Robert Menasse: Die Hauptstadt von Robert Menasse

Buchvorstellungund Rezension

Robert Menasse: Die Hauptstadt von Robert Menasse

Originalausgabe erschienen 2017 bei Suhrkamp.

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2017.ISBN: 978-3518427583.459 Seiten.

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    Rezension von Tobias Bollmeyer

    Brüssel: Hauptstadt Belgiens und Hauptstadt Europas. Bislang war diese spannende Metropole nicht gerade als aufregender Schauplatz zeitgenössischer Literatur bekannt. Dies hat sich jedoch grundlegend geändert, seit der österreichische Autor Robert Menasse mit »Die Hauptstadt« einen Roman vorgelegt hat, der zu großen Teilen in Brüssel spielt und dabei vor allem einen genaueren Blick auf die Institutionen der Europäischen Union wirft. Dies klingt zunächst nach einer langatmigen Abhandlung, wie man sie vielleicht in einem Sachbuch erwarten würde. Es ist aber das genaue Gegenteil, denn Menasse rückt ganz verschiedene Figuren in den Mittelpunkt der Handlung, die alle einen eigenen Bezug zur EU haben und diesem auf den ersten Blick so bürokratischen und emotionslosen Gebilde echtes Leben einhauchen.

    Alles beginnt mit einem Schwein, das durch die Straßen von Brüssel rennt. Niemand weiß, woher es kommt und warum es sich ausgerechnet in diesen Großstadtdschungel verirrt hat, aber es wird schon bald zu einer Touristenattraktion und zum ständigen Aufmacher in den Boulevardmedien. Immer wieder taucht das ominöse Borstentier in der Romanhandlung auf, ohne dass man als Leser so recht weiß, wie es mit den übrigen Geschehnissen im Zusammenhang steht. Denn eigentlich geht es doch um ein großes Jubiläum: Die Europäische Kommission wird fünfzig Jahre alt und muss zufälligerweise sowieso dringend ihr Image aufbessern, wie aus der neuesten Umfrage des Eurobarometers hervorgeht. Eine erstklassige Gelegenheit also, um den Bürgerinnen und Bürgern Europas zu zeigen, warum es die Kommission eigentlich gibt und was sie selbst davon haben. Die große Frage lautet freilich: Wie kann man den Menschen die Ziele, die mit dem Projekt Europa verbunden sind, anschaulich vermitteln? Und was ist das überhaupt, die europäische Idee? Um diese letzte Frage kreist der gesamte Roman, und er entwickelt eine Antwort, die eigentlich jedem einleuchten sollte, die aber in der alltäglichen Brüsseler Bürokratie allzu schnell in Vergessenheit gerät. Parallel dazu hält noch ein ominöser Mordfall die Stadt in Atem, der aber aus politischen Gründen nicht aufgeklärt werden darf. Hat auch hier die EU ihre Finger im Spiel?

    Mehr noch als von der Handlung selbst wird der Roman von den Figuren geprägt, die ihn bevölkern. In ihnen spiegeln sich einige typische Charaktere wider, die so oder so ähnlich wahrscheinlich auch in der Realität im Berlaymont-Gebäude, dem Hauptsitz der Europäischen Kommission in Brüssel, anzutreffen sind. Da ist zunächst Martin Susman, ein österreichischer Bauernsohn, der seit seiner Kindheit aus der provinziellen Enge seiner Heimat fliehen wollte und nun in der Generaldirektion für Kultur der EU-Kommission arbeitet, die von den Mitarbeitern halb spöttisch, halb liebevoll »die Arche« genannt wird. Susman, der etwas melancholische, aber dennoch überzeugte Europäer, wird mit der Aufgabe betraut, eine Idee für das große Jubiläumsprojekt der Kommission zu entwickeln, und ausgerechnet ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gibt ihm dafür die entscheidende Inspiration. Voller Idealismus stürzt er sich in die Arbeit, ohne zu ahnen, dass sein Vorhaben von der Brüsseler Bürokratie schon wieder beerdigt werden wird, ehe es komplett ausgearbeitet worden ist.

    Den Gegenpol dazu bildet Fenia Xenopolou, eine griechische Zypriotin, die Susmans Vorgesetzte im Kulturressort ist, aber viel lieber in der prestigeträchtigen Direktion für Handel arbeiten würde. Um dieses Ziel zu erreichen, spannt sie Kai-Uwe Frigge ein, einen pedantischen deutschen Karrierebeamten, mit dem sie nebenbei noch eine Affäre hat, was angesichts ihrer ohnehin zerrütteten Ehe aber nicht weiter ins Gewicht fällt.

