Neujahr von Juli Zeh

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2018 bei Luchterhand.

Bibliographische Angaben

  • München: Luchterhand, 2018.ISBN: 978-3630875729.192 Seiten.

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    Das meint Belletristik-Couch.de: Wenn das Ferienparadies zur Hölle wird90Treffer

    Rezension von Tobias Bollmeyer

    Sandwich-Generation – So lautet ein neudeutsches Modewort für jene Menschen zwischen 30 und 60, die nicht nur für sich selbst, sondern oftmals noch für zwei weitere Generationen Verantwortung tragen, nämlich für ihre Kinder und für ihre Eltern. Außerdem werden im Beruf Spitzenleistungen von ihnen verlangt, schließlich stehen sie doch »voll im Saft«, oder etwa nicht?! Das Familienleben und der Haushalt werden nebenbei selbstverständlich ebenfalls perfekt organisiert und, ach ja, da ist ja auch noch der Ehepartner, den man vor geraumer Zeit mal geheiratet hat, weil man dachte, man empfände Liebe und Zuneigung füreinander, aber wo bleibt diese Liebe im stressigen Alltag? Gibt es überhaupt noch Zeit und Raum für sie?

    Die Protagonisten in Juli Zehs jüngstem Roman »Neujahr« sind ebenfalls Angehörige dieser Mittelschicht, der es oberflächlich betrachtet gut geht, die aber oftmals zwischen Familie und Beruf zerrieben wird. Henning ist Lektor in einem Verlag, Theresa arbeitet in einem Steuerbüro, zusammen leben sie mit ihren Kindern Jonas und Bibbi in Göttingen. Sie halten sich für liberal, tolerant und emanzipiert, leben eine gleichberechtigte Ehe, in der sie sich gemeinsam um Kinder und Haushalt kümmern und ihren jeweiligen Beruf dennoch weiter ausüben können. Henning aber, die eigentliche Hauptfigur des Romans, merkt, dass er mit den zahlreichen Rollen, die er ausfüllen soll, und den Erwartungen, die damit verbunden sind, zunehmend überfordert ist. Fürsorgender Familienvater, zärtlich liebender Ehemann, erfolgreicher Verlagslektor, verantwortungsbewusster Sohn – Das ist alles zu viel für ihn. Außerdem leidet er seit einiger Zeit an Panikattacken, die ihm nachts den Schlaf und tagsüber Verstand und Konzentration rauben.

    Spontan bucht Henning einen Urlaub auf Lanzarote, wo er mit seiner Familie Weihnachten und den Jahreswechsel verbringen will. Aber auch im Ferienhaus vor der traumhaften Kulisse der Kanareninsel kommt er nicht zur Ruhe. Ständig müssen die Kinder beschäftigt werden, seine Frau Theresa lässt ihn spüren, dass sie lieber daheim geblieben wäre, und ihre Silvesterparty ist bereits um 21:00 Uhr vorbei, damit die Kinder pünktlich ins Bett kommen. »Mit Kindern ist Urlaub eine Episode, in der das Leben noch anstrengender ist als sonst. Man findet keine ruhige Minute, errichtet mit aller Kraft ein Bollwerk gegen Chaos, Langeweile und schlechte Laune.« In diesem Gemütszustand wird Henning auch wieder von seinen inneren Attacken befallen, die er schlicht »ES« getauft hat, als hätte er bereits vor ihnen kapituliert. Nach einer Silvesternacht, die er mehr schlecht als recht überstanden hat, begibt sich Henning am Neujahrsmorgen auf eine Fahrradtour in die Berge Lanzarotes, die er auch nutzt, um über sein Leben, seine Familie, seine möglicherweise schon zerrüttete Ehe nachzudenken. Mit letzter Kraft erreicht er ein kleines Bergdorf, das ihm merkwürdig bekannt vorkommt, und schleppt sich, einer inneren Eingebung folgend, noch weiter hoch bis zu einem einsamen Landhaus, wo er – bereits völlig dehydriert – von einer dort lebenden Aussteigerin wieder aufgepäppelt wird.

    So weit, so schrecklich normal in diesen Zeiten der permanenten Selbstoptimierung, denkt man als Leser, hat man die Lektüre bis hierher bewältigt. Aber Juli Zeh geht es nicht nur um eine vordergründige Gesellschaftskritik, darum, dass die vielbeschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf oftmals nicht so reibungslos funktioniert, wie es in politischen Sonntagsreden gerne suggeriert wird. Auch wenn dieses Thema allein natürlich für jeden Autor lohnend ist, so gewinnt der Roman seine eigentliche literarische Qualität erst im zweiten Abschnitt, der durch einen Zeitsprung eingeleitet wird und sich mit Hennings Vergangenheit auseinandersetzt.

