Boston von Upton Sinclair

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1928 unter dem Titel Boston - A Documentary Novel, deutsche Ausgabe erstmals 1929 bei Malik-Verlag.

Bibliographische Angaben

  • --: Malik-Verlag, 1928 unter dem Titel Boston - A Documentary Novel.
  • : Malik-Verlag, 1929.Übersetzt von Paul Baudisch.
  • : März, 1978.Übersetzt von Evelyn Hanson Lawson.
  • München: Manesse-Verlag, 2017.Übersetzt von Viola Siegemund.

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Rezension von Almut Oetjen

Upton Sinclair (1878-1968) war ein politischer Schriftsteller, der in seinen sozialkritischen Romanen Anliegen verfolgte, die er gut recherchiert vermittelte, in spannende und komplexe Geschichten eingebettet. Titel wie „Alkohol“, „Öl!“ und „Am Fließband“ deuten bereits den erzählerischen Schwerpunkt eines Romans an.

Mit „Der Dschungel“ wurde Sinclair 1906 nicht nur schlagartig bekannt, der Roman behandelt die Fleischindustrie, wurde in etlichen Auflagen veröffentlicht und bildete den Ausgangspunkt für eine Gesetzesänderung. Er behandelt die Ausbeutung der Arbeiter sowie hygienische Missstände in der Union Stock Yard & Transit Co., einem Großunternehmen in der Fleischindustrie, mit Sitz in Chicago. Sinclair verbindet das skandalöse Thema mit dem Schicksal einer litauischen Immigrantenfamilie.

In seinem facettenreichen „Öl!“ beschäftigt sich Sinclair mit den Ölbaronen in der Zeit des Ölrausches, ihrem Umgang mit Mensch und Umwelt, schließlich dem Mythos vom Öl. Sein Roman „Wallstreet“ war ein wichtiger Einfluss für den gleichnamigen Film von Oliver Stone.

„Boston“ von 1928 ist ein dokumentarischer Roman (die Originalfassung trägt den Zusatz: A documentary Novel). Er kombiniert Fakten und Fiktion, wobei er den Justizskandal um Sacco und Vanzetti ins Zentrum setzt. Der Roman erschien übersetzt von Paul Baudisch erstmals 1929 im Malik-Verlag, 1978 in der Fassung von Evelyn Hanson Lawson bei März, und 2017 als Neuübersetzung durch Viola Siegemund im Manesse-Verlag.

Upstairs and Downstairs

Die Handlung setzt im Sommer 1915 in Boston ein, als die sechzigjährige Cornelia Thornwell nach vierzig Ehejahren Witwe wird. Die Thornwells gehören zur Machtelite Neuenglands. Die drei Töchter sind mit Millionären verheiratet. Während sie die Trauerfeier vorbereiten, schreibt ihre Mutter einen Abschiedsbrief und verschwindet ohne Angabe eines Zielortes. Unter dem Namen Cornell arbeitet sie in einer Fabrik nahe Boston. Dort freundet sie sich mit dem italienischen Immigranten Bartolomeo Vanzetti an, der Anarchist und Atheist ist. 1916 stellen Vanzetti und seine politischen Freunde ihre Ideen vor, es kommt zu einem Streik. Cornelia nimmt am Streik teil und lernt so den Machtapparat von seiner unschönen Seite kennen. Die Polizei arbeitet für die Unternehmensbesitzer, geht brutal gegen Streikende vor und wird vor Gericht lediglich verwarnt. Auf einer Veranstaltung lernt Cornelia Nicola Sacco kennen. Sie arbeitet als Aktivistin, verurteilt den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg und entzweit sich mit ihrer Familie, die von ihrer neuen Identität und Haltung erfahren hat.

Vanzetti wird wegen eines Überfalls festgenommen und kommt nach einem fragwürdigen Prozess ins Gefängnis. Später werden er und Sacco wegen zweifachen Raubmordes vor Gericht gestellt und 1921 in einem skandalösen Prozess zum Tode verurteilt.

Here’s to you, Nicola and Bart …

Der Fall Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, der politisch motivierte Justizmord nach einem einseitigen Gerichtsverfahren unter Ausblendung beziehungsweise Nichtanerkennung entlastender Belege, wurde in den 1920er Jahren zu einem international wahrgenommenen Phänomen mit Demonstrationen in mehreren Ländern. Nach sieben Jahren Haft und etlichen abgelehnten Revisionsanträgen wurden sie 1927 zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 22. auf den 23.08. auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

In der Folge kam es international zu Massendemonstrationen. Giuliano Montaldo verfilmte den Fall 1971 unter dem Titel „Sacco e Vanzetti“. Den Titelsong von Ennio Morricone (Musik) machte die Sängerin und politische Aktivistin Joan Baez, die den Text verfasste, zum internationalen Hit. Der Song zog einige Coverversionen und Varianten nach sich und wurde zu einer Hymne für die Opfer politisch motivierter Justizwillkür. Im Jahr 1977 wurden Sacco und Vanzetti durch Gouverneur Michael Dukakis rehabilitiert.

