Die Zähmung der Tiere von Ada Dorian

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2018 bei Ullstein.

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2018.ISBN: 978-3961010196.224 Seiten.

    'Die Zähmung der Tiere' ist erschienen alserschienen als HCals TB nicht erhältlichals CD nicht erhältlich

    »Die Zähmung der Tiere« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

    bestellen bei amazon

    Das meint Belletristik-Couch.de: Ein politischer Roman, der sein Potenzial nicht ausschöpft

    Rezension von Tobias Bollmeyer

    Die Türkei ist ein Land, das hierzulande mittlerweile widersprüchliche Empfindungen und Reaktionen auslöst. Einerseits gilt es immer noch als Urlaubsparadies mit Traumstränden, Sonnengarantie, einer gastfreundlichen Bevölkerung und spannenden Metropolen wie Istanbul. Andererseits halten die politischen Verhältnisse in der Türkei viele Menschen von einer Reise in das Land ab. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 hat sich die Lage dramatisch verschärft, insbesondere für die einheimische Bevölkerung. Oppositionelle werden ohne triftigen Grund verhaftet, unliebsame Journalisten werden an einer freien Berichterstattung gehindert – die Schlagzeilen aus den täglichen Nachrichten sind hinlänglich bekannt. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur haben diese Ereignisse bislang jedoch eher wenig Beachtung gefunden.

    Umso dankbarer muss man der jungen Autorin Ada Dorian sein, dass sie sich dieses Themas angenommen und in ihrem aktuellen Roman »Die Zähmung der Tiere« literarisch verarbeitet hat. Er erzählt die Geschichte von Nilay Birol, einer türkischen Schriftstellerin, die in Istanbul lebt und scheinbar harmlose Märchen schreibt. Als sie sich mit einem Verleger treffen will, der Interesse an einer Veröffentlichung ihrer Geschichten hat, verschwindet sie spurlos – ausgerechnet an jenem symbolträchtigen 15. Juli 2016, dem Tag des Putschversuches. Es stellt sich heraus, dass Nilays Märchen nicht so unpolitisch sind, wie es zunächst scheint, sondern subtile und hintergründige Kritik an der Regierung Erdogan und dem repressiven, von Angst geprägten gesellschaftlichen Klima im Land üben.

    Die Handlung des Romans spielt etwa ein Jahr nach Nilays Verschwinden. Zwei französische Journalisten sollen in Istanbul zu diesem Fall recherchieren und Nilays Angehörigen dabei helfen, in Frankreich Asyl zu beantragen, denn auch sie fühlen sich in der Türkei nicht mehr sicher. Das Schicksal der jungen Frau lässt die gesamte Familie auseinanderbrechen: Ihr Vater Ediz ist in ein einsames Landhaus weit draußen in der Provinz geflüchtet und leidet an Depressionen, während seine Frau Dilek in Istanbul verharrt. Nilays Verlobter Baran sucht derweil gemeinsam mit ihrem Bruder Adil und weiteren Freunden nach ihr.

    Die Romanhandlung beschränkt sich jedoch nicht auf Nilays Verschwinden, sondern erzählt auch, in welcher Weise andere Menschen aus dem Ausland von den politischen Verhältnissen in der Türkei betroffen sind. Da sind zunächst die beiden französischen Journalisten, von denen einer eher zögerlich und vorsichtig agiert, während sein Kollege vorprescht und dafür einen hohen Preis zahlen wird. Die italienische Modedesignerin Francesca fragt sich, ob sie noch in der Türkei produzieren lassen kann, obwohl sie seit einigen Jahren freundschaftliche Beziehungen zu ihren Lieferanten unterhält. Die deutsche Kuratorin Christiane, die im Istanbuler Museum für zeitgenössische Kunst arbeitet, spielt mit dem Gedanken, die Türkei zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, entscheidet sich dann aber doch dagegen und ist wesentlich daran beteiligt, dass Nilays Geschichte publik gemacht wird.

    Es gibt noch einige andere dieser Nebenstränge im Roman. Sie alle machen deutlich, dass nicht nur die Menschen in der Türkei unter den dortigen Verhältnissen leiden, sondern dass ganz verschiedene Personen aus unterschiedlichen Ländern durch ihre jeweils individuellen Lebensgeschichten mit diesem Land verbunden und von den dortigen Ereignissen direkt betroffen sind – wie sollte es im Zeitalter der Globalisierung auch anders sein? »Die Zähmung der Tiere« ruft also allen Leserinnen und Lesern in Erinnerung, dass das, was in der Türkei passiert, keine abstrakte, abgehobene Außenpolitik ist, sondern dass es uns alle angeht und wir nicht einfach wegschauen können. Dies ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Autorin.

    Ada Dorian verwendet dabei eine raffinierte Erzählweise, die nicht alle Zusammenhänge sofort offenbart. Jedes Kapitel trägt als Überschrift den Namen der Romanfigur, aus deren Sicht es geschrieben ist. Dadurch werden die individuellen Empfindungen der jeweiligen Figur erkennbar und es wird nur das erzählt, was diese einzelne Figur aufgrund ihres Denk- und Erfahrungshorizontes wissen kann. Besonders gut ist dies bei der Gestaltung von Nilays Vater Ediz gelungen. Die seelischen Qualen, die er erleidet, während er in dem einsamen Haus hoch oben in den Bergen vor sich hin vegetiert, werden durch das perspektivische Erzählen besonders eindrücklich vermittelt: »Ediz hielt sich an sich selbst fest. Er befühlte die rechte Hand, die Schwielen vom Holzhacken und die Verbrennung, die er sich am heißen Ofen zugezogen hatte. Nichts davon spürte er, nichts davon tat weh. Er befühlte den eigenen Körper wie den eines Fremden« (S. 138). Überhaupt ist der Erzählstrang, der den Zerfall von Nilays Familie beschreibt, sowohl inhaltlich als auch in der literarisch-ästhetischen Ausgestaltung der stärkste Teil des Romans.

