Das Leben des Vernon Subutex 1 von Virginie Despentes

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Vernon Subutex, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei KiWi.

Bibliographische Angaben

  • New York: Hachette, 2016 unter dem Titel Vernon Subutex.400 Seiten.
  • Köln: KiWi, 2018.Übersetzt von Claudia Steinitz.ISBN: 978-3-462-05207-7.400 Seiten.

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Das meint Belletristik-Couch.de: Die Zeichen stehen auf Brutalität96Treffer

Rezension von Almut Oetjen

In Despentes Sozialkrimi >Apokalypse Baby< (2012) wird eine Spezialistin für Vermisstenfälle Hyäne genannt. Sie soll innerhalb von zwei Wochen eine verschwundene Fünfzehnjährige wiederfinden und nach Hause bringen. Die Autorin entwickelt eine differenzierte Welt und stellt bisweilen die Negative zu Abbildungen bereit, die wir zu Positiven unseres Alltags verfremdet haben. Der gesellschaftliche Rand ist nur eine andere Ausdrucksform der Mitte einer Gesellschaft, in der Moral und Regeln eine abnehmende Rolle spielen. Es gibt in >Apokalypse Baby< eine Agentur, die im Auftrag von Unternehmen Konkurrenz im Internet unter Beschuss nimmt (Veränderung oder Löschung von Webseiten beziehungsweise ganzen Internetauftritten).

Die Hyäne taucht in >Das Leben des Vernon Subutex 1< wieder auf. Sie ist so versiert im Umgang mit sozialen Medien, dass sie ihr Geld verdient, indem sie online anonym Existenzen schreddert. Anfangs schrieb sie noch positive Auftragskritiken, stellte jedoch bald fest, dass es einfacher ist, jemanden „im Netz zu lynchen“.

Vernon Subutex, die Hauptfigur des Romans, hat eine Vergangenheit als Besitzer des Schallplattengeschäfts Revolver. Über den Laden konnte er sich mit der Musikbranche vernetzen und kam immer an Mädchen heran. Im Jahr 2006 jedoch musste er seinen Laden schließen, mit Dank an die digitale Veränderung seit den 1990er Jahren. Eine Zeitlang lebt er vom Verkauf seiner Sammlung guter alter Vinylscheiben auf Ebay und von kleinen Jobs.

Seine Freunde waren entweder biedere Familienmenschen geworden oder standen aufgrund ihres Alkohol- und Drogenkonsums auf dem Auftragszettel des Todes, soweit dieser Auftrag fallweise nicht schon erledigt war, wie bei Bertrand, Jean-No, Pedro oder Pierrot. Vernon geht auf die 50 zu, findet keinen Job, kann seine Miete nur noch so lange bezahlen, bis sein ihn unterstützender Freund, der Musiker Alexandre Bleach, sich das Leben nimmt. Vernon fliegt aus der Wohnung.

Der ungewöhnliche Nachname oder Beiname Subutex steht für ein Substitutionsmedikament mit dem Wirkstoff Buprenorphin, das zur Entwöhnung von harten Drogen beitragen soll, aber auch als Schmerzmittel eingesetzt wird. Seine Wirkstärke beträgt das 25-50-fache von Morphin. Mit dieser Information lässt sich Vernon in seinem Verhältnis zu seiner Umwelt besser verstehen.

In dem Bemühen um alte Bekanntschaften, um einen Platz zum Übernachten, wenigstens für kurze Zeit, um den Weg ins Bett weiblicher Bekanntschaften, folgt der Roman Vernon durch Paris. Dieser Weg bietet die Gelegenheit, verschiedene Charaktere vorzustellen, die hilfreich sind, das gesellschaftliche Feld zu vermessen, in dem sich der Protagonist durchzuschlagen versucht. Ein paar dieser Charaktere seien kurz genannt.

Der Musikstar Alexandre „Alex“ Bleach, bewundert und geliebt, zu allem um seine Expertenmeinung gefragt, ist ein Misogynist und Rassist wie aus dem Lehrbuch. Die frühere Musikerin Emilie, die heute im Staatsdienst arbeitet, ist fett geworden und könnte wegen ein paar Krümeln unterm Tisch zur Mörderin werden. Drehbuchautor Xavier, verheiratet, Vater, Antisemit, Rassist, hasst nahezu jeden Menschen, vor allem erfolgreichere Kollegen.

