Weit über das Land von Peter Stamm

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016 bei S. Fischer.

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2016.ISBN: 978-3-10-002227-1.224 Seiten.
    • [Hörbuch] Berlin: Parlando, 2016.Gesprochen von Christian Brückner.ungekürzte Lesung.ISBN: 3941004751.

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    In Kürze:

    Ist es ein neuer Anfang, wenn man alles hinter sich lässt? Der neue große Roman von Peter Stamm.
    Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Abrüstungen für das Leben«84

    Rezension von Almut Oetjen

    Nachdem Thomas und seine Familie aus dem Spanienurlaub wieder zurück in der Schweiz sind, einem Dorf im Thurgau, geht er am Abend einfach, ohne sich zu verabschieden oder eine Begründung zu liefern. Zurück bleibt seine Frau Astrid mit den beiden Kindern. Thomas schlägt sich durch, übernachtet auf einem Campingplatz, gerät zufällig in ein Bordell, in dem er zwei Bier trinkt und dann wieder geht, einen langen Weg ohne festes Ziel. Mehr sei nicht verraten.

    Ein Buch der Bewegungen

    Peter Stamm schreibt in seinem ersten Satz über den engeren Lebensraum von Thomas, er sei »ein dunkles Verlies, aus dem es kein Entkommen mehr gab«. Liest man Weit über das Land als einen Roman der Bewegungen, dann etabliert er eine Kreisbahn, die diesen engen Lebensraum einschließt. Einen Lebensraum der Rituale, die bis zur Erschöpfung vollzogen werden, oder bis zum Ausbleiben der Selbstwahrnehmung und der geliebter Menschen.

    Als Thomas geht, sind die Einzelbewegungen diffus und die Summe dieser Bewegungen beschreibt die zunehmende Entfernung von seinem Haus und seiner Familie, dann von seinem Dorf. Durch das Verlassen dieses Kreises begibt er sich in eine exzentrische Position. Er weiß zudem nicht, wohin er geht. Der Beginn ist markiert durch vier Momente: das Verlassen des Verlies genannten Raumes, das Verlassen des dörflichen Gravitationsfeldes, die Wahrnehmung von Stille und Lebendigkeit im Waldinnenraum, das Erreichen der Campinganlage. Thomas, der einmal charakterisiert wird als eigenbrötlerischer Dickschädel mit Autoritätsproblemen, fühlt sich in den Bergen sicher.

    Im Weiteren erfolgt eine Südwest-Bewegung auf eine Bahn, die Thomas durch Länder der Europäischen Union führt. Die Bewegung gleicht erst einmal einem Abstieg aus der Zivilisation in die Bergwelt, in die er eintaucht, sich an seine Kindheit erinnert. Thomas fühlt sich zunehmend frei, lernt neu zu atmen. Der Titel »Weit über das Land« verweist auf den offenen Raum, sagt nichts über politische Grenzen, wie auch Thomas’ Bewegung durch die Europäische Union eine ohne Beschränkung ist und der Roman selbst keine Kapiteleinteilungen hat.

    Wenn ein Mensch sein angestammtes soziales Umfeld verlässt, kann man ihm Fragen stellen: Denkst du denn nicht auch an deine Familie? Oder: Willst du einfach alles hinschmeißen? Peter Stamm schickt seinem Weggehenden Thomas keine derartigen Fragen hinterher. Er lässt ihn einfach gehen. Aber nein, so einfach nun doch wieder nicht. Bietet der Roman auch keine Erklärungen, so doch ein paar wenige verstreute Informationen.

    Du musst dein Leben ändern

    Stamm erzählt aus zwei ständig wechselnden Perspektiven, der von Thomas und seiner Frau Astrid. Es wird keine Position für eine der Figuren eingenommen, noch wird deren Verhalten bewertet. Während Astrids Umwelt die Beziehung irgendwann, nicht spät, für beendet erklärt und diese Einsicht auch von Astrid einfordert, verbleibt sie zum Teil in ihr, in Form von Erinnerungen und Gedanken im Möglichkeitenraum.