    Leider kann dieses Niveau nicht über die gesamten 220 Seiten aufrechterhalten werden. Einige der Nebenfiguren sind arg schemenhaft und typisierend gestaltet, wie beispielsweise die deutsche Touristin Ingrid, die, nachdem sie viele Jahre lang ihren Urlaub ausschließlich in der Türkei verbracht hat, nun Zypern als Urlaubsziel wählt, das freilich mit politischen Tretminen und Fettnäpfchen, in die man als ausländischer Gast treten kann, nicht weniger gespickt ist. Als sie den Sohn der Hotelbesitzer fragt, wie er es empfinde, in Nikosia, der geteilten Hauptstadt der Insel, zu studieren, antwortet dieser tatsächlich: »Ich bin ein Berliner« (S. 133). Danke, aber diesen Wink mit dem Zaunpfahl hätte es insbesondere für ein deutsches Lesepublikum wirklich nicht gebraucht. Hier zeigt sich das mitunter krampfhafte Bemühen der Autorin, die unzweifelhaft vorhandene politische Dimension des Romans in jeder Nebenfigur und bis in die kleinste Szene hinein kenntlich zu machen. Das führt jedoch mitunter dazu, dass es beim bloßen »Name-dropping« bleibt, ohne dass Motive und Zusammenhänge näher erläutert werden, wenn zum Beispiel ein türkischer Medizin-Professor, der seit Jahrzehnten in den USA lebt, seinem Sohn offenbart, dass er vor langer Zeit die Gülen-Bewegung unterstützt hat, die nun als Gegner der Regierung Erdogan gilt (vgl. S. 178).

    Alle Figuren dieses Romans stehen auf der richtigen Seite. Alle wollen das Gute. Alle wollen »gemeinsam dafür kämpfen, dass man in diesem Land wieder leben und heiraten und Kinder kriegen« kann, »dass es eine Zukunft [...] [gibt], irgendeine, irgendwann« (S. 182). Das sind große, pathetische Worte. Und es ist zweifellos eine lobenswerte Einstellung. Aber es entspricht ebenso genau den Erwartungen, die man als Leser hat, wenn man die Gestalten, die diesen Roman bevölkern, etwas kennengelernt hat. Gute Literatur schafft es, die Leser zu irritieren, ihre Erwartungen zu enttäuschen, vielschichtige Persönlichkeiten zu entwerfen, die mit sich selbst ringen, die vielleicht das Gute wollen, aber durch die äußeren Umstände oder innere Blockaden daran gehindert werden, es zu tun. Erst dadurch wird eine Erweiterung des eigenen Denkhorizontes möglich, erst dadurch werden vermeintliche Gewissheiten infrage gestellt. Wo finden sich solche konstruktiv-irritierenden Momente und Figuren in diesem Roman? Es gibt sie nicht. Es gibt ausschließlich Charaktere, die sich in ihrem Nonkonformismus, ihrer Unangepasstheit gefallen und gerade deshalb innerhalb ihrer eigenen Lebenswirklichkeit erschreckend konform und angepasst denken, fühlen und handeln. Niemand wechselt die Seiten, niemand stellt irgendetwas infrage. Niemand diskutiert ernsthaft, wie eine lebenswerte Türkei aussehen und wie man dieses Ziel erreichen könnte. Stattdessen wird in Erinnerungen geschwelgt: Damals, die Proteste im Gezi-Park, das waren noch Zeiten …Aber was bedeutet das für die Zukunft der Türkei? Und wer ist eigentlich der Gegner, gegen den es sich zu kämpfen lohnt? Es gibt ja nicht einmal einen echten Gegenspieler, jemand, der das Regime repräsentiert, einen Geheimdienstler oder AKP-Funktionär. Eine solche Figur würde man als Leser wohl zu Recht verabscheuungswürdig finden, man würde sich an ihr reiben. Aber vielleicht würde man ihre Handlungsmotive auch teilweise nachvollziehen können. Gewiss, das wäre schwer zu ertragen. Aber die Realität in der Türkei ist ebenso schwer zu ertragen, nicht zuletzt deshalb, weil Erdogan zumindest in bestimmten Bevölkerungsteilen immer noch ein hohes Ansehen genießt. Warum eigentlich?

    Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Autorin diese gesellschaftspolitische Komplexität, den Riss, der durch das Land geht, durch eine vielschichtige, mehrdimensionale Gestaltung der Figuren und der Handlung reflektiert hätte. So bleibt am Ende nur die Betroffenheit über ein Einzelschicksal, das für sich genommen freilich jeder Erzählung wert ist und insbesondere im westlichen Europa für Aufsehen sorgt. Ein Denkanstoß, wie die vielfältigen Konflikte innerhalb der Türkei überwunden oder zumindest konstruktiv diskutiert werden könnten, ergibt sich daraus aber nicht. Schade, dass diese Chance vertan wurde.

    Tobias Bollmeyer, Dezember 2018

    Ihre Meinung zu »Ada Dorian: Die Zähmung der Tiere«

    Ihr Kommentar zu Die Zähmung der Tiere

    Hinweis:Wir behalten uns vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen zu löschen.Beachten und respektieren Sie jederzeit Urheberrecht und Privatsphäre.Werbung ist nicht gestattet.Lesen Sie auch die Hinweise zu Kommentaren in unserer Datenschut­zerklärung.