Das rote Adressbuch von Sofia Lundberg

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Den röda adressboken, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Goldmann.

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bullet Point Publishing, 2015 unter dem Titel Den röda adressboken.287 Seiten.
  • München: Goldmann, 2018.Übersetzt von Kerstin Schöps.ISBN: 978-3-442-31499-7.352 Seiten.

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Das meint Belletristik-Couch.de:84

Rezension von Monika Wenger

Ein gelebtes Leben und im Alter sehr viel Einsamkeit. Alt werden in der heutigen Zeit ist nicht einfach. Es gibt zwar viele Angebote und Möglichkeiten für Senioren und dennoch nimmt die Vereinsamung zu. Das Wissen und die Erfahrungen der Älteren werden nicht gesucht und auch nicht geschätzt. Die Gesellschaft sieht nur, was nicht mehr funktioniert. Aber es ist ein gelebtes Leben mit allen Höhen und Tiefen. Ein Leben mit Träumen, Plänen und Wünschen. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Doris und ihrer Reise durch ihr bewegtes Leben.

Doris ist sechsundneunzig und lebt allein in ihrer Wohnung in Stockholm. Zahlreiche Altersbeschwerden machen ihr das Leben schwer, so dass sie auf Unterstützung angewiesen ist. Täglich erhält sie Besuch vom Mahlzeitendienst. Dies ist ihre einzige Abwechslung und Unterbrechung des Alltags. Und dann ist da noch ihre Grossnichte Jenny. Sie lebt mit ihrer Familie in Amerika. Mit ihr unterhält sich Doris wöchentlich über Skype. Jenny liegt ihr ungemein am Herzen. Für sie hat Doris sich Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer angeeignet und für Jenny möchte Doris ihre Erinnerungen, festgehalten als Namen in einem roten Adressbuch, aufschreiben.

„So viele Namen, die einem im Laufe eines Lebens begegnen. Hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht, Jenny? Die vielen Namen, die kommen und gehen. Die dir das Herz zerreissen und dich zu Tränen rühren. Die zu Geliebten oder zu Feinden werden. Manchmal blättere ich in meinem Adressbuch. Es ist die Landkarte meines Lebens. Ich werde dir ein bisschen davon erzählen. Denn du bist die Einzige, die sich an mich erinnern wird, wenn ich gehe. Und darum bist du auch die Einzige, die sich an mein Leben erinnern wird. Das ist eine Art Testament. Ich vermache dir meine Erinnerungen. Das ist das Wertvollste, was ich besitze.“ (Zitat aus «Das rote Adressbuch von Sofia Lundberg»)

Von ihrem Vater erhält Doris zu ihrem zehnten Geburtstag ein rotes Adressbuch. Darin soll sie die Namen ihrer Bekanntschaften notieren und sich immer wieder an die einzelnen Begegnungen erinnern. Mittlerweile steht jedoch beinahe hinter jedem Namen „TOT“. Aber für Doris ist jeder Name ein Rückblick in ihre Vergangenheit, eine Erinnerung.

Mit dreizehn Jahren, nach dem frühen Tod des Vaters, wird Doris von ihrer Mutter zum Arbeiten weggeschickt. Die Armut zwingt die Mutter zu dieser Massnahme. Das verzeiht Doris ihr nie.

Als jüngstes Dienstmädchen von Madame arbeitet sie hart. Ein Glücksfall ist der Maler Gösta Nilsson, ein häufiger Gast bei Madame. Mit ihm fühlt sie sich verbunden. Er wird sie während ihres ganzen Lebens als Freund begleiten.

Ein Jahr nachdem Doris bei Madame zu arbeiten begonnen hat, reisen sie überstürzt nach Paris. Dort muss sie sich in einer neuen Umgebung zu Recht finden und eine fremde Sprache lernen. Gösta Nilsson bildet nun das Bindeglied zwischen der alten und der neuen Heimat. Er hat immer von Paris geschwärmt und wäre gerne dorthin zurück. Doris schreibt ihm Briefe und schildert ihre Erlebnisse in dieser grossen Stadt. Und im Gegenzug erhält sie Nachrichten aus Stockholm.