    In Momenten meint man, in den Text hineinlesen zu können, Stamm erzähle von einer gescheiterten oder scheiternden Paarbeziehung. Aber dafür gibt es keine Anhaltspunkte, beide Partner denken nach dem Weggang liebevoll und mitunter sehnsüchtig an den jeweils anderen. Weiter, Thomas sei ein Versager, der mit seinem Leben nicht zurande kommt. Auch hierfür liefert die Erzählung keine Anhaltspunkte. Thomas scheitert nicht, noch beschreibt sein Verhalten ein aus der Welt fallen.
    Bevor Thomas geht, scheint er in der ihn umgebenden engen Welt abrupt sein Ich zu spüren, was ihm unheimlich ist und ihn erst einmal sprachlos werden lässt – nicht zuletzt sich selbst gegenüber. Die Selbstwahrnehmung in diesem Moment kann nicht grundlos sein. In Phasen der Nicht-Beschäftigung mit einem Problem kommt es vor, dass das menschliche Gehirn weiter an diesem Problem arbeitet. Und dann steht man vielleicht irgendwann auf und geht.

    Ein Aspekt wäre die Schwierigkeit der Nähe, die dazu führt, dass einem der geliebte Mensch im Zeitverlauf fremd wird, weil man ihn zunehmend durch das Alltagsbild, eine spezifische Präsentation oder Projektion, ersetzt. Indem Thomas geht und Distanz erzeugt, gelingt ihm eine andere Wahrnehmung Astrids.

    Das Leben sieht Thomas an, in seinen Ausprägungen als Nachbarn, Kollegen, Arbeitgeber, Behörden. Will Thomas deshalb unterm Radar verschwinden, aber nicht aus seinem Leben, das er auf radikale Weise ändert, einfach, indem er geht? Will er etwas, das man zweckfreie Existenz nennen könnte?

    Während der Lektüre denkt man auch, in Weit über das Land finde sich eine Reflektion gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und zwischenmenschlicher Beziehungen, und es gehe um das intellektuelle Überleben. Einer der Romane, die auch nach der Lektüre zu beschäftigen vermögen.

    Almut Oetjen, März 2016

    Ihre Meinung zu »Peter Stamm: Weit über das Land«

    kritikaster zu »Peter Stamm: Weit über das Land«26.06.2017
    finn hat recht. dieser roman ist derart von max frisch abgekupfert, dass einem das messer in der tasche aufgeht. wer keine eigenen ideen hat, sollte das schreiben bleiben lassen. ich habe bislang noch nichts von diesem autor gelesen und auch nicht die geringste lust, das zu tun. da flieht der protagonist aus einem leben, aus der sinnlosigkeit des alltags, um in eine identität zu schlüpfen, die ebenso sinnlos ist..
    wozu? und warum kehrt er dann in die alte zurück?
    und wie so oft - der anfang verspricht literarische präsenz, der schluss wirkt eilends zusammengestrickt, nach dem motto: jetzt muss aber gut sein, machma mal ein happy end. nenene,
    das war mist, herr stamm.
    Finn Fuglsang zu »Peter Stamm: Weit über das Land«25.01.2017
    Mir hat der Roman masslos enttäuscht !! - Warum ??Weil schon Max Frisch mit seinem Meisterwerk "Stiller" als schweizer Autor dieses Flucht-von-sich-selbst" Thema in änlicher Weise behandelt hat, indem Frisch durch Stillers Alter Ego Mr. White die Geschichte des Scheitern einer Ehe aus sowohl der Männlichen als auch der weiblichen Perspektive in sogenannte Protokollate schildern lässt.Weil Thomas, die männliche Hauptperson sowohl von der Polizei gefunden und von seiner Frau begraben werden konnte als auch einfach als Vagabund in der EU weiterleben kann. Kann man eine Leiche beerdigen, die es nicht gibt ???Und letztendlich weil die Sinnlosigkeit des Alltages anscheinend am Ende des Romans genau so abrupt wiederaufgenommen wird, wie sie von Thomas vor Jahren aufgegeben wurde. Plötzlich ist der Protagonist wiede da . . .war alles nur ein Spielchen, kann man sich 20 Jahre oder länger einfach eine Neue Identität wählen, um sie dann Wieder aufzugeben und zurück ins alte Leben kehren ?? Ich meine NEIN - die letzten 20 Seiten zerstört aus Meiner Perspektive das Bisschen, was man aus dem Buch hätte holen können: das es so verdammt schwierig ist, in echter Kierkegaard - Manier sich selbst Zu wählen ( die christlichen Anspielungen des Romans ist immer die einer toten und irrelevanten Kulisse, ohne die das moderne Leben oft sinnlos wirkt).Peter Stamm kann VIEL besser - besonders seine Kurzgescichten sin meisterhaft; die Romane im allgemeinen und insbesondere "Weit über das Land" sind meistens eher problematisch - eigentlich Schade !!
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