Die Kieferninseln von Marion Poschmann

Buchvorstellungund Rezension

Die Kieferninseln von Marion Poschmann

Originalausgabe erschienen 2017 bei Suhrkamp.

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2017.ISBN: 978-3518427606.

    'Die Kieferninseln' ist erschienen alserschienen als HCals TB nicht erhältlichals CD nicht erhältlich

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    Das meint belletristik-couch.de: Humorvoller Findungstrip im teeverliebten Japan75

    Rezension von Lisa Reim

    Gilbert Silvester ist Kulturwissenschaftler und widmet sich an der Uni einem Bartforschungsprojekt. Eines Morgens wacht er voller Bestürzung auf: Er hat geträumt, dass seine Frau Mathilda ihn betrügen würde. Während des Tages verfestigt sich dieser Traum, nistet sich in Gilberts Bewusstsein ein und wird dort schließlich zur bitteren Wahrheit. Kurz entschlossen konfrontiert er seine verdatterte Gattin und macht sich auf nach Japan, ein Land, das er sich als Reiseziel nie hatte vorstellen können. In Tokyo versucht Gilbert seinem alten Leben zu entfliehen, Mathilda, seine Kollegen, seinen Arbeitsplatz und sein Über-Ich hinter sich zu lassen. Inmitten des Trubels, trifft Gilbert auf den Petrochemie-Studenten Yosa, der gerade im Begriff ist Selbstmord zu begehen. Der Grund: Er hat Angst, seine Prüfungen nicht zu bestehen. Prompt sieht sich Gilbert mit einer neuen Aufgabe konfrontiert: Dem Studenten Yosa einen schöneren Ort als die Tokyoer U-Bahn für seinen Freitod zu suchen und nebenbei noch eine asketische Pilgerreise zu den berühmten Kieferninseln zu unternehmen. Ausgestattet mit einem Selbstmord-Handbuch und den Pilgerregeln von Basho beginnt für die beiden eine Odyssee zu den Kieferninseln.

    Diese Inhaltsangabe legt es bereits nahe: Bei Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ handelt es sich um eine skurrile Geschichte über die Suche nach sich selbst und den Versuch seinem langweiligen Leben doch noch einen Sinn zu geben. Passend abgestimmt auf diese Rahmenbedingungen hat die bekannte Bestsellerautorin auch das Setting gewählt. Japan, ein Land, das für so manchen europäischen Besucher von merkwürdigen Alltagssituationen nur so wimmelt. Gerade dieser Teil der Welt scheint als Handlungsort für tiefsinnige Geschichten prädestiniert zu sein, schließlich hat der Film „Lost in Translation“ dies bereits vorgemacht. Und so begegnet man in Poschmanns Roman jenen seltsamen und typisch japanischen, wenn auch häufig sehr plakativ dargestellten, Eigenheiten in Form von vollgestopften U-Bahnen, gewöhnungsbedürftigen Sushi-Spezialitäten und perfektionistischen und glattrasierten Japanern. Genau der richtige Ort also für eine Erzählung über einen Tee hassenden und an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Bartforscher.

    Der Text entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dennoch überwiegt der humorvolle Grundtenor des Romans. Allein das Protagonisten-Gespann sollte für ein paar Schmunzler sorgen. Immerhin hat man es mit einem nervlich angespannten Privatdozenten zu tun, der die Kulturgeschichte der männlichen Gesichtsbehaarung erforscht. Ganz zu Schweigen vom selbstmordgefährdeten Japaner mit dem aberwitzigen Namen Yosa Tamagotchi. Lässt man die amüsanten Eigenheiten einmal außer Acht, ergibt sich ein komplexeres Bild der beiden Hauptakteure, als es vielleicht zunächst den Anschein hat. So wimmelt es im Text geradezu von symbolträchtigen Anspielungen und in Lyrik verpackten Selbstbekenntnissen. Verdeutlicht wird dadurch, dass die beiden ungleichen Männer ein seelisches Abbild des jeweils anderen darstellen und nicht einfach nur der Komik halber zusammen auf eine Reise geschickt wurden.

    Was dieses Büchlein unbestreitbar so besonders macht, ist der poetische Schreibstil, in dem man die Lyrikerin Marion Poschmann wiederkennt. Dies ist wohl der Hauptgrund, weshalb man auch diesen „Poschmann“ wieder auf den Shortlists diverser Buchpreise findet. Eingeschworenen Poesie-Nörglern wird hier auf sehr eingängige Art demonstriert, dass die sonstige Wortmalerei der gehobenen Literatur nicht immer nur trocken daherkommen muss. Da kann man den Verzicht auf wörtliche Rede und die konsequente Beibehaltung der alten Rechtschreibung als Kunstgriffe schon mal durchgehen lassen.

    Die zweite Hälfte des Romans gestaltet sich deutlich problematischer. Je weiter die Lektüre fortschreitet, desto eintöniger geraten Handlung und philosophische Exkurse. Auf einmal verliert die Geschichte das Gestraffte, Konsequente, Schnörkellose ihrer Handlung und plätschert zunehmend belanglos dahin. Die zunehmende inhaltliche Schwäche des Textes lässt den Leser am Ende leider eher unzufrieden denn erleuchtet zurück.

    Wer sich zusammen mit dem kauzigen Bartforscher und dem bedauernswerten Studenten auf den Roadtrip begibt, wird mit einer sprachlich wunderbaren Erzählung belohnt. Die inhaltlich dürftige zweite Hälfte des Romans trübt diesen positiven Eindruck jedoch leider. Da nützt es auch nicht viel, dem Text eine poetische Relevanz zu attestieren.

    Lisa Reim, Februar 2018

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