966 geborene Nina auf um in Prag Spuren von Frida zu finden – vor allem ein Foto, denn ihre Familie besitzt nicht eine einziges Bild! Doch erst Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Ostblocks kann Nina die bis dahin erfolglosen Nachforschungen fortsetzen. Die Suche ist vielleicht auch dem besseren Verständnis von Vater Berthold geschuldet. Der reagierte manchmal unvorhersehbar, machte unterschiedliche Angaben zu Mutter und Vater und schien lange unter seiner schwierigen Kindheit gelitten zu haben.

Erkenntnisse und Fiktion ergeben eine Lebensgeschichte

Nina F. Grünfeld erzählt aus zwei Perspektiven: Ein Teil des Buches beschreibt ihre Suche nach Frida. Die Ergebnisse dieser Suche werden zu der im Vordergrund stehenden Lebensgeschichte der Großmutter. Die ist aber immer noch nur durch lange fiktive Passagen vollständig, denn vieles kann nur aus Schriftstücken rekonstruiert werden. Grünfeld hat intensiv und über viele Jahre Recherche betrieben, zahllose Archive bemüht und versucht Menschen zu finden, die Frida kannten und wissen, was mit ihr geschah. Aber die gibt es kaum noch. Erst durch unglaubliches Glück, findet sie tatsächlich den entscheidenden Hinweis auf das Schicksal der Großmutter. Schade ist, dass Grünfeld auch die Misserfolge wie einen großen Durchbruch schildert. Das ist zum Zeitpunkt der Entdeckung neuer hoffnungsvoller Hinweise auch legitim, doch im Nachhinein und nach der nüchternen Erkenntnis auf dem falschen Weg gewesen zu sein, hätte sie zumindest auf Fotos Unbeteiligter verzichten sollen. Neben Fridas Schicksal lernt man aber auch in langen Passagen die politische Situation der osteuropäischen Region kennen, die unter der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie zu Österreich gehörte und dann zum Spielball der Mächtigen wurde, bevor sie heute wieder aus den Staaten Ungarn, Tschechien und der Slowakei besteht.

Frida aus Leles

Fridas Leben ist gezeichnet von Verfolgung und Verlusten. Als junge Frau verlässt sie ihren Geburtsort Leles, in dem sie in der jüdischen Gemeinschaft aufgewachsen ist. In unterschiedlichen Städten verdient sie ihr Geld als Prostituierte. Ihren Sohn Berthold gibt sie nach der Geburt ab und verschwindet für Jahre komplett aus dessen Leben. Sie bekommt immer wieder Probleme mit der Polizei und während der Nazi-Herrschaft ist sie als slowakische jüdische Prostituierte erst recht im Fokus. Berthold wächst nach einigen unruhigen Jahren in Bratislava auf .Über Umwege findet er in Schweden Zuflucht vor den Nazis, bevor er in Norwegen heimisch wird. Doch ihm fehlen die Wurzeln und das Wissen um die eigene Familie.

Spannend und traurig zu lesen

Grünfelds Suche ist eine Art Schnitzeljagd – von einer Erkenntnis zur nächsten hangelt sie sich weiter. Die Schilderungen sind sehr ausführlich, aber auch sehr spannend. Manchmal sind es kleinste Hinweise, die sie weiterbringen, manchmal entpuppen sich vermeintliche Tatsachen als völlig falsch und sehr oft läuft alles einfach nur ins Leere. Tragisch ist, dass hier das Schicksal einer Frau geschildert wird, die schon vor der Nazi-Herrschaft leiden musste. Dadurch ist nicht nur Fridas Leben, sondern auch ihr Charakter sehr interessant. Das man den als Außenstehender vielleicht anders beurteilt, als eine fast schon verzweifelte Angehörige, ist wohl legitim. Was man Frida aber nicht absprechen kann, ist ihr starker Wille und ihre Zähigkeit. Doch mit der Kenntnis des Schicksals der Großmutter hört das Buch nicht auf. Grünfeld geht auch Spuren von Fridas Geschwistern nach und lernt auf der Suche tatsächlich Verwandte kennen, die für sie vorher nur Namen waren. Im Nachgang schildert sie auch die Schicksale dieser anderen Familienangehörigen. In einem Nachwort korrigiert sie sogar manches, das sich nach dem Erscheinen der norwegischen Originalausgabe 2020 als falsche Annahme herausgestellt hat. Der Anhang des Buches umfasst neben einem Literatur- und Quellenverzeichnis Angaben zu den Archiven, die Grünfeld kontaktiert hat und vor allem einen Stammbaum der Familie Grünfeld und ein Abbildungsverzeichnis. Nur sehr wenige der kleinformatigen Fotos sind aus Familienbesitz, die meisten sind Aufnahmen verschiedenster Art aus den Archiven - ein Bild von Frida fehlt leider weiterhin.

Fazit

Grünfeld gelingt die Schilderung einer spannenden und sehr berührenden Suche nach einer Frau, die schon vor der Shoah zu kämpfen hatte. Intensiv recherchiert und großartig geschrieben ist „Frida“ ein weiteres Erinnerungsstück an ein Opfer der Shoah, aber auch die ganz persönliche Schilderung einer Enkelin, die ihre Großmutter und ihre ganze väterlicher Familie vermisst und deren Schicksale kennen

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