Perikles, Fürst von Tyrus von William Shakespeare

Buchvorstellungund Rezension

Perikles, Fürst von Tyrus von William Shakespeare

 deutsche Ausgabe erstmals 2017.

Bibliographische Angaben

    • Cadolzburg: Ars vivendi, 2017 Perikles - Fürst von Tyrus.Übersetzt von Frank Günther.320 Seiten.

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    Rezension von Almut Oetjen

    Perikles, der Fürst von Tyrus, kommt an den Hof des Königs von Antiochia, Antiochus. Bei seiner Brautwerbung um die Königstochter muss er ein Rätsel lösen. Gelingt ihm dies nicht, wird sein Kopf abgetrennt, aufgespießt und neben den Köpfen vorhergehender Freier öffentlich ausgestellt. Perikles findet heraus, dass Antiochus mit seiner Tochter ein inzestuöses Verhältnis betreibt. Er flieht vor Antiochus, der seinen Tod will, und begibt sich auf eine Irrfahrt, in deren Verlauf er Prinzessin Thaisa heiratet, eine Tochter namens Marina bekommt und beide verliert. Das Schicksal hält für die kleine, räumlich verstreute Familie viele Prüfungen bereit.

    Unzuverlässiger Ausgangstext

    Perikles< ist um 1606/8 herum entstanden. Nach kraftvollen und vielschichtigen Dramen wie >Hamlet<, >Othello<, >König Lear< und >Macbeth< rückverweist >Perikles< auf frühere Werke wie die >Komödie der Irrungen<. Diese ist eines der weniger überzeugenden Stücke Shakespeares, gefällt jedoch Publikum und Kritik durch die komischen und grotesken Situationen. >Perikles< ist die erste der vier Romanzen Shakespeares, zu denen die späten Werke >Ein Wintermärchen<, >Cymbeline< und >Der Sturm< gehören. In diesen Märchen-Dramen schält er die Fiktionalität des Erzählten stärker heraus und verweist so auf den Kunstcharakter. 

    Shakespeare verwendet andere Autoren als Ausgangsmaterial. Die wichtigste Quelle für >Perikles< ist ein Werk des Dichters John Gower aus dem 14. Jahrhundert, die >Confessio Amantis<, genauer: die im achten Buch enthaltene Geschichte von Apollonius von Tyrus. Der Erzähler im >Perikles< heißt John Gower.

    Es spricht viel dafür, dass die ersten Szenen des >Perikles< nicht von Shakespeare stammen, sondern von einem Zeitgenossen, dem Dramatiker George Wilkins. Formale und sprachliche Unterschiede deuten hierauf hin, worüber der Anhang des Buches kenntnisreich informiert.

    Ein weiteres Problem ist die mangelnde Zuverlässigkeit des Ausgangstextes. Nahezu alle Stücke Shakespeares gehen zurück auf Manuskripte und Aufführungsnotizen ihres Verfassers. >Perikles< hingegen wurde aus Aufzeichnungen und Mitschriften von Zuschauern und Schauspielern rekonstruiert. Auch hier ist der Anhang aufschlussreich und spannend zu lesen. Der Übersetzer Frank Günther hat mit den am Markt verfügbaren englischen Fassungen gearbeitet.

    Wurzeln im hellenistischen Abenteuerroman

    Der antike griechische Roman erzählt Geschichten über Abenteuer und Liebe, die weitgehend einem stereotypen Muster folgen, dem auch Shakespeares Theaterstück entspricht. Der Handlungsraum erstreckt sich über Kleinasien und Nordafrika. Die Hauptfiguren sind Perikles und Thaisa, beide jung, schön und von hoher Herkunft. Sie verlieben sich ineinander und heiraten. Eine Seereise führt zur Trennung, es folgen Abenteuer in der Fremde, und die Tugendhaftigkeit der Helden wird auf eine harte Probe gestellt. Am Ende finden sie wieder zusammen und werden für ihre Treue belohnt.

