Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Vernon Subutex 2, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei KiWi.

Bibliographische Angaben

  • New York: Hachette, 2016 unter dem Titel Vernon Subutex 2.400 Seiten.
  • Köln: KiWi, 2018.Übersetzt von Claudia Steinitz.ISBN: 978-3-462-05098-1.400 Seiten.

'Das Leben des Vernon Subutex 2' ist erschienen alserschienen als HCals TB nicht erhältlichals CD nicht erhältlich

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Das meint Belletristik-Couch.de: Menschen, die dich nerven, unsichtbar machen96Treffer

Rezension von Almut Oetjen

>Das Leben des Vernon Subutex 2< schließt unmittelbar an den ersten Band, >Das Leben des Vernon Subutex 1<, an, beginnt, als würde man in diesem lediglich eine Seite weiterblättern. Der Protagonist Vernon Subutex ist auf dem Pfad seines sozialen Abstiegs unten angekommen. Band 1 erzählt davon, wie Vernon nach Schließung seines Schallplattengeschäfts Revolver und dem Tod seines Freundes und finanziellen Unterstützers Alexandre Bleach seine Unterkunft verliert und nach einer Odyssee durch die Wohnungen und gelegentlich auch Betten seiner Freunde und Bekannten als Obdachloser endet.

Vernon besitzt die letzten Videoaufnahmen von Alex, die von vielen Menschen, insbesondere aus der Medienwelt, als Geständnis heiß begehrt sind. Die zentrale Rolle in der Suche nach dem Video spielt der Produzent Laurent Dopalet, Auftraggeber der Hyäne. Er ist ein unangenehmer Charakter und will seine Vergangenheit vertuschen.

Aber auch Vernons Freunde und Bekannten, die von seinem Schicksal wissen und das Gefühl haben, sie hätten ihn in der Not im Stich gelassen, begeben sich auf die Suche nach ihm. Diese Suche bringt sie einander näher und zeigt ihnen, dass sie nicht nur unterschiedlich sind, sondern viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Als sie Vernon schließlich finden, ist er verstört, krank und hungrig, das harte Leben auf der Straße hat seine Spuren an Körper und Seele hinterlassen.

Die Geschichte wird nahtlos fortgesetzt, weshalb es sinnvoll ist, den ersten Band vor dem zweiten zu lesen. Es ist der Unterschied zwischen einer Trilogie und einem Dreiteiler, der sich hier bemerkbar macht. Die Dialoge sind sehr gut und knapp entwickelt, oftmals als kenntnisreiche Kommentierung der heutigen französischen Verhältnisse angelegt.

Despentes verringert im Vergleich zu Band 1 das Handlungstempo. Sie nimmt sich Zeit, das Leben auf der Straße zu beschreiben, das Sichzurechtfinden in einer neuen Lage, die langsam zur Normalität wird. Unterschwellig läuft meist die Frage nach dem Sinn des Lebens mit.

Vernon lässt sich treiben, beobachtet dabei seine Veränderungen, auch im Verhältnis zu den Menschen, die ihn neuerdings umgeben. Er freundet sich mit Charles an, der spät in seinem harten Leben zwei Millionen Euro in der Lotterie gewonnen hat, hiervon aber niemandem erzählt und sein Leben im Wesentlichen so weiterführt wie immer, nur dass er beim Einkauf im Supermarkt nicht mehr auf die Preise schaut und sich einmal im Monat neue Schuhe kauft. Außerdem unterstützt er Menschen seiner Umgebung möglichst unauffällig.

Natürlich vernachlässigt Despentes auch die anderen Charaktere nicht, die im ersten Teil vorgestellt wurden. Wir erfahren, wie es Xavier ergeht, der von Neo-Nazis ins Koma geprügelt wurde, und wir erfahren mehr über eben diese Neo-Nazis. Die zum Islam konvertierte Aicha, Tochter der toten Vodka Satana, eines ehemaligen Pornostars, findet heraus, dass ihre Mutter nicht mit einer Mischung aus Beruhigungspillen, Kokain und Alkohol Selbstmord begangen hat. Aicha steht der Sinn nach Rache.

Die Hyäne beschafft das Bleach-Video, dass längst nicht mehr im Besitz Vernons ist. Die Sichtung des Videos berührt Vernons Freunde und die Hyäne auf unterschiedliche Weise und weckt in ihnen das Bedürfnis zum Handeln.

Despentes beschreibt Paris so, dass es auf andere Umgebungen verallgemeinerbar ist. Bei den Akteuren kann es sich auch um Menschen irgendeiner anderen Metropole handeln, in der Gier, Rücksichtslosigkeit, Angst und die Sicht, dass Ethik das Gewinnstreben behindert, wichtige Antriebe sind. Die Angst wird einmal als erste Nebenwirkung des Geldes bezeichnet.

Während der Lektüre von >Das Leben des Vernon Subutex 2< gibt es Momente, in denen die Frage aufkommt, wann es denn mit der Person Subutex weitergeht. Er steht zwar nach wie vor im Zentrum der Erzählung, aber er ist recht still und über weite Strecken passiv. Allerdings macht er deutlich, dass er den Weg zurück in sein altes Leben ablehnt.

Der Roman besteht überwiegend aus einzelnen Geschichten über Personen im Orbit der Hauptfigur, aus biografischen Skizzen und Alltagsgeschichten. Despentes erzählt, wie die Charaktere wurden, was sie sind, was sie am oder im Leben hält, oder in einer Welt, in der sie nicht gut behandelt werden.

Das Gefühl, den Wald vor lauter Bäumen nicht zusehen, beschleicht gelegentlich. Bis zu der Einsicht, dass der Wald aus eben diesen Bäumen besteht, die durch ein komplexes Wurzelwerk verbunden werden, welches Despentes geschickt sichtbar macht. Sobald dann wieder Politik und Gesellschaft eine Rolle spielen, kehrt sich die Frage um: die Bäume sind durch den Fokus auf den Wald nicht zu erkennen. Regierungen, Machthaber interessieren sich nur für den Wald und verwenden gelegentlich Bäume als Argumente, weil nicht der Wald sie wählt. An einer Stelle im Roman lesen wir: „Was du als Kellnerin als Erstes lernst, ist, Gäste unsichtbar zu machen, die dich nerven.“ (S.222) Das gelingt vielleicht am besten, wenn man den Fokus auf den Wald richtet.

Fazit

Virginie Despentes verlangsamt in >Das Leben des Vernon Subutex 2< das Erzähltempo und räumt, nach Konzentration auf die Charaktere im ersten Band, gesellschaftspolitischen Problemen größeren Raum ein. Das Video von Alex Bleach wird angeschaut und enthüllt einige erstaunliche Dinge, die der Handlung Impulse für den dritten Teil geben. Das Buch endet mit Aktivitäten, die die Ruhe vor dem Sturm bezeichnen.

Almut Oetjen, November 2018

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