Eines Tages wird Doris auf der Strasse als Modell entdeckt. Madame ist begeistert und gibt Doris sofort frei. Wieder beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Obwohl die Arbeit anstrengend ist, gefällt Doris ihre Arbeit. Sie lernt Leute kennen und geniesst die Annehmlichkeiten. In einem Park lernt sie ihre grosse Liebe kennen. Das Leben wird leichter für Doris, denn mit Allan fühlt sie sich ganz. Aber das Glück ist von kurzer Dauer. Nach vier Monaten verschwindet Allan spurlos. Die Trauer ist riesig und scheint unüberwindbar. Zwischenzeitlich stirbt Doris’ Mutter und die Schwester Agnes kommt nach Paris. Nun ist Doris nicht mehr allein mit ihrem Kummer und geniesst die Zeit mit Agnes.

In Europa bricht der Krieg aus. Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist gross und als plötzlich ein Lebenszeichen von Allan eintrifft, macht sich Doris, zusammen mit ihrer Schwester, auf den Weg nach Amerika. Auf vielen Umwegen trifft sie ihre Liebe wieder, erfährt jedoch, dass Allan auf dem Weg nach Europa ist, um in den Krieg zu ziehen. Doris und ihre Schwester bleiben zurück und kämpfen um ihr Überleben. Ihre Reise geht weiter.

Die Autorin erzählt eindrücklich die Geschichte von Doris’ Leben aus zwei Sichten. Einerseits aus der Perspektive der betagten Doris. Ihr einsames Leben in der Wohnung in Stockholm. Die Altersbeschwerden, welche immer zahlreicher werden. Und über den fatalen Sturz, der einen Krankenhausaufenthalt nötig macht. Andererseits in Form von Erinnerungen, welche ein ganzes Leben umfassen. Eindrücklich und gefühlvoll thematisiert Sofia Lundberg das Älterwerden und die damit verbundene Einsamkeit und über die Macht des Schicksals und die Kraft der Liebe, die wir in jedem Alter brauchen.

Sofia Lundberg arbeitet als Journalistin in Stockholm. „Das rote Adressbuch“ ist ihr Debütroman.

Monika Wenger, August 2018

Ihre Meinung zu »Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch«

Janine2610 zu »Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch«12.11.2018
»Das rote Adressbuch« habe ich überraschend als Rezensionsexemplar bekommen, worüber ich jetzt im Nachhinein sehr froh bin, da es eine wirklich schöne, berührende Geschichte enthält, die mir wahrscheinlich noch lange im Kopf bleiben wird.

Erzählt wird meistens aus der Sicht von Doris (unserer Protagonistin), gegen Ende des Buches dann manchmal auch von Jenny (ihrer Großnichte). Die Kapitel sind immer mit »Das rote Adressbuch« und dem jeweiligen Namen der Person, die in dem Kapitelvorkommt, betitelt.
Wenn ich dieses Buch mit anderen Büchern vergleiche, die ich in letzter Zeit gelesen habe, dann ist festzustellen, dass ich »Das rote Adressbuch« ziemlich flott verschlungen habe, was sicher daran liegt, dass die Kapitel recht kurz gehalten sind, weswegen ich schnell in den "Ach,-wieso-nicht-noch-ein-Kapitel?-Modus" gefallen bin.

~ »Der Mensch will immer so alt wie möglich werden, aber wissen Sie was, es ist überhaupt nicht schön, die Letzte zu sein. Dann hat das Leben keinen Sinn mehr, wenn alle anderen tot sind.« ~
(S. 69)

Der Schreib- und Erzählstil ist ein sehr ruhiger, aber durchaus flüssiger. Inhaltlich findet man hier vor allem bedrückende Themen, die etwas melancholisch stimmen. Doris erzählt nämlich von ihrer Jugend- und Erwachsenenzeit in Schweden, Frankreich und Amerika, die alles andere als erheiternd war. Zwischendurch liest man dann von der 96-jährigen Doris aus der Gegenwart. Man kann sich also gut vorstellen, dass auch diese Kapitel nicht so rosig zu lesen sind, denn mit ihren 96 Jahren ist Doris schon ziemlich angeschlagen und hat, nachdem fast alle ihre Freunde, Bekannten und Verwandten gestorben sind, nicht mehr so viel zu lachen ...

Man verfolgt als Leser also Doris' ereignisreiches, turbulentes, aber teilweise auch sehr trauriges, enttäuschendes Leben in Rückblicken und Briefen, die sie ihrer geliebten Großnichte Jenny vermacht.
Dieser großartige Schreibstil, gepaart mit diesen bestürzenden und spannenden Ereignissen, haben es geschafft, dass ich dauergefesselt war und das Buch am liebsten auf einmal verschlungen hätte. Es finden sich zwischendurch auch immer wieder ein paar weise Sätze, die nachdenklich stimmen. Ein paar davon habe ich mir für meine Sammlung schöner Zitate herausgeschrieben.

