Die Wildgans von Mori Ogai

Buchvorstellung und Rezension

deutsche Ausgabe erstmals 2012 .

Bibliographische Angaben

  • : Manesse, 2012. Übersetzt von Fritz Vogelgsang. ISBN: 978-3717522782. 240 Seiten.

'Die Wildgans' ist erschienen als Hardcover

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In Kürze:

Otama ist ein anmutiges, intelligentes Mädchen mit kühnen Träumen. Das Leben als Nebenfrau eines Wucherers in einer Seitenstraße von Tokio gehört nicht zu diesen Traumvorstellungen. Eher schon der attraktive Medizinstudent Okada, der jeden Tag an ihrer Tür vorbeispaziert und mit seinen Blicken ihre Sehnsucht weckt. In aller Stille plant Otama ein Zusammentreffen mit dem sympathischen Unbekannten, doch das Schicksal durchkreuzt ihre Pläne. Mori Ogais atmosphärisch dichter Roman ist das wichtigste Werk des japanischen Großklassikers. Er erzählt von geheimen und enttäuschten Liebeswünschen, von Freundschaft und der Macht alltäglicher Lebenszwänge. In seiner Modernität besticht das raffiniert aufgebaute Werk nicht nur die Freunde japanischer Kultur.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Meisterstück, neu aufgelegt« 90Treffer

Rezension von Carsten Germis

Der japanische Schriftsteller Mori Ogai hat 1915 einen Roman geschrieben, der heute noch brennend aktuell ist. 

»Die Wildgans” gilt als Meisterwerk des japanischen Schriftstellers Mori Ogai. Es kann dem Manesse-Verlag in Zürich gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass er diese Novelle – es ist eher eine Novelle, auch wenn sie als Roman bezeichnet wird – in einer neuen Ausgabe auf den Markt bringt. Mori Ogai, der zur Zeit Wilhelms des Ersten von 1884 bis 1888 in Preußen-Deutschland für das japanische Militär in Berlin, Leipzig und München war, der mit «Das Ballettmädchen” eine wunderbare Erzählung über seine Erfahrungen während dieser Zeit schrieb, ist in Deutschland heute leider nicht mehr so bekannt, wie er es verdiente.

»Mit der leidenschaftlichen Entdeckerlust, die wie ein Rausch die Besten seiner Generation erfasste, hatte ihr Dichter das Neue ergriffen, das die ferne Welt des Westens ihm bot, um es seinen Land eigen zu machen”, schreibt Fritz Vogelsang, der das Buch ins Deutsche übertragen hat, in seinem Nachwort.

Doch Morai hat nicht zu denen gehört, die über diese Entdeckung des Neuen die eigenen Wurzeln vergessen haben. Wohl kaum eines seiner Bücher zeigt das klarer als «Die Wildgans”.

Geschrieben 1912, erzählt Morai eine Liebesgeschichte zwischen einem Studenten und der »Nebenfrau” eines reichen Wucherers. Die Geschichte ist ein Sinnbild des Verfalls der feudalen Ordnung Japans, der alten Hierarchie. Tokio ist der Schauplatz, nicht mehr das alte feudale Edo des 19. Jahrhunderts, als der Clan der Tokugawas als Shogun Japan noch regierte. Es ist aber auch noch nicht die neu entstandene Hauptstadt Tokio, in der Ogai seine Geschichte ansiedelt, Schauplatz ist eine Stadt im Übergang. Es ist eine Liebesgeschichte über Japan in einer Zeit des Wandels. Irritierend für den Beobachter in der Gegenwart ist nur, dass sich eine ähnliche Novelle durchaus auch im Tokio der Gegenwart schreiben ließe – was für die Aktualität des Romans spricht.

Ogai ist ein Klassiker der japanischen Literatur. Und doch ist er, wie gerade «Die Wildgans” zeigt, aktuell. Otama, die Heldin der Geschichte, ist eine selbstbewusste Frau. Sie wehrt sich dagegen, Nebenfrau eines »wohlhabenden Kaufmanns” zu werden. «Anfänglich erklärte Otama, sie wolle keine Konkubine werden. Aber als dem sanftmütigen Mädchen mit großer Beredsamkeit auseinandergesetzt worden war, was für ein Vorteil das für ihren (bankrotten) Vater brächte, kam man soweit überein, sich zu einer Besprechung mit dem Herrn im Gasthaus Matsugen zu treffen.” Am Ende scheint Otama gar als die Starke in dieser Nebenbeziehung mit ihrem verheirateten Liebhaber. Und dann kommt ein Satz, der in Japan auch heute noch so aktuell ist, dass er einen bei der Lektüre erschaudern lässt:

»Resignation war das seelische Verhalten, das sie am häufigsten erprobt hatte, und ihr Geist war es gewohnt, diesbezüglich wie ein wohlgeölter Mechanismus zu funktionieren.”

