Der Mond ist unsere Sonne

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 205, Originalsprache

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59

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Myra Wehbrink
Voll real

Buch-Rezension von Myra Wehbrink Sep 2011

Alen befindet sich in einem Schwebezustand, er steht auf der Schwelle. Auf der Schwelle der Diskothek, auf der Schwelle zwischen Heimat und Heimatlosigkeit. Es beginnt eine Suche. Eine Suche, die ihn zeitweise verzweifeln lässt.

Hip-Hop, Hip-Hop

Calis beschreibt Alens Suche mit einer Sprache, die seiner Leidenschaft nachempfunden ist: Hip-Hop! Geschichten werden zu Songtexten, Rhythmen zu Alens Seelenspiegel. Diese Form der Ausdrucksweise ist Alens Möglichkeit, seine Gefühle in Worte zu packen. Er beginnt selbst zu schreiben. Er schreibt, um sich zu vergewissern, dass er noch da ist. Dass er nicht zu einem der Zombies geworden ist, die ihn jede Nacht umgeben.

Coming-of-age-Roman?

Der Mond ist unsere Sonne fängt viel versprechend an. Alens Familiengeschichte ist geheimnisvoll, problematisch und undurchsichtig. Sie handelt von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit und Alkohol.

Gerade diese Probleme treiben Alen zu der Frage:

 

Wo gehöre ich hin?

 

Calis verbindet diese mit einem geheimnisvollen Schatz, der in Armenien liegen soll. Daraus könnte sich eine Geschichte entwickeln, die Alen auf die Reise schickt, sich selbst zu finden und die Geheimnisse seiner Familie zu erforschen. Diese Geschichte wird jedoch nicht erzählt.

Alen traut sich nicht nachzufragen, tiefer zu blicken und bleibt damit oberflächlich. Auch die vermeintlich ausdrucksvolle Sprache des Buches klingt teilweise abgedroschen und ruft Bilder von Ganster-Rappern und Goldkettchen hervor. In diese Rolle möchte der Autor seine Figur aber gar nicht drängen. Alen ist eher einfühlsam, zurückhaltender als seine Kumpels und verliebt in ein braves Vorstadtmädchen. Der Zwiespalt zwischen dem harten Leben auf den Baumheider Straßen und den Wünschen, die Alen hat, werden sehr deutlich. Oft zu deutlich. Subtilität kann man dem Buch auf keinen Fall bescheinigen.

Nach einer Weile möchte man den ewigen Hip-Hop-Beat im Hintergrund abstellen. Vielleicht gehöre ich aber auch einfach zur falschen Zielgruppe. Zu denen mit einem anderen Musikgeschmack.

Das Buch hat Züge eines Coming-of-age Romans, führt diese jedoch nicht bis zum Schluss aus. Das Ende ist vorhersehbar und auch der Höhepunkt der Geschichte ist nicht überraschend. Was wirklich schade ist, denn das Buch hat das Potential eine andere nicht ganz so simple Wendung zu nehmen.

Authentisch und autobiographisch

Gelungen finde ich die Art des Arrangements, das Calis wählt. Oft fragmentarisch beschreibt Alen seinen Alltag. Es werden notizenhaft seine Gedanken vorgetragen. Das Buch erzählt nicht kontinuierlich, sondern springt. Verwirrend für den Leser, aber man bekommt einen Eindruck davon wie Alen sich zwischen Tag und Nacht lebend fühlen muss. Zusätzlich wirkt es authentisch, gerade dadurch, dass es autobiographische Züge trägt. Der Autor hat keine Mühe den Protagonisten in Baumheide auf die Straße zu schicken. Seine Stimme wirkt nicht bemüht oder gekünstelt. Im Hip-Hop-Slang würde man sehr wahrscheinlich sagen: Voll real, Alter!

Insgesamt würde ich nicht sagen: Auf keine Fall lesen!, aber man sollte auch keine zu hohen Ansprüche an die Geschichte haben.