    Bei Shakespeare kommt der Verlust der Tochter Marina hinzu, die von Piraten gefangen und in ein fragwürdiges Milieu verkauft wird. Dort soll sie als Prostituierte arbeiten. Marina ist intelligent und kann gut argumentieren. Ihre Kunden bekehrt sie moralisch, bewahrt ihre Jungfräulichkeit und schädigt dadurch ihre Besitzerin materiell, bis sie beseitigt werden soll.

    Inzesttabu

    Der Inzest ist, salopp ausgedrückt, so alt wie die Menschheit und übt seit jeh eine große Faszination auf die Literatur aus. Schon bei den alten Göttern ist er zu beobachten. Die ägyptische Mythologie kennt die Geschwister Isis und Osiris als Liebespaar, die griechische den Göttervater Zeus, der mit seiner Schwester Hera verheiratet ist. In der Literatur ist die Beziehung zwischen Vater und Tochter die am häufigsten vorkommende.

    Der Inzest in >Perikles< ist eine bewusste Handlung, die auf einem durch Macht bestimmten Vorrecht basiert und nicht von der Tochter des Königs gewollt scheint. Im Apolloniusroman aus der Spätantike und heutigen Schulstoff >Historia Apollonii regis Tyri< setzt der Vater die Freier, die um seine Tochter werben, einer gefährlichen Prüfung aus, an deren Ende ihre Köpfe zur Abschreckung ausgestellt werden. Im Mittelalter wurde der Roman in viele europäische Sprachen übersetzt. Shakespeare hat seinen >Perikles< mit diesem Material gefüttert. Die Freier müssen unter Einsatz ihres Lebens ein Rätsel lösen. Soweit die Spielregeln. Was sie jedoch nicht wissen: sie haben keine Chance. Denn der König verschlüsselt die Inzestbeziehung in dem Rätsel. Deshalb bedeutet das Rätsel, auch wenn es gelöst wird, ihren Tod, da sie um das Geheimnis zwischen Vater und Tochter wissen.

    Die Liebe zwischen den Protagonisten Perikles und Thaisa ist symmetrisch konstruiert und beruht auf beiderseitigem Einverständnis, Thaisa ist nicht der Preis in einem Wettbewerb, sondern sie lässt ihren Vater wissen, dass Perikles ihr gefällt. Anders die Beziehung zwischen den Antagonisten Antiochus und seiner namentlich nicht benannten Tochter, die als eindeutige Beziehung zwischen Subjekt und Objekt beschreibbar ist.

    Über die Haltung seiner Tochter erfahren wir beinahe nichts, außer, dass sie zu hoffen scheint, von Perikles aus ihrer Lage erlöst zu werden. Im gesamten Stück sagt sie lediglich die Worte: >Von allen Freiern mög es dir gelingen!/Von allen Freiern wünsch ich dir viel Glück!<, während der Erzähler Gower im Ersten Chorus sie als ein schlimmes Kind, zur Blutschande verführt, bezeichnet.

    Neuübersetzung in luxuriösem Gewand

    Frank Günther war Regieassistent und Regisseur an deutschen Theatern und übersetzt seit den 1970er Jahren das Gesamtwerk von Shakespeare. Die bibliophile Ausgabe erscheint bei ars vivendi seit 2000. Sie ist im Luxus-Gewand erhältlich, in silbergrauem edlen Leinen, versehen mit zwei farbigen Lesebändern (für den Haupttext und den Kommentarteil), Fadenbindung, farbigem Vorsatzpapier und einem stabilen transparenten Umschlag aus Kunststoff.

    Der Umfang des Buchs beträgt 286 Seiten, dem zweisprachigen Text, auf gegenüberliegenden Seiten abgedruckt, folgen 70 Seiten Anhänge. Der auf spannende Weise ins Detail gehende Abschnitt >Aus der Übersetzerwerkstatt< umfasst 20 Seiten. Es folgen eine Landkarte und ein erläuternder Text, um die >Irrfahrten des Perikles< nachvollziehen zu können, 21 Seiten instruktive Anmerkungen, ein 24 Seiten langer Essay >Pericles und die Heimkehr in die Vergangenheit<, verfasst von Andrew James Johnston (Philologe an der FU Berlin), schließlich vier Seiten Literaturhinweise.

    Almut Oetjen, November 2017

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