Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint von Haruki Murakami

Buchvorstellungund Rezension

 deutsche Ausgabe erstmals 2018.

Bibliographische Angaben

    • Köln: DuMont Buchverlag, 2018 Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint.Übersetzt von Ursula Gräfe.ISBN: 978-3832198916.480 Seiten.

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    Das meint Belletristik-Couch.de: Ideen sind viel beschäftigte Leute80

    Rezension von Sebastian Riemann

    Ein echter Murakami. Der Erzähler ist verlassen und einsam, bereitet sich spärliche Mahlzeiten zu, hört klassische Musik oder Jazz, dabei grübelt er über sein Leben, alte und neue Mysterien. Langsam aber sicher gerät sein Dasein und die Welt, die ihn umgibt und die er stets für stabil und unerschütterlich gehalten hat, aus den Fugen. Die Realität verschiebt sich auf subtile Weise. Zuerst ist er sich nicht sicher, ob er nicht träumt. Es mutet alles so ungewöhnlich und unvernünftig an, dass es eigentlich nicht wahr sein kann. Recht bald muss er aber einsehen, dass all die merkwürdigen Dinge, die um ihn herum geschehen und ihn zunehmend in einen Strudel ziehen, Teil seines Lebens sind und ihn nicht wieder loslassen werden. Eine dunkle, feuchte Grube im Garten lädt ein, in eine andere Welt hinüberzugleiten.

    Kenner und Freunde der Literatur Murakamis dürfen sich auf einen großen, langen Roman des japanischen Schriftstellers freuen. In zwei Bänden erzählt er die Geschichte eines Malers, der aus seinem ruhigen, gemächlichen Leben vertrieben wurde und sich mit einer neuen Realität konfrontiert sieht. Dabei verwendet der Autor die Elemente, die ihn stets auszeichneten und ihm bereits in der Vergangenheit großen Erfolg einbrachten. Der erzählende Protagonist schlägt im Buch einen melancholischen und mitunter matten Ton an, bedauert des öfteren den Wandel in seinem Leben und weiß nicht wohin ihn die Ereignisse tragen werden. Meist hat er wenig Interesse an dem, was kommen wird, will lieber seine Ruhe vor der chaotischen Welt bewahren und sich abschotten. Jedoch bewegt sich die Welt um ihn herum beständig weiter und nicht mehr in den Bahnen, in denen sie zuvor ihre Kreise gezogen hat. Die altbekannte Realität zerbricht. Nicht vollständig und auch nicht mit einem lauten Knall, sondern langsam und begleitet von leisen Tönen. So wie man es von Murakami und seinen Helden kennt. Zuerst gibt es Raum für Zweifel, aber mit der Zeit wird deutlich und unbestreitbar ein Riss in der Oberfläche erkennbar. Das Gefüge wird instabil und es entweichen wundersame Kräfte, die vorher im Verborgenen gelebt hatten. Im Falle des vorliegenden Bandes erscheint dem Maler eine Idee. Dabei ist man geneigt zu denken, er habe eine Idee. Hat er auch. Nämlich in Bezug auf ein Porträt, das er malen soll, obwohl er eigentlich keine Porträts mehr malen wollte. Aber da ihm sehr viel Geld geboten wurde, überwand er sich und ließ darauf ein, noch einmal jemanden malerisch abzubilden. Anfangs hat er große Probleme, findet nicht so schnell und leicht den Kern der Person, die er malen soll. Dann aber kommt ihm eine Idee, er lässt seiner Inspiration freien Lauf und befreit sich von seinen alten Vorstellungen, wie ein Porträt auszusehen habe. Man könnte sagen, er hatte eine Idee zur künstlerischen Umsetzung einer Persönlichkeit in der Form eines Bildnisses. Jedoch ist dies nicht die Idee, die ihm erscheint. Der Commendatore ist nämlich die Idee. Beziehungsweise die Form, in der die Idee erscheint. Denn eigentlich haben Ideen keine Form. Natürlich nicht. Aber da man nur schwer mit ihnen reden kann, wenn sie keine Form annehmen, ist die Idee so gütig und nimmt für den Maler und auch für den Leser die Form des Commendatore an. Wie ein Geist erscheint er und verschwindet, sobald er keine Lust mehr hat oder sich dabei erschöpft, seine Form aufrecht zu erhalten. Das Leben des Malers geriet aus den Fugen, da ihm seine Frau offenbarte, dass sie nicht mehr mit ihm zusammenleben könne und eine Affäre mit einem anderen Mann habe. Die Nachricht trifft ihn unvorbereitet. Er steigt in den Wagen und fährt davon. Wohin er fährt, weiß er nicht, und es ist nicht weiter wichtig. In ihm war eine Leere entstanden, die er vorerst nicht füllen konnte. Davor flieht er Tage und Wochen. Er übernachtet im Auto oder in günstigen Hotels am Straßenrand. Am Ende vermittelt ein Freund ihm ein Haus in den Bergen, in dem er vorerst wohnen kann. An der örtlichen Volkshochschule kann er zudem Malkurse geben. In den eigentlich so abgeschiedenen Bergen, in denen sich der Erzähler von der Welt und dem entstandenen Schmerz entfernen will, geschehen aber merkwürdige Dinge. Des Nachts ist das Läuten von Glocken zu hören. Natürlich handelt es sich nicht um große, laute Glocken, sondern um kleine, leise Glocken, deren Klang gedämpft an das Ohr des Malers dringt. Wie sich herausstellt, war es die Idee, die ihn auf diese Weise gerufen hat.

    Haruki Murakami versteht sein Handwerk, er ist ein erfahrener und routinierter Schriftsteller. Langsam und gemächlich treibt er die Handlung voran, verspürt keine Eile. Manchmal wird er dabei jedoch zu langsam, möchte man anmerken. Vieles wird wiederholt und mehrfach durchbuchstabiert, so dass man leicht die Geduld verliert und mehr Aktion fordert. Die Kapitel ziehen sich unnötig in die Länge. Doch das ist keine Neuigkeit bei Murakami. Stets legte er viel Wert auf ein ruhiges, langatmiges Eintauchen in die Eigenwelt seiner Figuren. Das flotte Erzählen ist einfach nicht sein Stil. Seine Anhänger müssen es wohlwollend verzeihen. Die Inszenierung im aktuellen Roman ist nicht neu für diejenigen, die mit ihm und seinem Werk vertraut sind. Vieles erinnert an vorangegangene Bücher, in denen ähnliche Protagonisten auftraten und ihre Welt verrutschen sahen. Doch das mindert nicht die Qualität des Leseerlebnisses. Die vielen Verstrickungen und das langsame Hinabsteigen in die dunkle Grube, aus der die Glocken erklingen, begeistern und schlagen den Leser in ihren Bann. Geschickt baut der Autor Spannung auf, verbindet verschiedene Handlungsstränge und gibt allem einen mystischen Hauch. Es ist die gute Unterhaltung, die man von Haruki Murakami gewohnt ist und die man von ihm erwartet.

    Sebastian Riemann, August 2018

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