Das Feld von Robert Seethaler

Buchvorstellungund Rezension

Das Feld von Robert Seethaler

Originalausgabe erschienen 2018.ISBN-10: 3-446-26038-2, ISBN-13: 978-3-446-26038-2.

Bibliographische Angaben

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Rezension von Sebastian Riemann

Paulstadt ist der Name der Provinz, in der Robert Seethaler seinen neuen Roman ansiedelt und ein Panorama der Lebensentwürfe zeichnet. Eine beliebige Stadt stellvertretend für alle Städte, in denen die Menschen sich auf die Füße treten, mit Ellbogen um mehr Platz und Geld kämpfen, sich lieben und streiten. Nicht einen Bewohner der Stadt nimmt er sich als Protagonisten, sondern gleich mehrere Dutzend. Es ist der große, allumfassende Blick auf unsere Existenz. Anstatt sich einem Leben zu widmen, wird eine Vielzahl an Schicksalen zusammengebracht, um ein Bild vom menschlichen Dasein zu entwerfen. Ein vielstimmiges Projekt mit großer Abwechslung, bester Unterhaltung und einigen Überraschungen.

Die Bewohner Paulstadts kommen einer nach dem anderen zu Wort, erzählen von ihren Leben, ihren Wünschen, Träumen, Lieben, Erfolgen, Enttäuschungen und Niederlagen. Manch einer gesteht, ein anderer streitet ab. Sie wünschen einander Gutes, entschuldigen sich für vergangene Fehler und Vernachlässigungen. Sie machen ihren Frieden, ziehen einen Strich und lassen Revue passieren, was einmal war. Aus dem ruhigen und entlegenen Jenseits blicken sie zurück auf Paulstadt und ihre Lebenszeit in dieser Kleinstadt. Sie erinnern sich ihrer Freunde und Feinde, lassen vergangene Liebschaften noch einmal in der Erinnerung aufleben.

Gestorben sind die Erzähler allesamt. Ruhig und unauffällig oder mit großem Aufsehen und Drama. Die Paulstädter Lebenszeit liegt hinter ihnen, nun bewohnen sie nur noch den Gottesacker, der gemeinhin als „das Feld“ bezeichnet wird. Ihre verstorbenen Stimmen werden vom Wind über die Gräber geweht und sollten ungehört in den Weiten verklingen. Aber Robert Seethaler schickt einen Paulstädter Kauz auf den Friedhof, einen sonderlichen Mann, der Misstrauen erregt, da er ein merkwürdig intimes Verhältnis zum Friedhof hat. Ständig ist er dort zu finden, auf „seiner“ Bank. Er ist das Medium, das die Stimmen der verstorbenen Kleinstadtbewohner hören kann. Ihm erzählen sie ihre Leben und er lässt den Leser daran teilhaben.

Lennie war nicht der große Gewinner. Einen beachtlichen Teil seines Lebens verbrachte er abgelegen im Dunkel, dort wo man ihn nicht bemerkte und sich nicht negativ über ihn äußerte. Er war nicht für das Scheinwerferlicht gemacht, auch nicht für das Händeschütteln und Lächeln. Aber er fand sein Glück. Eine junge Frau verliebte sich in ihn und in sein Leben kehrte etwas ein, was er bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Zufriedenheit und Zweisamkeit. Für einen wie Lennie eigentlich undenkbar. Die Leute hatten immer auf ihn hinab geschaut, er selbst hatte nicht allzu viel von sich gehalten. Deshalb war es auch eine große Überraschung, dass sich jemand in ihn verlieben konnte. Dass die Großmutter seiner neuen Freundin ihn nicht leiden konnte und ihn für einen Nichtsnutz hielt, war dann wieder normal. So etwas dachten doch fast alle über ihn. Aber nicht diese eine Frau, die gern Zeit mit ihm verbrachte und ihr Leben mit ihm teilen wollte.

Zu schön wäre die Geschichte von Lennie, dem unwahrscheinlichen Glücklichen, gewesen. Aber die Veränderung, die mit der Liebe kam, konnte nicht sein inneres Wesen öffnen. Es blieb verschlossen und finster. Die Neigung, sich vor der Welt und den Mitmenschen zu verstecken, verschwand nur für eine gewisse Zeit. Am Spielautomaten kehrte sie dann zurück. Mit voller Wucht, ungeachtet der jungen Frau, die im gemeinsamen Heim auf Lennie wartete und in seinen Armen einschlafen wollte. Die blinkenden Lichter des Automaten, die bunten Symbole und die klimpernden Münzen zogen Lennie in ihren Bann, bei ihnen fand er die Abkehr vom Leben, die er suchte. Am Ende kommt es, wie es kommen muss, das ungewöhnliche Glück mündet in ein Trauerspiel.

Louise erzählt auch ihre Geschichte. Wie sie Lennie kennenlernte und ihm nahe kam, aber auch wie er sich wieder von ihr entfernte und in der Spielsucht unterging. Dann kommt auch die Großmutter zu Wort, berichtet von einem wechselhaften, mitunter harten Leben. Sie erlebte den Krieg, den Hunger und das Leiden. Stark musste sie schon als junges Mädchen sein, die Zeiten waren nicht einfach. Mit einem wie Lennie kann sie deshalb nicht viel anfangen. Er ist ein Schwächling und taugt zu nichts.

Wie Puzzleteile werden die Biographien der Paulstädter Bewohner vor dem Leser ausgebreitet. Sie ergeben ein Ganzes, man muss nur die Augen offenhalten. Und den vielen unterschiedlichen Stimmen zuhören. Mit viel Geschick verleiht Robert Seethaler jedem Kapitel eine eigene Stimme, einen eigenen Ton. Sei es der korrupte Bürgermeister, der verrückte Pfarrer, die ambitionierte Schuhladenbesitzerin oder der ortskundige Postbote, sie alle erhalten ihren eigenen Klang. Das Resultat ist ein großartiges Konzert mit vielen Überraschungen, Höhen und Tiefen.

Sebastian Riemann, Juni 2018

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