In der Ferne

- OT: In the Distance

- aus dem Englischen von Hannes Meyer

- HC, 304 Seiten

In der Ferne
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Monika Wenger
831001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2021

Ein besseres Leben

Håkan Söderström und sein Bruder Linus wachsen in der Mitte des 19. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen im ländlichen Schweden auf. Die Eltern wollen für ihre Kinder ein besseres Leben und beschaffen mit dem letzten Geld zwei Schiffspassagen nach New York. Doch Håkan verliert seinen Bruder Linus beim Umsteigen in der Menschenmenge des Hafens von Portsmouth.

Die große Reise beginnt

Nach dem ersten Schrecken versucht Håkan, der fremden Sprache nicht mächtig, das richtige Schiff nach New York zu finden - verbunden mit der Hoffnung, dass sich Linus auf diesem befinden wird. Endlich auf See, begreift er zu spät, dass die Fahrt wohl nach Amerika, aber nicht nach New York, sondern nach Kalifornien geht. Nur dank der Hilfe und der Fürsorge einer irischen Familie übersteht er die abenteuerliche Reise. Nach der Ankunft in Kalifornien will Håkan so rasch wie möglich nach New York. Dort, so hofft er, würde er seinen Bruder wiederfinden. Doch erst wird er von der irischen Familie, welche sich der Goldsuche verschrieben hat, als Lastesel missbraucht, um dann bei einem Überfall entführt zu werden.

Lange Zeit wird er in einem Haus, dessen Besitzerin ihn sexuell nötigt, festgehalten, bevor er fliehen kann. Die Angst vor den Häschern und die Hoffnung auf das Wiedersehen mit dem Bruder treiben ihn immer weiter und weiter ...

Angst und Hoffnung bleiben für lange Zeit die einzigen Konstanten in seinem Leben. Nur der Gedanke an seinen Bruder hält ihn auf seinem Weg nach Osten, quer durch Amerikas Weiten. Oft ist er zu Fuß unterwegs. Er lernt von Menschen, welche ihm wohlgesonnen sind, und muss doch immer wieder flüchten, weil sich die Dinge gegen ihn wenden. Bei einem Überfall auf eine Planwagen-Karawane setzt er sich beherzt für die Siedler ein und erwirbt sich damit den Status eines Helden. Der Ruf eilt ihm voraus und die Geschichte entwickelt ein Eigenleben. Durch Hinzufügen und Weglassen einzelner Gegebenheiten wird er zur Legende.

Viele Jahre sieht er sich den Naturgewalten ausgesetzt, immer auf dem Weg zu seinem Bruder, begegnet Menschen, erfährt ein wenig Zuwendung, wird aber eben auch oft ausgenutzt und verliert sich mit der Zeit selber. Eines Tages erkennt er die Sinnlosigkeit seines Tuns und weiß, dass es genug ist ...

«Bisher hatte sich Håkan stets von einer Vergangenheit entfernt, aber nie einer Zukunft genähert.»

Der Roman von Hernan Diaz beschreibt auf eindrückliche Art und Weise den Wilden Westen, die Zeit des Goldrausches und der Wanderung der Siedler. Er erzählt aber auch von den Strapazen für die Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben und etwas Glück. Håkans Suche nach dem Bruder ist geprägt von Entbehrungen, Einsamkeit sowie seelischen und körperlichen Verwundungen. Sein ganzes Leben wandert er durch Amerikas Landschaft und verliert sich dabei zeitweise selbst. Obwohl Håkan im zwischenmenschlichen Bereich ein sehr einfach denkender Mensch zu sein scheint, besticht er mit seinen Fähigkeiten, in freier Natur zu handeln und sich damit sein Überleben zu sichern.

Die Geschichte erhält durch den beobachtenden Erzählerstil eine ganz besondere Wirkung. Themen wie Heimat, Verlassenheit, Menschlichkeit, aber auch Grausamkeit, Macht und Gier sind wichtige Bestandteile dieses Romans. Tief beeindruckt begleiten die Leser*innen Håkan auf seiner Lebensreise.

Fazit

Eindrücklich, kraftvoll, bildhaft – die Erzählung von Håkans Reise auf der Suche nach seinem Bruder Linus ist in vielen Bereichen intensiv und sehr direkt. Der Erzählerstil bleibt stets sachlich und distanziert, was die Wirkung der Handlungen und die Eindrücke der durchwanderten Landschaften noch verstärkt. Eine spannende und beeindruckende Lektüre.

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