Das dreizehnte Kapitel von Martin Walser

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Das dreizehnte Kapitel, bei Rowohlt.

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Rowohlt, 2012 unter dem Titel Das dreizehnte Kapitel.ISBN: 978-3-498-07382-4.272 Seiten.

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    In Kürze:

    Die meisten leiden ohne Gewinn – so steht es im Roman «Das dreizehnte Kapitel», der ebendiesen Satz widerlegen will. Mit einem Festessen im Schloss Bellevue fängt er an: Ein Mann sitzt am Tisch einer ihm unbekannten Frau und kann den Blick nicht von ihr lösen. Wenig später schreibt er ihr, und zwar so, dass sie antworten muss. Es kommt zu einem Briefwechsel, der von Mal zu Mal dringlicher, intensiver wird. Beide, der Schriftsteller und die Theologin, beteuern immer wieder, dass sie glücklich verheiratet sind. Aber sie gestehen auch, dass sie in dem, was sie einander schreiben, aus sich herausgehen können wie nirgends sonst und dass sie ihre Ehepartner verraten. Nur weil ihr Briefabenteuer so aussichtslos ist, darf es sein. An ein persönliches Treffen ist nicht zu denken. Die Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Von den Vorzügen der Altherrenliteratur«84

    Rezension von Wolfgang Franßen

    Mal schauen, wohin mich das führt, mag Martin Walser gedacht haben, als er diesen Roman begann. Schildert er doch zu Anfang eine Einladung zum Bundespräsidenten und die Ödnis präsidialer Würdigung. Wer will schon all dem Wissen begegnen, das sich nach einer Violinsonate an den Tischen ergießt. Ein Schriftsteller schon gar nicht, der ist viel zu sehr mit sich beschäftigt, muss Nachfragen über seinen großen Erfolg »Strandhafer« mit dem immer gleichen Antworten ausweichen, während Feldthymian-Trauben-Sauce zu Kaiserstühler Bauchspeck serviert und dazu ein Spätburgunder von der Ahr kredenzt wird. Martin Walser wird sich in solchen Gesellschaften bestens auskennen und zieht uns gleich mit dem Ausspruch seines Basil Schlupp in den Bann, dass das Leben zu kurz ist, um deutsche Weine zu trinken. Ein Provokateur? Ein Nörgler? Walser bleibt seinen in sich gekehrten Weltverstehern treu, deren Nabelschau gerade mal über die Tischkante reicht.

    Und so späht Basil Schlupp beharrlich an der Frau Bundespräsidentin vorbei auf jene Maja Schneilin, ihres zeichens Gattin des durch den Abend geehrten Nobelpreisträgers und Theologieprofessorin, die auch wenn »die Augen ein bisschen zu groß, die Nase ein bisschen zu deutlich, der Mund deutlich zu fest ist«, für ihn sogleich einzigartig ist. Zu sagen, es sei Liebe auf den ersten Blick, ist übertrieben. Es gleicht eher altersbedingter Verwunderung darüber, dass es ihn ärgert, dass diese Frau sich offensichtlich bestens von einem Hirnchirurgen unterhalten lässt. Bahnt sich da etwa etwas an? Mal schauen, wo Basil Schlupp uns hinführt.

    Nach Martin Walsers »Gottessuche« in Muttersohn nun also wieder eines jener unschlagbaren Walser Themen: die Liebe. Was diesen Autor nach all den Jahren, unzähligen Romanen, Essays, Pamphleten und Reden auszeichnet, ist seine Sprache. Wir brauchen nur Seite 18 aufzuschlagen, wie er dort Maja Schneilin beschreibt, und werden uns als Leser ihm gleich anvertrauen wollen. Auch wenn der Roman ab dem 2. Kapitel zu einem reinen Briefwechsel anwächst und dieser nie zum exzessiven Spiel in den »Gefährlichen Liebschaften« eines Choderlos de Laclos ausufert, sondern dem Kredo folgt, mal sehen, wo mich das hinführt.