    Das einsame Ferienhaus hoch oben in den Bergen Lanzarotes entwickelt sich zum Hauptschauplatz des zweiten Teils des Romans, in dem die Leser dem Protagonisten Henning in dessen Kindheit folgen. Als Kind verbringt er in diesem Haus einen zunächst traumhaften Urlaub, der sich nach einem heftigen Streit seiner Eltern für ihn und seine kleine Schwester Luna zu einem Albtraum entwickelt, da die beiden Kinder in dem abgelegenen Haus tagelang auf sich allein gestellt sind. Ein Trauma, das Henning nie verarbeitet hat, zumal er als Erwachsener jede Erinnerung daran verloren hat, bis er an ebendiesem Neujahrsmorgen zu dem geheimnisumwobenen Haus zurückkehrt und ihm die verdrängten Ereignisse wieder bewusst werden. Die Geschichte dieses denkwürdigen Urlaubs wird konsequent aus der Perspektive des kleinen Jungen Henning erzählt, der zwar schon früh Verantwortung für seine Schwester übernimmt, aber in einer solchen Ausnahmesituation natürlich völlig überfordert ist.

    Wie die beiden Kinder versuchen, sich auf eigene Faust in dem riesigen Haus zurechtzufinden, wird in einer schnörkellosen, lakonischen und gerade deshalb besonders eindringlichen Sprache beschrieben. Man kann als Leser geradezu mitfühlen, wie die Verzweiflung in dem kleinen Henning von Minute zu Minute wächst, weil er nicht weiß, wie er sich und Luna versorgen soll, weil er Lunas Windeln nicht wechseln kann und vor allem, weil er keine Ahnung hat, wo seine Eltern abgeblieben sind, wann und ob sie überhaupt wiederkommen werden. Und man erschrickt darüber, wie schnell menschliche, zivilisierte Verhaltensweisen verloren gehen, wenn die Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden können: »Henning nimmt zwei Würste in jede Hand, und als Luna das sieht, grapscht sie nach der nächsten, erwischt noch eine dritte und läuft damit aus der Küche, wie ein Tier, das seine Beute in Sicherheit bringt.« Man leidet, weint, schreit, wütet, hofft, bangt und – ja, doch – lacht auch mit Henning, bis das Lesen beinahe zur Qual wird und man vom Erzähler wieder in die erlösende Gegenwart zurückgeholt wird.

    So gelingt es Juli Zeh in »Neujahr« wieder einmal auf hervorragende Weise, allgemeine gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen mit individuellen menschlichen Schicksalen zu verknüpfen, so dass am Ende des Romans offensichtlich ist, dass Henning – nicht nur, aber auch – aufgrund seines unbewältigten Kindheitstraumas an den Anforderungen einer durchrationalisierten, auf Perfektion und Erfolg ausgerichteten Leistungsgesellschaft scheitern muss. Dabei verarbeitet die Autorin wohl auch einige persönliche Erfahrungen, zumal sie sich zeitweise selbst in einer ähnlichen Belastungssituation befunden habe, wie sie in einem Interview auf WDR 5 erklärt. Auch die leider immer noch allzu oft vorherrschenden Geschlechterstereotype werden in diesem Roman ad absurdum geführt. Hennings Schicksal zeigt, dass es nicht – jedenfalls nicht nur – vom Geschlecht abhängig ist, wie gut jemand den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen kann, sondern vielmehr von individuellen Erfahrungen und Eigenschaften. Schließlich ist seine Frau Theresa der dominantere Part in ihrer Beziehung und verfügt über eine stabile und ausgeglichene Persönlichkeit.

    Darüber hinaus berührt der Roman aber auch noch eine zweite, tieferliegende Problematik, nämlich die Frage, wie Erinnerung konstruiert wird und welche Rolle sie für das gegenwärtige Leben spielt. Können Ereignisse aus der frühesten Kindheit, an die man sich als Erwachsener eventuell gar nicht mehr erinnern kann, das Leben eines Menschen dennoch derart tiefgreifend beeinflussen, wie es bei Henning scheinbar der Fall ist? Oder sind diese Erinnerungen am Ende nichts anderes als ein Produkt der Einbildung, verursacht durch die vielfältigen Belastungen der Gegenwart? Wer entscheidet darüber, was Wahrheit ist und was Fiktion? Wem kann man sich anvertrauen, wer gibt einem Orientierung? Und wie kann man sich letztlich von den Ängsten und Belastungen lösen, die mit den Erinnerungen verbunden sind? Auch das sind Fragen, die dieser Roman aufwirft, freilich ohne letztgültige Antworten geben zu können. Aber es kann einem nach der Lektüre durchaus passieren, dass man anfängt, in den eigenen Kindheitserinnerungen zu graben, so tief, wie man es vermutlich schon lange nicht mehr getan hat.

    Tobias Bollmeyer, Dezember 2018

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