Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Beech Tree Books, 1985, Titel: 'The farmers on their way to a dance', Seiten: 352, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2011, Seiten: 461, Übersetzt: Henning Ahrens

Couch-Wertung:

80

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
1 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:85
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":1,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Myra Wehbrink
Ein Foto für ein ganzes Jahrhundert

Buch-Rezension von Myra Wehbrink Sep 2011

Richard Powers Erstlingswerk, 1985 veröffentlicht, erscheint nun in der deutschen Übersetzung bei S. Fischer. Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz erzählt drei unterschiedliche Geschichten. Wir begleiten einen Ich-Erzähler, drei junge Bauern und Peter Mays. Die Geschichten wechseln sich regelmäßig ab und scheinen strikt voneinander getrennt zu sein.

Fäden knüpfen

Der Ich-Erzähler beginnt das Buch mit der Entdeckung der Photographie von August Sander aus dem Jahr 1914. Im Museum in Detroit begegnet er der Aufnahme und hat den Eindruck, dem 20. Jahrhundert ins Gesicht zu schauen. Aus diesem Erlebnis entspinnen sich alle weiteren Geschichten. Das Bild fasziniert ihn so sehr, dass er sich im Laufe des Buches immer weiter in die Recherche vertieft. Seine persönliche Geschichte tritt sukzessive zurück. Stattdessen werden die zeitgeschichtlichen Hintergründe der Photographie, die Biographie August Sanders sowie Henry Fords in essayistischen Passagen ausgeführt.

Die drei Bauern treffen wir auf einer matschigen Straße auf dem Weg zu einer Maikirmes. Alle drei - jung, frisch verliebt und von politischem Eifer beseelt - freuen sich auf den bevorstehenden Tanz. Das Datum am Anfang des Kapitels verrät, dass der erste Weltkrieg kurz bevor steht. Er wird das Leben der drei Bauern bestimmen. Ganz unterschiedlich werden sie aus diesem hervorgehen und in überraschender Weise mit den anderen Protagonisten in Verbindung stehen.

Den dritten Handlungsstrang bildet das Leben Peter Mays. Er arbeitet in der Redaktion einer Technikzeitung und ist mehr als gelangweilt von seinem Job. Dies ändert sich erst, als er von einer unbekannten Rothaarigen in Bann gezogen wird. Diese Begegnung hat eine ähnliche Auswirkung wie die Begegnung des Ich-Erzählers mit dem Bild von Sander. Mays begibt sich auf die Suche nach der geheimnisvollen Frau und verstrickt sich in seiner eigenen Familiengeschichte.

Archiv des 20. Jahrhunderts

Den Kern der Geschichten stellt die Photographie August Sanders dar: Die drei Bauern. Wir treffen sie, als das Foto entsteht. Die anderen Handlungsstränge beruhen auf der Recherche über die Hintergründe. Wir erfahren, dass Sander sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Bildatlas "Menschen des 20. Jahrhunderts" zu erstellen. Powers stellt uns aus diesen hundert Gesichtern einige in seinem Buch vor und gibt so ein Zeitbild des 20.Jahrhunderts wieder.

Obwohl der Ich-Erzähler und Mays in der Gegenwart leben, tragen sie zur Konstruktion der Vergangenheit bei, indem sie sich intensiv mit ihr und ihren Auswirkungen beschäftigen.

Die einzelnen Fäden der Geschichten werden erst am Ende des Buches miteinander verknüpft. Somit bleibt es auch über 462 Seiten bis zum Ende spannend. Im Sinne der historischen Recherchearbeit, die immer weitere Puzzlestücke zu Tage fördert.

Das könnte trocken klingen. Powers schafft es, die Nachforschung durch teils amüsant geschilderte Lebenspassagen aufzulockern. Stellenweise jedoch sind die biographischen und philosophischen Ausführungen langatmig und zäh.

Das Buch spielt auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Neben reinen Biographien widmet der Autor sich der zeitgenössische Kunst, Photographietheorien, historischen Ereignisse und einer Flut von Zitaten. Zuweilen wirkt die Anhäufung von Wissen in Verbindung mit dem Erzählsstrang konstruiert.