    Es ist das Liebesgeplänkel zweier Menschen, die nicht unglücklich in ihrem Leben sind, die so viel erlebt haben, dass sie, was ihnen da geschieht, einzuordnen verstehen. Und trotzdem bekommen wir als geübte E-Mail-Schreiber das Gefühl, dass wir in unserem Leben dabei sind, etwas Kostbares zu verlieren: Das Briefeschreiben, in dem wir ins Blaue, ins Nichts hinein formulieren und uns erst beim Schreiben klar wird, was wir da schreiben und warum wir es schreiben.

    Nicht von Ungefähr schließt mancher der Briefe im Roman mit der Verunsicherung, ob derjenige das schreiben sollte, schreiben darf. Martin Walser hat die Geschichte einer erotischen Heimlichkeit geschrieben. Dass es ihn nach »Ein liebender Mann« und »Angstblüte« erneut auf das unsichere Terrain der Liebe im Alter zieht, mag nur vordergründig überraschen. Das war in den frühen Romanen nicht anders. Nur waren die Helden jünger. Warum sollte Walser also damit aufhören? Nur weil er in einem gewissen Alter ist und sich dem Vorwurf der »Altherrenliteratur« ausgesetzt sieht? Gehört die Liebe nur den Jungen und darf ein alter Mann im Zeitalter des Gendervoyeurismus keinen Blick ins Verbotene mehr wagen? Ist Hemingways »Der alte Mann und das Meer« Altherrenliteratur, nur weil ein alter Mann aufs Meer hinaus will, um einen Fisch zu fangen, und kein junger sich ins Abenteuer stürzt?

    Walsers Basil Schlupp ist Schriftsteller, weiß mit Briefen zu verführen wie zu verstören und schwört immer wieder, gleich damit aufzuhören, sollte die Verehrte sich belästigt fühlen. Er geht so weit Intimitäten seiner Ehe auszubreiten, um eine Vertraulichkeit herzustellen, die nicht über Jahre gewachsen ist. Und die Theologieprofessorin antwortet in gleicher Weise, was nicht nur überrascht, sondern unter Beweis stellt, dass sich da zwei Menschen von der Sprache geschützt fühlen.

    Natürlich beruht das Ganze auf einem platonischen Seitensprung, doch es entblößen sich einmal mehr zwei Walserfiguren, die stets in seinen Romanen »Auskunftsfetischisten« sind. Umwelt, Gefühle, Mitmenschen, wie Ehepartner werden an sich selbst gespiegelt. Mehrfach gebrochen durch die Realität.

    Natürlich verzichtet Walser nicht auf Pathos. Auch wenn die altertümliche Form des Briefeschreibens wegen der Ortswechsel im Roman, der Spannungssteigerung sich schließlich doch der modernen Kommunikationsform als Mail oder via iphone nähert. Die Signatur der Geschichte bleibt dem 18. Jahrhundert verhaftet. Walser ist der Dichter der intellektuellen Empathie, die sich geistvoll untermauern lässt, um nicht banal zu wirken. Das gelingt ihm in manchen Romanen weniger. In »Das dreizehnte Kapitel« zieht er jedoch gleichermaßen ein Vexierspiel auf. Das grenzt in überladenen Formulierungen an Intellektuellen-Pubertät und schreckt nicht mal vor Karl Baths Römerbriefkommentar zurück.

    Wer um die moderne Kommunikation der Abkürzung weiß, in der es gilt, möglichst viel auf wenig Raum unterzubringen und sich auf einer winzigen Tastatur nicht die Finger zu brechen, wird sich nach diesem Roman bestohlen fühlen. Um all die Worte, die er in seinem Leben nicht geschrieben hat, und das Wagnis, sich einfach treiben zu lassen, egal, wohin einen das auch führt. Und sei es zu einer unmöglichen Liebe, die lediglich beim Schreiben und Lesen empfunden werden kann.

    Ein Liebesroman, den so nur Martin Walser schreiben kann.

    Wolfgang Franßen, Oktober 2012

     

     

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