~ Madame hat mir beigebracht, dass der Mensch die unterschiedlichsten Erscheinungsformen annehmen kann. Dass das Erwartete nicht immer auch das Richtige sein muss, dass es viele Wege gibt auf dieser Reise, die für uns alle gleich endet. Mit dem Tod. Dass wir an viele Kreuzungen kommen, die schwere Entscheidungen erfordern, aber der Weg dahinter wieder gerade verläuft. Und dass Kurven nicht immer gefährlich sein müssen. ~
(S. 32)

Wer gerne über die Liebe liest, es aber nicht kitschig mag, ist beim roten Adressbuch goldrichtig. Mit Lundbergs ruhiger und einfühlsamer Schreibweise trifft sie wahrscheinlich den Geschmack von sehr vielen Lesern. Ich für mich habe diese traurig-schöne Geschichte sehr genossen und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Inhalt auch für andere Leser ein großer Genuss ist.
StephanieP zu »Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch«14.09.2018
Doris ist alt und beginnt über ihr Leben nachzudenken. Sie beschließt ihre Geschichte niederzuschreiben und ihrer letzten Angehörigen Jenny zu vermachen. Als Grundlage für ihre Geschichte nimmt sie ihr altes rotes Adressbuch und schreibt über alle Menschen, deren Kontaktdaten sie darin niedergeschrieben hat. Bald muss sie feststellen, dass viele Menschen von damals mittlerweile verstorben sind. Und dann gibt es da noch Allan, ihre einzige große Liebe, zu dem im zweiten Weltkrieg der Kontakt abgebrochen ist.

Sofia Lundbergs Schreibstil ist unglaublich berührend, tiefgreifend und mitreißend. Ich konnte sofort in die Handlung einsteigen und ihr problemlos folgen. Es wechseln sich immer wieder Kapitel rund um Doris Vergangenheit und ihr aktuelles Leben ab. Doris hat im Laufe ihres Lebens sehr viel erlebt und ist weit gereist. Dies macht die Handlung besonders fesselnd. Obwohl Doris ein sehr bewegendes Leben hat und sehr viel erlebt, wirkt die Handlung dennoch nicht unglaubwürdig oder konstruiert. Beim Lesen hat man den Eindruck, dass ihr Leben auch in Wirklichkeit genauso verlaufen sein könnte. Die Geschichte konnte mich mehrfach ergreifen und berühren. Das Buch hat mich zum Nachdenken angeregt und ich werde auch in nächster Zeit noch häufiger darüber nachdenken.

Die einzelnen Protagonisten werden Äußerlich kaum beschrieben, wodurch der Leser seine eigene Phantasie anregen kann. Die Charaktere sind äußerst authentisch und vielschichtig. Vor allem Doris ist mir unglaublich ans Herz gewachsen und ich hätte noch viel mehr über ihr faszinierendes Leben lesen können. Besonders gelungen finde ich, dass nicht nur glückliche Momente sondern auch schlimme und traumatische Erlebnisse und Begegnungen beschrieben werden. Dies macht die Handlung besonders glaubwürdig.

„Das rote Adressbuch“ ist mein erstes Buch von Sofia Lundberg. Obwohl ich selten Romane lese und eher zu anderen Genres greife, war ich mehr als begeistert. Sofia Lundgren konnte mich komplett mitreißen und in den Bann der Handlung ziehen. Ich hätte gerne noch mehr zu Doris Leben erfahren und hoffe auf weitere Bücher der Autorin.

