Und es schmilzt von Spit, Lize

Buchvorstellungund Rezension

Und es schmilzt von Spit, Lize

 deutsche Ausgabe erstmals 2017.

Bibliographische Angaben

    • : S. Fischer, 2017.Übersetzt von Helga van Beuningen.ISBN: 978-3-10-397282-5.512 Seiten.

    'Und es schmilzt' ist erschienen alserschienen als HCals TB nicht erhältlichals CD nicht erhältlich

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    Rezension von Almut Oetjen

    Sommer 2002: Eva und die Jungen Pim und Laurens, der aus drei Kindern bestehende Schülerjahrgang 1993 des Dorfes Bovenmeer im katholischen Flandern, nennen sich »Die drei Musketiere«

    Irgendwann denken sie sich ein Spiel aus: Mädchen aus dem Dorf werden in Verstecke eingeladen und müssen versuchen, Rätsel zu lösen. Es geht um langsames Entkleiden und sexuell motivierte Handlungen. Das Spiel wird im Zeitverlauf zunehmend gewalttätig, sexuelle Angriffe sind nur eine Zwischenstufe. Eva lehnt die Spiele der beiden Jungen ab, will aber nicht isoliert werden, weshalb sie dann doch nicht nur mitwirkt, sondern sich maßgeblich beteiligt. Die Gruppe ist alles, was sie hat. Ihre Familie ist ein Trümmerhaufen.

    Winter 2015: Ich-Erzählerin Eva, 27 Jahre alt, fährt mit einem Eisblock im Auto von ihrem Wohnort Brüssel nach Bovenmeer. Neun Jahre sind seit ihrem Weggang aus dem Dorf verstrichen. Sie folgt einer Einladung Pims zu einer Party, die auch eine Gedenkfeier für seinen toten Bruder sein soll. Während der Fahrt erinnert sie sich an den Sommer 2002, an das Dorfleben, das Familienleben und die drei Musketiere.

    Die drei Erzählebenen haben je eigene Überschriften: der Sommer 2002 wird durch Angaben von Tag und Monat segmentiert, die anderen Erinnerungen (Familie, Schule, Dorfalltag) adressieren die Zeit vor 2002 und sind abschnittweise mit bezeichnenden Kurztexten (wie »Muschel« und »Zweistühlerestaurant«) versehen, der Tag in der Gegenwart erhält Uhrzeitangaben.

    Dunkle Geschichte über Kinderfreundschaft und Verrat

    Warum fährt eine junge Frau mit einem Eisblock im Wagen in das Dorf ihrer Kindheit? Die Einladung zur Gedenkfeier (und zur Einweihung einer neuen landwirtschaftlichen Maschine) ist nur ein äußerer Anlass, eine offene Rechnung ein anderer. Pim ist in der Kindheit das Zentrum der Dreiergruppe, Laurens und Eva ringen um seine Zuwendung, nicht ohne in Konkurrenz miteinander zu stehen. Mit Eintreten in die Pubertät wachsen die Jungen mehr zur Einheit zusammen, und Eva gerät auf natürliche Weise langsam ins Abseits. Nicht zuletzt, weil sie bei wichtigen Aktivitäten wie Masturbationsspielchen nicht (adäquat) mitwirken kann. Gleichwohl benötigen die Jungs sie für ihr Spiel mit anderen Mädchen aus dem Dorf. Diese leben ebenso in furchtbarer Langeweile, da kommen die Spiele ganz gelegen. Und Eva beteiligt sich an den Demütigungen.

    Dass die Ich-Erzählerin traumatisiert ist, deutet sich zuerst in der Sprache an und wird in der Folge der Erzählung ganz langsam offengelegt. Eva ist eine innerlich wie äußerlich emotionslos wirkende Frau, die den Eindruck erweckt, der Logik eines Uhrwerks folgend zu denken und zu handeln. Die Handlung wird entsprechend trocken präsentiert. Beides steht im Widerspruch zum Thema und zur expliziten Beschreibung von Gewaltszenen, die eher an bürokratische Vorgänge denn an durch Affekte bestimmte Aktivitäten erinnern. Die Handlung wird sehr langsam entwickelt. Vieles geschieht auf beiläufige Weise. Der Eisblock, der den Romantitel bestimmt, schmilzt so langsam vor sich hin, wie sich die Handlung und die Erklärungen entfalten: tropfenweise. Manche Leserinnen werden dies als langweilig empfinden, andere als formal überdehnten Spannungsbogen.

    Dysfunktionale Heimat

    Vordergründig geht es darum, dazuzugehören, eine Heimat und ein Zuhause zu haben. »Und es schmilzt« liest sich vielleicht wie eine Entwicklungsgeschichte über das Erwachsenwerden. Aber es geht mehr darum, wie unter bestimmten Rahmenbedingungen schon früh alles endgültig sein kann. Coming of age hat dort keinen Platz. Es ist keine Entwicklungsgeschichte, sondern eine Vernichtungsgeschichte.

    Das Leben in Bovenmeer ist bestimmt durch Tristesse – den Willen zum Leben abtötende Ödnis, Perspektivlosigkeit und Sinnleere. Gerede über die Mitmenschen, oft genug dumm und gehässig, ist das Schmiermittel sozialer Interaktion. Evas Familie ist schwer erträglich. Der Vater trinkt, ist suizidgefährdet und legt sich schon mal in Gegenwart der Tochter zur Probe den tödlichen Strick um den Hals. Die Mutter ist Alkoholikerin, torkelt auch in der Öffentlichkeit fast besinnungslos herum. Evas älterer Bruder Jolan liebt (tote) Insekten und die Natur. Jolans Zwillingsschwester Tes ist bei der Geburt gestorben. Die jüngere Schwester Tesje entwickelt sich zum Neurosen-Kompendium. Sie strukturiert ihren Alltag über Zwangshandlungen, während sie sich langsam auflöst wie der Eisblock. Ertragen lässt sich dieses Leben nur, indem Eva ihren Emotionshaushalt neutralisiert, sämtliche Gefühle auslöscht.

    Es gibt Momente der Langeweile, die den Leserinnen das Gefühl vermitteln, selbst in dem Dorf zu leben. Es gibt Momente ausdrücklicher und exzessiver Gewaltdarstellungen, die in der Ödnis explosiv wirken, allerdings in Zeitlupe.

    Mitunter wird der Text beschrieben als grenzüberschreitend. Dies scheint mehr ein Marketingetikett zu sein in Zeiten, in denen wir überschüttet werden mit Gewaltartefakten, Rape&Revenge-Filmen und sadistischen Killern – und das sind nur die Genrebeiträge. Wenn diese Entwicklung der letzten Jahre mehr oder weniger an einem vorbeigegangen ist, mag man den Roman als innovativ oder radikal einschätzen.

    Lize Spit kommt auch nicht aus dem literarischen Feld, sondern dem filmischen. Studiert hat sie Drehbuch und 2009 an Moon Blaisses »Buikpijn« mitgearbeitet.

    »Und es schmilzt«, Spits Romandebüt, erzählt auf konventionelle Weise davon, dass das Grauen nicht nur in der Stadt lebt, sondern auch vor dem Dorf nicht Halt macht.

    Almut Oetjen, September 2017

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