Den Studenten Okada lernt die schöne Frau kennen, weil er stets an dem Haus vorbei muss, in dem sie als Nebenfrau des reichen Wucherers wohnt. «Nach meinem Eindruck gab es unter uns Studenten nur wenige, deren persönlicher Lebenswandel so maßvoll und ausgeglichen war wie der derjenige Okadas”, schreibt der Ich-Erzähler, der mit ihm befreundet ist. Und weil dieser Okada so japanisch korrekt ist, verpasst er am Ende die Chance, sein Glück zu finden. Er ahnt die Chance, seine Liebe zu leben, aber er nutzt sie nicht, als Otama sie herbeiführt.

»Die Miene der Frau war wie versteinert. In ihren schönen, weit geöffneten Augen schien sich der Schmerz einer unermesslichen Enttäuschung zu zeigen.”

Ogai erzählt mit der «Wildgans” eine Geschichte, die viel sagt über das Japan des frühen 20. Jahrhunderts, das hin- und hergerissen war zwischen seinen Traditionen, zwischen den alten Regeln, die die Eliten dem Land gegeben haben, und dem Freiheitsversprechen der neuen Zeit. Dass Oakada und Otama ihre Liebe nicht finden, hat auch mit der eigenen Ambivalenz Ogais zu tun, der fließend Deutsch sprach, der sogar Goethes "Faust” ins Japanische übersetzte, und doch nicht bereit war, die eigenen Traditionen einfach über Bord zu werfen. Lesenswert ist das Buch auch hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen, in einer Zeit wachsender sozialer Ungleicheit mit einer neuen Spielart von Feudalismus vielleicht sogar mehr denn je.

Carsten Germis, Oktober 2012

 

 

