Hotel Savoy von Joseph Roth

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2003 bei dtv.

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2003.ISBN: 3423130601.128 Seiten.

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    In Kürze:

    Ein Hotel wird in diesem frühen Roman Joseph Roths zur Metapher für die aus den Fugen geratene Welt nach dem Ersten Weltkrieg. In einem polnischen Städtchen nahe der russischen Grenze gelegen, nach außen mit seiner prunkvollen Fassade noch Zeuge der Vorkriegsepoche, beherbergt es im Innern die bunten Existenzen einer durcheinandergeratenen Zeit: Soldaten, Bankrotteure, Devisenschieber, Halbkünstler und leichte Mädchen. Gabriel Dan, nach fünf Jahren Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt, teilt sein Zimmer mit einem anarchischem Kommunisten und wird in die Aktivitäten der Armen und Reichen verstrickt. Alle aber warten auf die Ankunft des Milliardärs Bloomfield aus Amerika. Am Ende geht das Hotel in Flammen auf.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Verlust und Umsturz auf der Durchreise«82

    Rezension von Sebastian Riemann

    Ein Mikrokosmos ist dieses Hotel, gelegen zwischen dem aufrührerischen Russland und dem geordneten Westen, »an den Toren Europas«. Seine Gäste sind auf sieben Etagen verteilt; die Armen wohnen in kleinen, stickigen Zimmern in den oberen Stockwerken, die Wohlsituierten haben mehr Platz und befinden sich in den unteren Ebenen. Der Protagonist, ein Kriegsheimkehrer, macht auf seiner Reise Halt in jenem Hotel, da in der Stadt sein wohlhabender Onkel Phöbus wohnt, den er um Reisegeld bitten möchte, denn es zieht ihn weiter nach Westen, weiter weg von Russland und den Kriegserinnerungen. Mit bescheidenen Mitteln ausgestattet mietet er sich im sechsten Stock ein und genießt vorerst das Ambiente, bevor er sich auf den Weg zu seinem Verwandten macht. Vor dem Hause stehend, bemerkt der junge Mann jedoch eine größere Gesellschaft, die zugegen ist, und sogleich vertagt er seinen Plan, da seine Kleidung nicht angemessen ist, sich in einer Runde ordentlicher Bürger sehen zu lassen. Der erste Eindruck beim Onkel ist wichtig, da lohnt es sich einen günstigen Augenblick abzuwarten. Er ist ein verarmter Kriegsheimkehrer, ist monatelang durch die russischen Weiten gelaufen, hat sich durchgeschlagen mit Hilfsarbeiten, und steht nun am Rande der Gesellschaft, soviel ist ihm klar, deshalb die Scham im Angesicht eines vollen Hauses. Auf Hilfe ist er angewiesen, um sich ein neues Leben aufzubauen.

    Das Hotel Savoy beherbergt eine explosive Mischung Menschen, die in Zeiten von Ungleichheit und Armut um ihre Zukunft kämpfen. Doch so groß die Unterschiede zwischen den Bewohnern der Hotelzimmer auch sind, ihnen geht es besser als den meisten Kriegsheimkehrern, die in die Stadt strömen, oder als den streikenden Fabrikarbeitern. Die Spannungen in der Stadt nehmen mit jedem Tag zu, die unteren Klassen der Gesellschaft werden immer wütender, ihr Handeln motiviert von den neuen Ideen aus Russland, welche durch die zurückkehrenden Soldaten und ehemaligen Gefangenen ins Land kommen. Fragil sind die Verhältnisse, als der Protagonist ins Hotel einzieht und seinen Onkel aufsucht, große Veränderungen stehen bevor, die Gesellschaft im Umbruch.

    Im Zimmer über dem Protagonisten wohnt eine junge Varieté-Tänzerin, in die sich der junge Mann natürlich verliebt, mit der er aber nicht so recht umzugehen weiß, da er unbeholfen ist. Der Sohn vom reichen Onkel Phöbus mag sie auch, lädt sie sogar nach Paris ein, wo er als Student das Leben genießt. So entspannt sich eine kleine Liebesgeschichte, in der es jedoch nicht so sehr um die Liebe geht, sondern vielmehr um die Schicksale der armen Bekannten der Tänzerin, für die der Protagonist schnell Interesse entwickelt.

    Joseph Roth stammte aus dem Osten des Reiches Österreich-Ungarn, aus der verarmten Region Ostgalizien an der Grenze zu Russland. Am ersten Weltkrieg nahm er teil, war jedoch kein Kriegsgefangener, wie der Protagonist im Hotel Savoy. Roth schildert im Roman keine eigenen Erlebnisse, bezieht sich jedoch auf Ereignisse und Situationen, die ihm vertraut sind. Er selbst entstammte dem äußersten Osten des modernen Europas, zu dem die Doppelmonarchie gehörte, deren entlegener Ausläufer Ostgalizien jedoch wenig mit den Zentren europäischer Kultur gemein hatte. Roth stand also schon als Kind »vor den Toren Europas«, als Außenseiter. Seine Heimat verlor er im ersten Weltkrieg, den Vater vorher schon – das Gefühl der Entwurzelung findet im Roman seinen Ausdruck in der Situation des Kriegsheimkehrers, der sich auf der Durchreise befindet, nur entfernte Verwandte hat, zu denen sich kein freundschaftliches oder gar familiäres Verhältnis entwickeln will, der kein Weib und Kind hat, und nur einem wagen Ziel, Europa, folgt.

    Meisterlich und auf höchst unterhaltsame Art verbindet Roth seine persönlichen Erlebnisse mit den Ereignissen der Zeit, bedient sich dabei einer leichten und bildhaften Sprache, die durch die Charaktere, sowie ihre reichen Hintergründe, an Fülle gewinnt und nicht auf schaumschlägerisches Vokabular angewiesen ist. Die Personen werden direkt, ohne viel Schmuck, in Beziehung zueinander gesetzt und das (Zwischen-)Menschliche gibt den Ton an:

    »Zwonimir schlägt Ignatz. Es sind freundschaftliche Schläge, und Ignatz kann nichts dagegen tun. Ich beobachte Ignatz, wie er zusammenzuckt, wenn sich ihm Zwonimir nähert. Es ist eine Reflexbewegung, keine Angst. Zwonimir ist der größte und stärkste Mann im Hotel Savoy, er kann Ignatz bequem unter den Arm nehmen. Er scheint furchtbar und gewalttätig, er poltert gern, und in seiner Nähe ist alles still und scheu.«

    Sebastian Riemann, Juli 2015

    Ihre Meinung zu »Joseph Roth: Hotel Savoy«

    ReadingRat zu »Joseph Roth: Hotel Savoy«05.01.2016
    Auf die Handlung konzentriert sich der Roman scheinbar nur nebenbei. Dafür hat Joseph Roth zahllose kleine Porträts und kleine Geschichten aneinandergereiht, welche die Sinne des Lesers anheizen. Erst zum Schluss klärt sich auf, wer der eigentliche Eigentümer des Hotels Savoy ist, aber da ist es schon zu spät, den Sinn des gesamten Geschehens zu erfassen.
    Sprachlich hat Joseph Roth schon einen gewaltigen Höhenflug erreicht und deswegen liest sich der Roman, der zeitweise scheinbar ereignislos vor sich hin plätschert, wie die Bildbetrachtung eines gewaltigen expressionistischen Gemäldes.
    Wer sich darauf einlässt, wird die Lektüre nie vergessen.
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