    Währenddessen versucht Alois Erhart,ein emeritierter Professor für Volkswirtschaft, einen Think-Tank von seinen Vorstellungen eines tatsächlich vereinten Europas zu überzeugen, die zwar schon einige Jahrzehnte alt, aber dennoch hochaktuell sind. Leider widersprechen sie fundamental dem ökonomischen Mainstream in Europa, wie Erhart resigniert feststellen muss. David de Vriend, einer der letzten Holocaust-Überlebenden, der für das Jubiläumsprojekt der EU eine wichtige Rolle spielen soll, verbringt derweil in einem Brüsseler Altersheim seinen Lebensabend.

    Sämtliche Figuren im Roman sind also auf ihre je eigene Weise in die Geschichte Europas verstrickt und demonstrieren dem Leser so, dass die EU nicht nur aus seelenloser Bürokratie, sondern vor allem aus konkreten menschlichen Schicksalen besteht. Glücklicherweise verzichtet Menasse darauf, seinem Publikum diese Botschaft mit dem Gestus des erhobenen Zeigefingers aus der Perspektive einer über allen Zweifel erhabenen moralischen Instanz zu vermitteln. Obwohl der gesamte Roman aus der Sicht eines allwissenden Erzählers geschrieben ist, stehen doch stets die einzelnen Protagonisten mit ihrer – notwendigerweise beschränkten – Sichtweise im Vordergrund der Handlung. Erst allmählich wird deutlich, wer warum wie über dieses einmalige politische Experiment namens EU denkt und wie auch die jeweils individuelle Biographie Handlungen und Denkweisen beeinflusst. Dass Menasse so manche Nebenfigur arg klischeehaft zeichnet, sei ihm verziehen. So arbeitet der etwas fettleibige Engländer George Morland natürlich im Agrarressort, hat nur die nationalen Interessen im Blick und mutmaßt schon mal über den baldigen Zusammenbruch der Union.

    Das große Verdienst des Autors ist es, dass er dem Leser auf subtile, manchmal ernsthafte, manchmal aber auch sehr komische Weise vor Augen führt, wie in Europa alles mit allem zusammenhängt und dass wir alle ein Teil dieses Konstrukts sind, ob wir wollen oder nicht. So muss auch Martin Susman erfahren, dass selbst Unterwäsche nicht von EU-Bestimmungen ausgenommen ist, als er sich warme Unterhosen für seinen Besuch in der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz kaufen will:

    »Das ist geregelt! Sehen Sie, hier: \'Brennverhalten von Unterwäsche gemäß EU-Richtlinie ...\'
    Ich glaube es nicht, Mademoiselle.
    Ich auch nicht, sagte sie.« (S. 109)

    Textstellen wie diese strahlen eine heitere Gelassenheit aus, die die melancholische und schwermütige Atmosphäre, die ansonsten über dem Roman schwebt, zumindest etwas ausgleichen. Das immer wiederkehrende Schwein sorgt ebenfalls für eine gewisse Leichtigkeit in der Handlung, auch wenn es durchaus als Sinnbild für die unbegrenzte Vielfalt des Lebens schlechthin interpretiert werden kann, denn »es war das einzige Tier, das als Metapher die ganze Breite menschlicher Empfindungen und ideologischer Weltbilder abdeckte, vom Glücksschwein bis zur Drecksau« (S. 320). Jedenfalls bleibt man als Leser nach der Lektüre doch sehr nachdenklich zurück. Denn auch wenn es sich um eine rein fiktionale Geschichte handelt, so kann man die dort beschriebenen politischen Tendenzen nur allzu gut in der europäischen Wirklichkeit des Jahres 2018 wiedererkennen. Besonders beunruhigend erscheint dabei, dass der Gründungsschwur der EU, den Menasse noch einmal nachdrücklich ins Gedächtnis ruft – »Nie wieder Auschwitz!« -, immer mehr in Vergessenheit zu geraten droht. Auch das Ende des Romans fügt sich in geradezu erschreckender Weise in die Themen ein, die die täglichen Schlagzeilen bestimmen.

    So ist dieser Roman einerseits eine leidenschaftliche Streitschrift für die ursprünglichen Ideale des europäischen Einigungsprojekts, andererseits aber auch eine kritische Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Zustands der EU und ihrer Institutionen. Dass Robert Menasse für dieses große Werk völlig zu Recht mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichnet wurde, war also nur folgerichtig.

    Tobias Bollmeyer, November 2018

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