Ihre Meinung zu »Mori Ogai: Die Wildgans«

Leseratte zu »Mori Ogai: Die Wildgans« 18.09.2014
„Die Wildgans“ zählt als das wichtigste Werk des japanischen Schriftstellers Mori Ogai, der zu den herausragenden Autoren Japans des 19. Jahrhundert gehört. Bei dieser Geschichte geht es um Otama, Halbwaisin, die alleine bei ihrem sie zärtlich liebenden Vater aufwächst, der sich Zeit seines Lebens krummlegt, um mit seinen bescheidenen Mitteln seiner Tochter etwas Glück und Wohlstand zu bereiten. Nach einer gescheiterten Beziehung zu einem Polizisten geht sie eine Beziehung mit einem „Geschäftsmann“ ein und wird dessen Konkubine. Zwar fühlt sie sich dabei nicht wohl und erntet auch die Missachtung ihrer Umwelt, profitiert jedoch auch davon, da ihr „Herr“ ihr ein Haus stellt und auch dem Vater in der Nähe ein kleines Haus und eine Haushilfe besorgt. Dadurch fühlt sich Otama ihrem Vater gegenüber verpflichtet, der Respekt vor ihm verlangt also sozusagen ein Arrangement, um sich ihren Traum zu erfüllen, dass der alte Mann es einmal besser hat. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass ihr Gönner ein Wucherer ist, der Geld an Studenten und andere zu hohen Zinsen verleiht. Sie schafft es dennoch, sich so zu verstellen, dass ihr Gönner nichts bemerkt und macht auch ihrem Vater vor, das richtige Glück gefunden zu haben. Inmitten dieses Zwiespalts trifft sie zufällig, sprichwörtlich en passant, den attraktiven Studenten Okada, der jeden Tag an ihrem Haus vorbeiläuft, sie sieht und sich auch seinerseits in sie verliebt. Das Hinleben auf den Augenblick, an dem sie am Fenster sitzt und der Student am Haus vorbeiläuft, den Hut zieht und sie grüßt, füllt sehr schnell den Sinn ihres Tagewerks aus. Er hilft ihr, die Beziehung zu ihrem „Gönner“ zu überstehen, indem sie einfach ständig an ihn denkt, er macht sie glücklich, was ihr hilft, ihrem Vater weiterhin vorzuspielen, dass alles perfekt sei. Ein Zufall bringt die beiden denn auch tatsächlich zusammen, als der Student ihr nämlich zu Hilfe kommt, als eine Schlange versucht, ihre Vögel aus einem Vogelkäfig zu rauben, der in ihrem Fenster hängt. Danach plant sie in aller Stille eine Zusammenkunft, doch ein dummer Zufall kreuzt ihre Pläne: Okada, inzwischen selbst in die Unbekannte verliebt, kann auch an nichts anderes mehr denken und versucht seiner Sehnsucht zu entgehen, indem er sich zu einem Studium in Deutschland entschließt. Am letzten Abend plant er, noch einmal am Haus der Otama vorbeizugehen. Just an diesem Abend plant auch Otama den entscheidenden Schritt zu tun, schickt Ume, ihre Angestellte nach Hause, und überwindet sich, den Studenten nun tatsächlich anzusprechen. Okada jedoch trifft an jenem Abend in Begleitung seines besten Freundes einen Studienkollegen, der gerade eine Wildgans gefangen hat und diese zubereiten will. Das Abendessen im Gästehaus war an diesem Abend zufällig schlecht, so das- ebenfalls zufällig- Okada und sein Freund dieser Einladung zusagen. Im Park wird eine Wildgans „erlegt“ und zurück in die Wohnung des Studienkollegen gebracht. Wie es auch hier der Zufall will, ist es Okada, der einen Mantel trägt und die illegal erlegte Wildgans unter diesem verstecken muss. Ebenfalls zufällig ist gerade ein Polizist unterwegs, so dass sich die drei Gänsediebe beeilen müssen. Als sie am Haus der Otama vorbeigehen, hat sie gerade den Mut aufgebracht, hinaus auf die Straße den Studenten entgegen zu gehen, sie steht also mitten auf der Straße- nichts ahnend, dass die drei soeben eine Wildgans gestohlen haben und noch weniger ahnend, dass Okada am nächsten Tag abreisen wird- und die drei ziehen, da sie dieses illegale Beutegut bei sich haben, einfach an ihr vorbei. So ergibt es sich- zufällig-, dass das von beiden gewünschte Zusammentreffen nie stattfindet und Schuld daran ist eine erlegte Wildgans. Der Abend der drei Studenten verläuft eintönig, einer isst die Gans fast alleine auf, Okada und sein Freund, dem er erst am selben Abend sagte, dass er Japan verlassen werde, trinken lediglich Sake und als sie nach Hause gehen, ist es spät und es bleibt bei einem schlichten „Gute Nacht“- und am nächsten Tag ist Okada weg. Das Tragische an dieser Geschichte ist, dass es ein dummer Zufall ist- eine sprichwörtlich dumme Gans-, die nicht nur eine unerfüllte Liebe, sondern auch eine Freundschaft plötzlich ohne ein richtiges Ende enttäuschend und abrupt beenden lassen. Die Perspektive der Geschichte ist die des Freundes von Okada, der zunächst die erste Begegnung Okada und Otama beschreibt, dann die Lebensgeschichte der Otama und schließlich die Episode mit der Wildgans, mit der alle Hoffnungen zunichte gehen. Dass er die Geschichte der Otama kannte, erklärt sich, dass er am Ende noch kurz und knapp berichtet, sie später kennengelernt, aber keine Beziehung mit ihr eingegangen zu haben. Die zwei Verlassenen trafen sich also und somit schließt sich der Kreis. Atmosphärisch ist dieses Buch äußerst eng und gibt den Zwiespalt zwischen Altertum und Moderne in Japan des 19. Jahrhunderts wieder. Die Charaktere sind teilweise noch in den Vorstellungen des alten Japans der Meiji-Restauration ge- und verfangen, andererseits aber streben sie schon nach neuen Idealen. Der männlich Hauptprotagonist, Okada, liest z.B. einerseits chinesische Klassiker, bricht aber andererseits nach Deutschland auf, um dort westliche Medizin zu studieren. Ogai beschreibt mit seinem Werk sehr realistisch den Widerspruch, den die japanische Gesellschaft zu diesen Zeiten durchleben musste und zeigt in dieser Geschichte auch autobiografische Züge, denn er selbst wurde in seiner Jugend durch konfuzianische, traditionelle Erziehung geprägt, ging 1872 mit seinem Vater nach dem Ende des letzten Shogunats in die neue Hauptstadt Tokio, um dort moderne Medizin zu studieren, er selbst entstammte einer Medizinerfamilie traditioneller Ausrichtung, hatte also selbst diesen Spagat der Zeiten und Kulturen durchlebt. Von 1884 bis 1888 lebte er selbst in Leipzig, Dresden, München und Berlin und beschäftigte sich intensiv mit europäischer Literatur, zu der er durch das Deutsche Zugang fand. Ogai fing, zurück in Japan, mit der Übersetzung einiger großer literarischer Werke Europas und gilt noch heute als der Übersetzer Goethes, seine Faust-Übersetzungen gelten noch heute als die besten Übersetzungen Goethes ins Japanische. Vielleicht ist auch der Inhalt der „Wildgans“ ein stückweit autobiografisch, denn während Okada das immer noch traditionell verhaftete Leben Japans verlässt, um sich neue Möglichkeiten im Westen zu suchen, so bleibt Otama enttäuscht zurück und lebt weiterhin als Konkubine eines Wucherers, gefangen in einer starren Welt, die einer Frau, wie sie es ist, ihren eindeutigen Platz zuweist. Ein sehr lesenswertes Buch, erstens, weil die Geschichte „typisch japanisch“ sehr anrührt und gleichzeitig mehr als andere japanische Werke sehr viel „Europäisches“ in sich birgt. Zweitens zeigt diese Geschichte die Schwierigkeiten, die Japan auch gesellschaftlich zu leisten hatte, um den enormen Sprung in die Neuzeit zu schaffen und erklärt dadurch auch noch heute sichtbare „fremde“ Elemente auf sehr subtile Weise, die dem europäischen Leser ein Stück mehr über Japan erklären. Schließlich- drittens- ist Ogai sicherlich einer der ersten Japaner, die gerade zu Deutschland einen starken Bezug hatten und leider immer noch zu unbekannt bei uns- von daher: sehr empfehlenswert!
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