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Letzte Kommentare:
30.12.2014 07:01:24
M. Lehmann-Pape

Das Vorurteil, das Türsteher sämtliche Lebensenergie zum einen in den Oberarmen einlagern und zum anderen sich stets auf halbseidenen Fäden durchs Leben bewegen, widerlegt Calis in diesem Buch eindruckvoll. Aber schon sein Werdegang ist sicherlich nicht sonderlich typisch in der Verbindung seiner Tätigkeit zu Zeiten als Türsteher und seines Studiums der Regie samt beruflicher Erfahrungen dann im Regiefach.

Beides aber fließt im Buch in bester Weise zusammen. Die harte, wie rappende Sprache. Direkt, klar. Die Szenen wie mit schnellen Schnitten aneinandergereiht und dennoch mit einem roten Faden verbunden. Autobiographische Züge tun ihr Übriges, um die Geschichte nah an der Realität stattfinden zu lassen. Diese Welt des Nachts, die kennt Calis gut.

Wie Calis selbst ist seine Hauptfigur, Alen, Türsteher in Bielefeld mit armenischen Wurzeln. Anders als Calis aber hat Alen nichts, was ihn in die Zukunft tragen könnte, lebt nur den Tag, das Umfeld, seine Freundin. Bis dieses Leben vor die Wand fährt und alles ins Wanken gerät.

Innere Rettung und eine ganz andere Perspektive bietet Alen dann erst die Geschichte seines Onkels über einen Schatz, der in der alten Heimat vergraben liegt. Ein Schatz, der eng verbunden ist mit der Geschichte der Familie väterlicherseits. Wurzeln auch des eigenen Lebens, die sich hier andeuten.

Alen macht sich auf den Weg. Nicht nur zu einem vermeintlichen 'Gewinn' hin, sondern auch weg aus den alten Bezügen, hin zu den Orten der heimatlichen Wurzeln, hin auch zu sich selbst. Eine 'innere Entdeckungsreise', auch das ist es, was Calis intensiv und teils fast schmerzlich direkt zu erzählen versteht, eingebunden in die äußere, harte Schale Alens und die zumeist kompromisslose Umgangsweise untereinander in seinen Kreisen.

Tief sitzt sie, eine gewisse Unversöhnlichkeit, in den Figuren. Eine 'in sich eingeschlossen Sein', dass es fast unmöglich macht, wirklich miteinander in innere Beziehungen zu treten. Und tief reichen die Folgen dieser ungewollten und unkontrollierbaren Abschottung.

'Entweder ziehst Du Dich hier raus, oder Du versinkst bedeutungslos im Sumpf der Geschichte..... Aber Nein, Du hältst inne und holst aus und fängst an zu schlagen'. So sieht sie aus, die fast immer letzte Konsequenz des Handelns in Alens Welt. Einer Welt, in der für ihn eines feststeht: 'Ich werde nicht ohne Grabstein in der (fremden) Erde liegen'. Nicht, ohne Bedeutung gehabt zu haben. Irgendwo und irgendwie.

So lässt Nuran David Calis den Leser fast wie ein Türsteher mit hinein in die Welt seines 'Clubs', dessen Türen er in diesem Buch weit öffnet. Eine Welt 'von unten', mit Kraft und Dynamik, oft aber ungerichteter Kräfte, die ihren wirklichen Weg nur schwer finden und sich all zu oft selber im Wege stehen. Kräfte, die dennoch von der Hoffnung getragen sind, anzukommen.

Temporeich, schnell, hart, rau im Ton und doch erkennbar nicht ohne Emotion legt Nuran David Calis ein authentisches und rasant zu lesendes Buch vor, in dem die Handschrift des Regisseurs und die Erfahrungen mit Hip-Hop Musikclips deutlich erkennbar ist in einer Migrations-Welt, die zwischen Abend und Tag stattfindet.