Dunbar und seine Töchter von Edward St. Aubyn

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Dunbar, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Knaus.

Bibliographische Angaben

  • London: Hogarth, 2017 unter dem Titel Dunbar.224 Seiten.
  • München: Knaus, 2017.Übersetzt von Nikolaus Hansen.256.ISBN: 978-3813506983.253 Seiten.

'Dunbar und seine Töchter' ist erschienen alserschienen als HCals TB nicht erhältlichals CD nicht erhältlich

»Dunbar und seine Töchter« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

Das meint belletristik-couch.de: Die Abgründe der Familie Lear70

Rezension von Lisa Reim

Seit jeher beflügeln Shakeapeares Werke die Fantasie vieler Autoren. Das fing bereits mit Goethes Beitrag zum „Schäkespear“-Tag an und endet heute in den Bemühungen mancher Theaterregisseure, die verzweifelt versuchen Shakespears Worte in ein modernes und bisweilen absurdes Gewand zu zwängen. Interessant sind solche Ambitionen jedoch allemal. So finden sich ab und zu auch mal spannende Ideen in dem Pool an Neuinterpretationen. Entsprechend euphorisch wurde das Projekt der britischen Hogarth Press anlässlich des 400. Todestages Shakespeares im Jahre 2016 verfolgt: Zahlreiche bekannte, zeitgenössische Autoren widmen sich hier jeweils einem Shakespeare-Stück, um dem Stoff einen modernen Touch zu verleihen. Der durch seine „Patrick Melrose“-Trilogie bekannt gewordene Brite Edward St Aubyn hat sich dabei mit der Familientragödie „König Lear“ beschäftigt.

Herausgekommen ist ein schlankes Buch namens „Dunbar und seine Töchter“, in dem St Aubyn den alternden König zu einem amerikanischen Konzernchef umgemodelt hat, der die Unternehmensführung an seine Töchter Abigail und Megan abgeben will. Doch diese hintergehen ihn, erklären ihn für unzurechnungsfähig und verfrachten Dunbar in ein englisches Sanatorium. In der ländlichen Abgeschiedenheit findet Dunbar zu sich selbst und erkennt seine Fehler, nicht zuletzt Dank der Hilfe von Peter, einem alkoholkranken Ex-Schauspieler. Den beiden gelingt die Flucht, doch sie werden von Abigail und Megan verfolgt, die den Alten so schnell wie möglich wieder unter Kontrolle bringen wollen. Auch Dunbars jüngste Tochter Florence, einst verstoßen jedoch immer noch voller Liebe zu ihrem Vater, ist ebenfalls auf der Suche, um Dunbar vor ihren machtbesessenen Schwestern zu retten.

Ein kurzweiliges Remake, das auch für Shakespeare-Laien kein Problem darstellt. Tatsächlich ist der Lear-Stoff (altes Familienoberhaupt muss der jüngeren Generation nicht nur Platz machen, sondern wird von ihr auch hinterhältig abserviert) einer der zeitlosesten überhaupt und lässt sich leicht in St Aubyns modernes Setting übertragen. Wie bei seinem Vorbild steht auch in der modernen Version Dunbar selbst im Mittelpunkt der Geschichte. Zentral ist auch hier die Altersthematik und der innere Wandel des Protagonisten von einem strengen, unbarmherzigen Familienpatriarchen zu einem schwachen, sich seine Fehler eingestehenden alten Mann, der sich seiner inneren Leere bewusst wird. Dieser Wandel ist besonders der Figur des Peter zu verdanken, der, ähnlich wie der Narr im Original, in unverblümter Ehrlichkeit und mit unsinnigen Plattitüden zu Dunbars Läuterung beiträgt. So ist die Figur des Peter mit ihrer Dynamik auch gleichzeitig der interessanteste von St Aubyns Figurenentwürfen.

Doch wie steht es um „Dunbar“ als alleinstehendes Werk? Handwerklich liegt hier ein gelungener Roman vor, sprachlich einwandfrei und im Gegensatz zum ernsten Vorbild auch mit einer Menge Humor. Problematisch wird es bei den Figuren. Dunbars Töchter fallen durch eine strikte schwarz-weiß Färbung auf: Megan und Abby sind von Grund auf böse und stellen zu jeder sich bietenden Gelegenheit ihren überzogen sadistischen Charakter zur Schau. Die junge Florence dagegen ist durchweg gutmütig, achtet sogar auf ihre persönliche CO2-Bilanz. Mit dieser auffallenden Diskrepanz versucht St Aubyn den Fokus auf menschliche Abgründe zu legen und seinen Lesern einen extremen Blick auf ihre eigene Gesellschaft zu ermöglichen. Doch gleichzeitig geht durch die groteske Darstellung der Schwestern und den häufig humorvollen Unterton in den Dunbar-Peter-Passagen das eigentlich Tragische an Dunbars Schicksal verloren. Das am Original angelehnte bestürzende Ende kann so leider nur noch einen affektierten Eindruck hinterlassen.

Die inhaltliche Neuinterpretation ist im Grunde gelungen. Mehr Augenmerk auf die Ausgestaltung der eigenen Figuren hätte aber für mehr Tiefgang gesorgt. Ob St Aubyns Werk durch die abnormen Charaktere eher eine Satire oder doch eine düster-moderne Version des Lear-Stoffes sein soll, lässt sich auch nach der Lektüre nicht eindeutig beantworten.

Lisa Reim, April 2018

Ihre Meinung zu »Edward St. Aubyn: Dunbar und seine Töchter«

Ihr Kommentar zu Dunbar und seine Töchter

Hinweis:Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen.Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre.Werbung ist nicht gestattet.Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.