Sinclair verbindet eine fiktionale Handlung und eine Vielzahl erfundener Charaktere mit Fakten, die er sich in umfassender Recherche erarbeitete. Die Scharnierfunktion für die Verbindung von Fakten und Fiktion übernimmt Cornelia Thornwell.

Er geht in seinem Roman von der Unschuld beider Männer aus und bezeichnet die Hinrichtung als das schockierendste Verbrechen, das in den USA seit der Ermordung Abraham Lincolns begangen wurde. Zweimal hat er Vanzetti interviewt, über eine Vielzahl von Kommunikationen versucht, Details seiner Recherchen abzusichern.

The Roaring Twenties

Die 1920er Jahre sind bekannt geworden als The Roaring Twenties/Die wilden Zwanziger. Die Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem großen Börsencrash von 1929 bilden den Höhepunkt eines langen Prozesses des sozialen Wandels. Die große Zahl von Kriegsheimkehrern wurde nicht in die Gesellschaft reintegriert, Streiks waren ebenso an der Tagesordnung wie die gewalttätigen Reaktionen darauf. Allein im Sommer und Herbst 1919 traten vier Millionen Arbeiter und mehr als 1100 Mitarbeiter des Boston Police Department in den Streik. Die Bevölkerung verzeichnete einen Zuwachs von 448477 in 1890 auf 748060 in 1920. Eine wachsende Zahl an Immigranten strömte auf den Arbeitsmarkt, neue Technologien der Massenfertigung (so Ford) und Großunternehmen begannen, die Ökonomie zu bestimmen. Die Verbreitung von Radios, Telefonen und die wachsende Bedeutung des Kinos vernetzten die Menschen in hohem Maße.

Der American Dream als Synonym für das Streben insbesondere nach Freiheit und Wohlstand verbreitete sich. Vor dem Ersten Weltkrieg wurzelten die USA fest im 19. Jahrhundert. In den 1920ern gab es einen erheblichen Modernisierungsschub. Der Viktorianismus mit seinen starren und repressiven sozialen Regeln verlor an Bedeutung. Frauen lösten sich zunehmend aus ihrem sozialen und familiären Korsett. 1920 erhielten sie das Wahlrecht. Das Bedürfnis nach Unabhängigkeit ging einher mit wachsender Beschäftigung von Frauen in der Wirtschaft. Die kulturelle Entwicklung brachte einen neuen Typ Frau hervor, der als „Flapper“ bekannt wurde und in den Kurzgeschichten von F. Scott Fitzgerald wie auch im Hollywood-Kino zu Berühmtheit gelangte.

Diese gesellschaftliche Lage bildet den Hintergrund für Sinclairs Roman. Bei ihm wird, anders als bei Fitzgerald, deutlich, dass der American Dream die Vorstellung nährte, jeder könne vom großen Kuchen, den die Wirtschaft produzierte, ein großen Stück abbekommen, woraus jedoch naturgemäß nichts werden konnte. Sinclair wendet sich mit seinem Roman an ein Publikum, das zumindest eine Wahrnehmung für gesellschaftliche Verantwortung hat.

Frauen wie Cornelia sind beispielsweise vor diesem Hintergrund besser zu verstehen. Sinclair veranschaulicht Realität als soziale Konstruktion. In ihrem ursprünglichen Lebensumfeld wurde Cornelias Wahrnehmung bestimmt durch ihre Existenz als Mitglied der Bostoner Oberschicht und des Geldadels. Nachdem sie ihre Familie und ihre alte Welt verlassen hat, lernt sie die soziale Sphäre kennen, die die Basis für ihren Reichtum bildet. Indem sie nun zwei soziale Konstruktionen von Realität zu einem umfassenderen Konstrukt verbindet, durchläuft sie eine Weiterentwicklung.

„Boston“ liefert eine komplexe Zustandsbeschreibung, aber keine Handlungsanweisung, das Scheitern ist der Gesellschaft eingeschrieben und mündet direkt in die Weltwirtschaftskrise und eine neue Weltordnung. Der Roman ist eine Mischung aus Gesellschaftssatire über die Roaring Twenties und einem radikal sozialkritischen Text, in dem das Röhren einen ganz anderen Sound bekommt.

Über Fitzgeralds „Der große Gatsby“ (1925) lässt sich vielleicht sagen, er erkunde das Thema der persönlichen Freiheit und fordere das mit dem American Dream verbundene Versprechen heraus. Der Roman wurde zur Great American Novel und einem der ultimativen Klassiker der US-Literaturgeschichte. „Boston“ dagegen, der am ehesten vergleichbar ist mit dem vierzig Jahre später erschienenen „Kaltblütig“ (In Cold Blood, 1965) von Truman Capote, ist nie zu ähnlicher Berühmtheit gelangt.

Fazit

Upton Sinclairs dokumentarischer Roman „Boston“ verbindet die Geschichte einer Familie von Superreichen, denen ein Mitglied in einem gesellschaftspolitischen Entwicklungsprozess verlorengeht, mit der zweier realer Anarchisten, Sacco und Vanzetti, weiter die Geschichte eines politischen Justizmordes von erheblicher historischer Wirkungskraft mit einer Geschichte über die Roaring Twenties zu einem hochinteressanten Zeitbild der 1920er Jahre in den USA.

Almut Oetjen, September 2017

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