FAZIT:
„Das rote Adressbuch“ ist ein kurzweiliger Roman, der liebenswerte Protagonisten mit einer ergreifenden Handlung kombiniert. Aus diesem Grund vergebe ich 5 Sterne!
TochterAlice zu »Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch«27.08.2018
Ich war noch niemals in New York... Doris schon! Und sie war noch an vielen anderen Orten der Welt: in Paris, in ihrer Heimatstadt Stockholm sowieso, in einem kleinem englischen Nest, auf den sieben Weltmeeren... Das war einmal. Jetzt ist sie alt, sehr alt - weit über neunzig. Und blickt zurück auf ein Leben voller Entbehrungen.Schon als Dreizehnjährige musste sie ihr Elternhaus verlassen, um selbst für ihren Unterhalt aufzukommen - und landet bald schon in Paris, wo sie längst nicht nur rosige Zeiten erlebt. Aber - und wo wäre es passender - sie lernt dort die Liebe kennen.Dass es auch andere Arten von Liebe gibt, solche, die andere Zuneigung oder auch Geborgenheit oder Freundschaft nennen, auch das erfährt sie im Laufe ihrer zahlreichen Lebensjahre. Auch, wenn die meisten ihrer Lieben längst verstorben sind, ihre Namen in ihrem roten Adressbuch, einem Geschenk ihres früh verstorbenen Vaters sind durchgestrichen und daneben steht: tot. Nur ihre Großnichte Jenny ist ihr geblieben. Doch diese ist weit weg!Die Schwedin Sofia Lundberg hat, inspiriert vom Adressbuch ihrer eigenen Großtante, einen ebenso gefühlvollen wie mitreißenden Familien- und Liebesroman geschrieben. Ja, es ist wirklich beides in einem, dieses Buch! Und stellenweise wird es dann zur Tragödie, denn Sofia Lundberg ist nicht zart besaitet. Und das dürfen ihre Leser auch nicht sein. Wenn Sie jetzt immer noch den Mut haben, hier zuzugreifen, dann werden Sie reich belohnt: mit einer originellen, facettenreichen Lebensgeschichte, die jedoch an keiner Stelle kitschig wird.Ich war richtig traurig, als ich das Buch beendet habe und es zuklappen musste - ein echtes Highlight, im allerbesten Sinne ein Schmöker, der seinesgleichen sucht. Oder auch nicht, denn warum sollte dieses Werk nicht seine Einzigartigkeit beibehalten. Ein ganz besonderer Roman, den ich sicher oft an Menschen verschenken werde, die mir sehr am Herzen liege, ja, die ich auf die ein oder andere Art liebe. Und bei denen ich sicher bin, dass sie trotz des darin enthaltenen starken Tobaks dieses Buch lieben werden. So wie ich.
TochterAlice zu »Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch«27.08.2018
Ich war noch niemals in New York... Doris schon! Und sie war noch an vielen anderen Orten der Welt: in Paris, in ihrer Heimatstadt Stockholm sowieso, in einem kleinem englischen Nest, auf den sieben Weltmeeren... Das war einmal. Jetzt ist sie alt, sehr alt - weit über neunzig. Und blickt zurück auf ein Leben voller Entbehrungen.

Schon als Dreizehnjährige musste sie ihr Elternhaus verlassen, um selbst für ihren Unterhalt aufzukommen - und landet bald schon in Paris, wo sie längst nicht nur rosige Zeiten erlebt. Aber - und wo wäre es passender - sie lernt dort die Liebe kennen.

Dass es auch andere Arten von Liebe gibt, solche, die andere Zuneigung oder auch Geborgenheit oder Freundschaft nennen, auch das erfährt sie im Laufe ihrer zahlreichen Lebensjahre. Auch, wenn die meisten ihrer Lieben längst verstorben sind, ihre Namen in ihrem roten Adressbuch, einem Geschenk ihres früh verstorbenen Vaters sind durchgestrichen und daneben steht: tot. Nur ihre Großnichte Jenny ist ihr geblieben. Doch diese ist weit weg!

Die Schwedin Sofia Lundberg hat, inspiriert vom Adressbuch ihrer eigenen Großtante, einen ebenso gefühlvollen wie mitreißenden Familien- und Liebesroman geschrieben. Ja, es ist wirklich beides in einem, dieses Buch! Und stellenweise wird es dann zur Tragödie, denn Sofia Lundberg ist nicht zart besaitet. Und das dürfen ihre Leser auch nicht sein. Wenn Sie jetzt immer noch den Mut haben, hier zuzugreifen, dann werden Sie reich belohnt: mit einer originellen, facettenreichen Lebensgeschichte, die jedoch an keiner Stelle kitschig wird.

Ich war richtig traurig, als ich das Buch beendet habe und es zuklappen musste - ein echtes Highlight, im allerbesten Sinne ein Schmöker, der seinesgleichen sucht. Oder auch nicht, denn warum sollte dieses Werk nicht seine Einzigartigkeit beibehalten. Ein ganz besonderer Roman, den ich sicher oft an Menschen verschenken werde, die mir sehr am Herzen liege, ja, die ich auf die ein oder andere Art liebe. Und bei denen ich sicher bin, dass sie trotz des darin enthaltenen starken Tobaks dieses Buch lieben werden. So wie ich.
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