Ich fühlte mich an Jostein Gardners Sophies Welt oder Umberto Ecos Im Name der Rose erinnert. Auch hier gibt es mehrere Verständnisebenen, die nicht zwangsweise durchdrungen werden müssen. Bestimmt eröffnet das Buch jenen, die alle Ebenen im Zusammenspiel aufnehmen können, einen tieferen Genuss. Doch auch ohne all das ist Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz lesenswert und regt zur eigenen Recherchearbeit an.

Powers macht mit seinen Geschichten deutlich, was für ihn den Zeitgeist des 20. Jahrhunderts ausmacht. Es ist die "Synchronizität. aller Zeiten zugleich." Fotos sind für ihn Erinnerungen, die man an die Zukunft abgeschickt hat, und der Fotoapparat steht als Sinnbild für die Gleichzeitigkeit.

 

Die Linse einer Kamera ist ein von zwei Seiten zugängliches Portal, durch das sowohl der Gegenstand des Fotos als auch der Betrachter in eine andere Zeit blicken. Der Gegenstand, der sich der Dauerhaftigkeit des Dokuments bewusst ist, schickt eine Erinnerung an die Zukunft ab. Der Betrachter, der später an diese Erinnerung anknüpft, versucht, das Bild vor dem Verschwinden zu bewahren. Beide sind in diesem Moment anwesend; beiden wird offenbart, dass sie durch die Zeit treiben und diese wie ein Flickwerk zusammensetzen.

 

Als Leser nehmen wir die Kamera in die Hand und arbeiten mit Powers an dem Flickwerk der Erinerungen.

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

Deine Meinung zu »Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
24.02.2015 17:25:22
Andreas Schröter

Ein Foto des Kölner Fotografen August Sander aus dem Jahre 1914 war es, das den amerikanischen Autor Richard Powers ("Der Klang der Zeit", "Das Echo der Erinnerung") 1985 zu seinem ersten großen Roman inspirierte: "Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz." Erst jetzt ist er auf Deutsch erschienen.

Powers, geboren 1957, nimmt das Foto, das drei junge Männer in Anzügen und mit Spazierstöcken auf einer matschigen Landstraße zeigt, zum Anlass für ein jahrhundertumspannendes Gesellschaftsportrait. Dabei arbeitet er mit unterschiedlichen Erzählsträngen, die teils in der Zeit um den Ersten Weltkrieg, teils in den 80er-Jahren, also in der Gegenwart der Roman-Entstehung, spielen. Erst gegen Ende des Buches stellt Powers Verbindungen zwischen den Strängen her: Die Protagonisten der Gegenwart sind zum Teil Nachfahren der drei Männer auf dem Foto.

Eine solche nicht-lineare Roman-Konstruktion macht es dem Leser nicht ganz einfach, und ein gewisses Maß an Konzentration ist erforderlich, um dem 460-Seiten Buch folgen zu können. Als Schmöker für den Strand ist dieser Roman sicher nicht geeignet. Auch neigt Richard Powers dazu, immer wieder langatmige philosophische Betrachtungen zum Beispiel über das Wesen der Fotografie einzustreuen.

Trotz dieser Kritikpunkte ist "Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz", in dem auch der Autobauer Henry Ford eine wichtige Rolle spielt, weit davon entfernt, ein missratenes Werk zu sein. Die oft humorvollen - natürlich erfundenen - Geschichten der drei Männer auf dem Foto lesen sich durchaus unterhaltsam. Gleiches gilt für jene Textstellen, die sich mit Peter Mays, einem Redakteur bei einer Fachzeitschrift für Elektronik, befassen. Er ist besessen von einer rothaarigen Frau, die er nur einmal von weitem gesehen hat und beginnt gleichzeitig eine Liebschaft mit einer Kellnerin in einem Nobelrestaurant.

Fazit: "Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz" ist ein Roman mit vielen gelungenen Sequenzen, wirkt in seiner Gesamtheit aber ein wenig überambitioniert und konstruiert.