Die Welt im Rücken von Thomas Melle

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016 bei Rowohlt Berlin.

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Berlin, 2016.ISBN: 978-3871341700.352 Seiten.
    • [Hörbuch] Bochum: tacheles!/ROOF Music, 2016.Gesprochen von Thomas Melle.ungekürzte Ausgabe.ISBN: 3864844428.

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    In Kürze:

    «Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz auf leuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts ist mehr mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.» Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an einer manischen Depression, auch bipolare Störung genannt. Nun erzählt er davon, erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung, und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiographisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Jesus als Prototyp aller Maniker«85Treffer

    Rezension von Britta Höhne

    Schon wieder so ein Buch, so ein Wissenlassen, wie es dem Autor geht. So ein Selbsterfahrungsding, sehr persönlich, sehr intim, scheinbar sehr uninteressant. Es sei denn, der Leser liebt das Leid der Anderen, deren Katastrophen, Abstürze, Exzesse, Leiden, zum Mitleiden. Über Jahre hinweg. Ein Leiden, das nie zu enden scheint – und ist ein Tal verlassen, folgt das nächste, noch tiefer, noch schwärzer, noch unüberwindbarer. Dabei unterscheidet sich Thomas Melles Die Welt im Rücken von Büchern, die andere über ihre Krankheit geschrieben haben. David Wagners Leben etwa, indem er über seine Autoimmunhepatitis berichtet oder Christoph Schlingensiefs Texte über den Krebs. Bei Melle geht es um eine Krankheit, die den Kern der Persönlichkeit attackiert, sie angreift, raubt zuweilen, das Normale ad absurdum führt. Kurz: Um einen Angriff auf das Selbst.

    Nach trägen Seiten nimmt Melles (ja was eigentlich?) Fahrt auf. Die Welt im Rücken schleift den Leser schonungslos durch die Hölle eines manisch Depressiven. In einem Tempo, das zwischenzeitlich schwer auszuhalten ist. Dann etwa, wenn der Leser vor Melle erkennen muss, dass da etwas nicht stimmt. Der Hacker-Angriff auf das Hirn den Zenit erreicht. Wenn er im Wahn Wohnungen zerlegt, sein Hab und Gut auf Berliner Hinterhöfe schleudert, sich vom Wahn getrieben durch die Hauptstadt fantasiert – auf der Suche nach einer Party von Freunden, die es vielleicht gar nicht gibt.

    Melle berichtet ausschließlich über sich selbst und darüber, was er seinem Umfeld »zumutet«. Was sich wie eine Autobiographie gepaart mit Krankenberichten von Ärzten und Anstaltspersonal liest, ist zugleich eine Mini-Chronik der Jetztzeit. Angefangen in dem Berlin der Nullerjahre, als Melle sich noch ganz sicher war, ein ganz Großer zu werden. Getrieben in den Studentenjahren, als er Bücher verschlang und sich nicht scheute, sich die härtesten literarischen Brocken zu Gemüte zu führen. Melle war klar: Er wollte Schriftsteller werden. Doch, schnell stellte er fest, dass alle anderen an ihm vorbei zogen und Melle, was machte Melle? Er drehte sich vornehmlich um sich selbst.

    Der Autor lässt nichts aus. Spricht den Leser direkt an. Weiß, was zu lesen gewünscht wird, weiß, das andere Menschen sich offenbar am Leid solcher Personen wie Melle ergötzen. Sein Leiden lieben, um dann feststellen zu können: »So schlecht geht es uns doch gar nicht.« Oder wie Melle schreibt:

    »Sie hatten keine Probleme, nahmen sie aber sehr ernst.«

    Mit Melle möchte niemand tauschen. Nicht einmal Melle selbst.

