Skandinavisches Viertel von Thorsten Schulz

Buchvorstellungund Rezension

Skandinavisches Viertel von Thorsten Schulz

Originalausgabe erschienen 2018 bei Klett-Cotta.

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2018.ISBN: 978-3-608-98137-7.265 Seiten.

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    Das meint Belletristik-Couch.de:61

    Rezension von Julian Hübecker

    „Sisyphos, liest er, wird von den Göttern verurteilt, einen riesigen Stein bergan zu rollen. Immer wenn er den Gipfel fast erreicht hat, rollt der Stein wieder hinunter, und Sisyphos muss aufs Neue beginnen.“

    Matthias ist ein kleiner Junge, als er mit seinem Onkel das Skandinavische Viertel durchstreift. Als dieser stirbt, bleibt Matthias mit unbeantworteten Fragen zurück, die ihn sein Leben lang begleiten. Schließlich hofft er, seine Erinnerungen bewahren zu können, indem er das Viertel vor dem Niedergang bewahrt. Doch mit der Zeit holt ihn die Schuld wieder ein.

    Wie die Frage nach der Schuld eine ganze Familie beeinflussen kann

    Matthias Weber hat eine ganz besondere Beziehung zum Skandinavischen Viertel in Berlin: Hier hängt er seinen Erinnerungen nach, wie er als kleiner Junge in der DDR durch die Straßen wanderte und diese nach skandinavischen Orten benannte – Osloer Straße, Göteborger Straße oder Gotlandstraße. Es ist ein Ort seiner Vorstellungskraft, die ihm das Viertel zu eigen macht, und selbst als erwachsener Mann kommt er von der Gegend nicht los. Denn er wird selbstständiger Makler nur für diesen Bezirk und betrachtet es bald als seine Aufgabe, die Wohnungen des Skandinavischen Viertels nicht an die „Falschen Leute“ zu verkaufen, um den ureigenen Charme zu erhalten. Die Falschen, das sind Neureiche und Proleten, solche, die dem Viertel seine Vergangenheit nehmen. Doch gleich einer Siyphos-Aufgabe scheint dies ein sinnloses Unterfangen.

    Vor allem machen die vielen Kneipen das Viertel aus, die von Matthias Onkel Winfried allabendlich abgeklappert wurden. Einst reiste er als Clown durch Skandinavien und brachte Geschichten mit zurück nach Berlin, die Matthias faszinierten. Doch als Winfried in die DDR zurückkehrt, ist nichts wie zuvor. Es kommt zum Bruch mit seinem Bruder, Matthias Vater. Niemand in der Familie spricht darüber, wie es zum Zerwürfnis kommen konnte. Stattdessen bleibt Winfried der versoffene Versager der Familie. Sein Schicksal durchzieht wie ein roter Faden Matthias Leben, bleibt ihm jedoch ein ewiges Rätsel. Als Winfried schließlich verstirbt, scheint die Vergangenheit greifbarer, doch dessen Aufarbeitung wird sich über Jahrzehnte hinweg erstrecken.

    Eine Geschichte, die vor sich hinplätschert, um ein Viertel, das zu wenig Präsenz hat

    „Skandinavisches Viertel“ ist eine Zeitreise zwischen der Zeit der DDR und dem moderneren Berlin. Es geht um die Sehnsucht nach Altem und wie man dieses bewahrt, aber auch um eine Familiengeschichte und die Last der Schuld über Jahre hinweg. Matthias als Protagonist war keine einfache Person, da er selbst wenig preisgab. Ich empfand ihn als recht langweilig und einfach in seinen Gedanken verstrickt. Dies war sogar in seinen älteren Jahren noch stärker ausgeprägt, weil er die Vergangenheit nicht verarbeiten und loslassen konnte. Doch auch mit den anderen Charakteren, die im Wesentlichen aus den übrigen Familienmitgliedern bestanden, konnte ich nichts anfangen. Dadurch, dass die Aufarbeitung der Schuldfragen stets im Zentrum stand, konnte sich auch das Buch nicht weiterentwickeln, was das Lesen sehr mühselig und eintönig machte. Zum Ende hin kam dann schließlich doch ein Twist, der das Ganze aufwertete. Tatsächlich brauchte ich nach Beenden Abstand zum Buch. Die Geschichte ist im Ganzen nämlich von einer bedrückenden Stimmung geprägt. Beim Lesen hat mir besonders die Atmosphäre gefehlt, um die auf der Familie lastende Schwermut nachvollziehen zu können. Denn betrachte ich das Buch aus einer eher distanzierten Perspektive, ist die Geschichte um die Familie Weber und insbesondere um Matthias ein kleiner Schatz, der zum Nachdenken anregt. Aufgrund der praktischen Ausführung war es für mich jedoch kein Lesevergnügen.

    Fazit:

    Torsten Schulz’ neustes Buch entführt den Leser in ein charmantes Viertel in Ostberlin. Obwohl dieses gut präsentiert wurde und die Melancholie mich schlussendlich erreichte, konnten mich Handlung und Schreibstil nicht überzeugen.

    Julian Hübecker, Juli 2018

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