Mutmassungen über Jakob von Uwe Johnson

Buchvorstellungund Rezension

Mutmassungen über Jakob von Uwe Johnson

Originalausgabe erschienen 1959 bei Suhrkamp.

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 1959.
  • Berlin: Suhrkamp, 2017.Herausgegeben von Holger Helbig und Ulrich Fries, unter Mitarbeit von Katja Leuchtenberger..ISBN: 978-3518427026.466 Seiten.

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    In Kürze:

    »Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.« – Mit diesem Satz beginnt Uwe Johnsons 1959 erschienenes Debüt Mutmassungen über Jakob. Mit diesem Roman begann seine eigene Geschichte als »Dichter der beiden Deutschland«. Das Etikett verbat er sich. Trotzdem bleibt Johnson der Erzähler von Ost wie West.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Unfall, Suizid, oder Mord?«82

    Rezension von Almut Oetjen

    Jakob Abs und seine Mutter kommen auf der Flucht vor der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkrieges in den mecklenburgischen Ort Jerichow. Sie werden vom Kunsttischler Heinrich Cresspahl und seiner Tochter Gesine aufgenommen. Jakob und Gesine wachsen wie Geschwister auf.
    Im Herbst 1956 arbeitet Gesine als Dolmetscherin für die NATO. Ein Herr Rohlfs, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes, will Gesine als Agentin gewinnen. Der Versuch einer Kontaktaufnahme über Gesines Mutter misslingt.

    In der Folge wendet sich Rohlfs mit seinem Anliegen an den 28-jährigen Jakob, der Reichsbahnbeamter der DDR und als Streckendispatcher auf einem Bahnhof an der Elbe für den Rangierbetrieb verantwortlich ist. Als Gesine Jakob illegal besucht, arrangiert der ein Treffen mit Rohlfs. Gesine braucht Zeit zum Nachdenken. Jakob und Gesine haben sich ineinander verliebt, weshalb Gesine sich von ihrem Verlobten Dr. Jonas Blach trennt, der für ihren Vater an einem politisch heiklen Manuskript arbeitet. Nachdem Jakob Gesine in Düsseldorf besucht hat, kommt er zu Hause beim Überqueren der Bahngleise zu Tode. Freunde stellen Mutmaßungen über die Ursachen des Unglücks an.

    In seinen ersten Romanen beschäftigte sich Uwe Johnson mit dem deutschen Zweistaaten-Konstrukt. Mutmassungen über Jakob, sein zweiter Roman, erschien vor seinem ersten Roman, Ingrid Babendererde, dessen Publikation in der DDR an der Zensur scheiterte, den Suhrkamp anfangs nicht veröffentlichen wollte.
    Mutmassungen über Jakob hat die letzten Lebenswochen von Jakob Abs zum Inhalt. Der Roman besteht aus vier ähnlich umfangreichen (52, 55, 68 und 59 Seiten) Kapiteln und einem abschließenden mit sieben Seiten. Die Gegenwartshandlung setzt ein, kurz nachdem Jakob zu Tode gekommen ist. Sie umfasst drei Tage, in denen die Mutmaßungen des Titels von drei Figurenpaaren angestellt werden.

    Auf einer weiteren Erzählebene werden die Ereignisse der Wochen vor Jakobs Tod rekonstruiert. Diese Rekonstruktion geschieht über die Dialoge. Das abschließende fünfte Kapitel klärt Fragen, verknüpft die vorhergehenden Kapitel miteinander und greift im Schluss, eine Kreisform erzeugend, den Anfang auf. Zu Beginn ist unklar, welche Figur welchen Dialogteil oder Monolog spricht.

    Die beiden ersten Bücher stellen je einen der Geliebten Gesines in den Mittelpunkt und deuten bereits die konfrontative Situation an, in der sich Gesine befindet. Im dritten Buch, dessen Zeitrahmen durch die (illegale) Ankunft und die Abreise Gesines bestimmt ist, kommen die Hauptfiguren in Jerichow zusammen.
    Der Roman gestaltet einen gesellschaftlichen (politischen) und einen privaten Konflikt. In beiden muss Gesine eine Entscheidung treffen. Das vierte Buch führt zur Konfliktlösung und in die Katastrophe.

    Johnson hat seinen Roman formal streng entlang verschiedener Symmetrieachsen erzeugt, die einander berühren. Der Erzähler und die diesem als weitere Erzählinstanzen beigefügten Figuren werden in verschiedene Erzählpositionen gebracht. Johnson erzählt nicht linear, sondern gestaltet ein multiperspektivisches Puzzle, das die Leser sich durch aufmerksame detektivische Kleinarbeit zusammensetzen müssen, um der fragmentierten Erzählung folgen zu können. Bestandteile des Textes sind nicht übersetzte Passagen in anderen Sprachen, darunter Englisch, Russisch und das Mecklenburger Plattdeutsch von Heinrich Cresspahl. Die zeitgeschichtliche Einordnung wird eher in Andeutungen denn konsequent vorgenommen.

    Der Roman ist weitab davon, als allgemeinverständlich lesbar oder mit geringem Aufwand erschließbar durchzugehen. Schon sein Anfang zerfällt in unverbundene Abschnitte mit verschiedenen unspezifizierten Erzählern beziehungsweise Sprechenden. Wer den ersten Satz spricht:

    »Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.«

    erschließt sich erst am Ende des Romans.

    Die Uwe-Johnson-Werkausgabe oder auch Rostocker Ausgabe der Werke von Uwe Johnson ist ein auf ein knappes Vierteljahrhundert angelegtes Publikationsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Universität Rostock. Herausgegeben wird sie von Holger Helbig und Ulrich Fries, unter Mitarbeit von Katja Leuchtenberger. Geplant sind drei Abteilungen (Werke, Schriften und Briefe) mit insgesamt 22 Bänden in 43 Teilbänden. Neben der Printausgabe sollen mit drei Jahren zeitlicher Verzögerung die Texte und umfassenderes Material online präsentiert werden. Werke 2: Mutmassungen über Jakob ist die erste Veröffentlichung dieser Ausgabe. Im nächsten Jahr soll Das dritte Buch über Achim folgen, in 2019 Karsch und andere Prosa.

    Mutmassungen über Jakob bietet den Lesern den Romantext auf 239 Seiten und rund 220 Seiten Material: Aufbau des Buches, Skizze zum Charakter der Werkausgabe, Sinn von Kommentar und Anhang, Entstehungsgeschichte des Romans, Beschreibung der einzelnen im Archivmaterial enthaltenen Textstufen, 16 Abbildungen (darunter Schutzumschlag der Erstausgabe, Typoskripte, Korrekturfahnen), Publikationsgeschichte, Rezeption, Emendationsverzeichnis, Textkritischer Kommentar, Sachkommentar, sechs Anhänge (Abkürzungen und Sonderzeichen, Quellen- und Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Ortsregister, Personenregister, Danksagung).

    Ein Roman über Schein und Sein – politisch wie privat -, über Wahrheit, die als komplexes Gewebe nur in Teilen zugänglich ist und sich nicht nur den Lesern, sondern auch dem Erzähler und seinen Figuren in ihrem Verständnis verschließt. Am Ende bleiben Mutmaßungen.

    Almut Oetjen, Juni 2017

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