    Die Welt im Rücken ist ein Marathon – im Tempo eines Sprinters gerannt. Gehetzt durch die Zeit. Einer Chronik der Claire Goll gleichend, eine Chronique scandaleuse – nur in einer anderen Epoche spielend. Melle trifft sie alle. Er kennt die Literaten seiner Zeit, er verkehrt in Theaterkreisen, pinkelt Clemens Meyer verbal ans Bein, lästert über Knausgårds Mamutbiographie von sechs Bänden, redet Moritz von Uslar wildes Zeug aufs Band, kennt Schauspieler und wer sich für einen solchen hält. Melle selbst allerdings – ist der Skandal. Wie er durch Städte zieht, Berlin etwa, im Wahn alles zerlegt, was ihm begegnet. Eingewiesen wird, in Kliniken, sich wieder ausweisen lässt, weil er sich lange als Normal unter Verrückten versteht. Er beschreibt dezidiert den Weg des Verstehens, des Anerkennens, eine bipolare Persönlichkeit zu sein und das interessante, er gibt niemandem die Schuld dafür. Sein Elternhaus zwar ist zerrüttet, seine Mutter depressiv, er jedoch lastet niemandem etwas an. Mehr noch, sein Roman liest sich streckenweise wie eine Entschuldigung an all jene, denen er auf die Füße getreten ist. Und als Dank an all jene, an Frauen wie Ella, die da waren, als er längst schon nicht mehr war. Als er aus einem Berg Schulden und ansonsten aus einem großen Nichts bestand.

    »Wie soll denn das auch klappen: Ein Arbeiterkind aus schwierigen Verhältnissen wird von den Jesuiten intellektuell aufgepimpt, von Nabokov ins Schöngeistige verschickt und vom Studium ins Nichtmehrvorhandensein theoretifiziert, und das soll dann, die Genetik noch im Nacken, ein Dichter werden, oder wie, ein glücklicher Mensch? Hört mir auf!«

    Dabei ist es Melles Sprache, die knallt. Sein Zynismus, der immer wieder durchblitzt, seine Eleganz, die er in seiner Schreibe aufbringt, wenngleich um ihn herum wieder mal alles in Scherben liegt. Melle mischt: Gossendeutsch und Begrifflichkeiten, die der Duden erklären muss, gerade dann, wenn es um medizinische Fachbegriffe geht. Oder um das eh nie zu verstehende Bürokratendeutsch. Dann, wenn einem Menschen alles abgesprochen wird, besonders die Freiheit, Selbständigkeit, Denken und Sein. Dann, wenn man sich selbst abhanden kommt. Dann bedarf es Dokumente wie: Eingliederungsvereinbarungen, Leistungserbringungsverträge, Schweigepflichtsentbindungserklärungen, Betreuungswiedereinsetzungsanträge und und und. Die Sprache lässt sich hassen dafür, dass jegliche Sprachkompositionen erlaubt sind.

    In Melles schlimmsten Phasen schläft er mit Madonna, Peter Gabriel fährt ihn wohin und all die andere Prominenz wartet eigentlich nur auf Melle. Eine Melleweltverschwörung. Jeder möchte etwas von ihm, jede Nachricht, jede Fernsehsendung ist verschlüsselt, jeder sagt: Melle, Melle, Melle. Er weiß es, er genießt viel und leidet noch mehr. Melles Leben ist ein Auf und Ab ständiger Begegnungen. Kindliche Fantasien, Träumereien und Anhimmeln stoßen auf so schwarze Gedanken, dass Melle plant, das Leben Leben sein zu lassen. Der Autor will nicht mehr, kann nicht mehr. Legt sich mit allen an, auch mit seinen Verlegern, und steht am Ende gänzlich alleine da.

    Gott sei Dank steht er noch! Der Autor, 1975 in Bonn geboren, hat ein interessantes Buch vorgelegt, über das er verständlicherweise sagt, dass es diese Zeilen ohne seine Krankheit nicht gegeben hätte. Sein Körper, lässt er wissen, sei in Geiselhaft der Medikation. Noch immer.

    »Und das täglich in kleiner Münze ausgezahlte Lösegeld heißt Normalität.«

    Was auch immer das meint?

    Weiter teilt er mit, dass der »Wahn keine seherische Gabe« ist.

    »Und auch wenn es überproportional viele bipolare Fälle unter Künstlern und Schriftstellern gibt, würde ich meine Mitgliedschaft in diesem recht illustren Club gerne mit sofortiger Wirkung kündigen.«

    Er wird sie annehmen, diese Geiselhaft, schreibt er schließlich, er wird wieder Selbstmordgedanken haben, dessen ist er sich sicher.

    »Dann werden diese Zeilen wie ein Gebet sein.«

    Schwer vorstellbar, da er Seiten zuvor noch wissen lässt, dass »Jesus der Prototyp aller Maniker ist.«

    Britta Höhne, Februar 2017

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