Der reiche Banker Kiko gefällt sich in seiner Vorstellung und Darstellung als Rebell; sein verlogenes Rebellentum speist sich jedoch nur aus dem sexuellen und materiellen Wettbewerb. Der alleinerziehende Patrice, der seine Frau Cécile misshandelt hat, bis sie ihn mit den Kindern zurückließ, träumt davon, Attentäter und Massenmörder zu sein, bereitet aber mit Vernon ein Gratin zu.

Transgender Daniel (f to m, female to male) ließ sich in seiner Zeit als Frau die Brüste vergrößern und sie in seiner neuen Identität als Mann vollständig entfernen. Die ehemalige Pornodarstellerin Pamela Kant will für Kinder ein Lehrbuch über Pornografie schreiben, hält dies für sinnvoll, weil die Kleinen im Internet damit überschwemmt werden.

Die Musik-Journalistin Lydia Bazooka, die als eifriges Pin-up-Girl beschrieben wird, beginnt nach dem Tod von Alex sogleich mit der Arbeit an dessen Biografie. Vodka Satana, Pamela Kant, Lydia Bazooka – Namen wie aus einem Comic. Sophie, deren drogenabhängiger Sohn Nicolas an einem Cocktail aus Heroin und Batteriesäure gestorben ist, behält ihn nur als kleinen Jungen in Erinnerung.

Es gibt keine strahlenden Figuren, dafür aber mit Leben gefüllte Charaktere. All diese Geschichten werden entwickelt als individuelle Sichten und aus den Köpfen der Figuren heraus. Gelegentlich kommen zwei Personen zusammen, und wir erfahren etwas über eine aus der Sicht der jeweils anderen, wobei schließlich die Verbindung beider Perspektiven ein anderes Bild einer Person liefert.

Vernon besitzt das letzte Video des toten Alex Bleach. Leute aus dem Film- und Musikbusiness sind darauf ebenso scharf wie Lydia Bazooka. Medienmensch Laurent Dopalet, selbst wenig erfolgreich, aber mit einer superreichen Frau verheiratet, setzt die Hyäne auf das Video an. Aus diesen Bestrebungen entsteht eine Art roter Faden, durch den die einzelnen Episoden verknüpft werden. Außerdem durch die Abfolge subjektiv-perspektivischer Sichten auf Vernon.

Die Handlung und ihre Charaktere sind kulturell fest verortet durch im Text genannte Musik, Filme und Zeitschriften. Die beschriebene Gesellschaft ist rassistisch und frauenfeindlich. Über binäre Sortierung lassen sich zudem eine Menge andere Feindbilder bestimmen: Dicke durch Dünne, Kinderlose durch Eltern, Alte durch Junge, Besitzlose durch Besitzende, wechselweise Christen, Juden, Araber, Sex vor und nach dem Kind, die Ehefrau vor und nach dem Kind.

Die Autorin liefert ein Beziehungsnetz, Charakterstudien miteinander bekannter Personen, ihrer persönlichen Geschichten und Rivalitäten. Viele ihrer Charaktere erkennen sich irgendwann im Leben nicht wieder und wundern sich, welchen Weg sie zwischen zwei Polen zurückgelegt haben: dem frühen, der ihre Vorstellung von der Zukunft bestimmte, dem heutigen, der sich ganz woanders befindet, ob mit oder ohne Geld und materiellen Besitz. Vernon scheint die schnelle Entwicklung seiner Welt in eine lebensfeindliche verschlafen zu haben. Napster und seine Arbeitslosigkeit, aus der er nicht mehr herauskommt, sind nur Symptome für eine Entwicklung, die die Mittelschicht ins Zentrum des Zusammenbruchs rückt.

Die Sprache spiegelt die Protagonisten. Die Sätze sind überwiegend kurz. Dahinter wird sichtbar, wie Despentes Pfade durch Paris zieht, die sich zu einem geschickt geknüpften Beziehungsnetz auswachsen.

Fazit

Virginie Despentes hat mit >Das Leben des Vernon Subutex 1< eine böse Geschichte über den wachsenden Randbereich der französischen Gesellschaft geschrieben, über den globalen Kapitalismus als kannibalische Festveranstaltung. Auf den ersten Seiten präsentiert sie im Anriss eine zynische politisch-ökonomische Realität, die an späteren kurzen Stellen vertieft wird. Eine Geschichte, die sich ähnlich auch in anderen Ländern abspielt.

Almut Oetjen, Oktober 2018

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