Das Leben wartet nicht von Marco Balzano

Buchvorstellungund Rezension

Das Leben wartet nicht von Marco Balzano

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel L'ultimo arrivato, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Diogenes.

Bibliographische Angaben

  • Palermo: Sellerio Editore, 2014 unter dem Titel L'ultimo arrivato.304 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2017.Übersetzt von Maja Pflug.304 Seiten.

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In Kürze:

Ninetto war noch ein Kind, als er allein von Sizilien nach Mailand kam, um Arbeit zu suchen. Ein furchtloser Junge mit der Sonne des Südens im Herzen. Obwohl er noch zu klein war für das Fahrrad, fand er sogleich eine Anstellung als Bote. Heute, über fünfzig Jahre später, erkennt sich Ninetto in den Neuankömmlingen aus China und Nordafrika wieder. Sie haben dieselben Träume wie er damals. Und setzen alles daran, sie zu verwirklichen.

Das meint Belletristik-Couch.de: »Eine Kindheit wie ein Abenteuer und dann der Rest des Lebens«82

Rezension von Sebastian Riemann

Pelleossa nannten sie ihn, da er nur aus Haut und Knochen bestand. So dünn war er. In der Gegend waren alle arm, vielen fehlte es am nötigsten, aber in seiner Familie fehlte meistens noch ein bisschen mehr. Zu essen hatten sie kaum, die Mutter strich ihm morgens eine Sardelle auf eine Scheibe Brot und sagte ihm, er solle es nicht wagen, die Küche noch einmal zu betreten. Ein Sardellenbrot am Tag musste reichen, mehr gab es schlichtweg nicht. Die restlichen Mahlzeiten musste er mit seinem Schulfreund zusammenklauen. Das waren die guten Zeiten seiner Kindheit. Wenigstens konnte er in die Schule gehen und etwas lernen, konnte dem Lehrer zuhören, seine Gedanken schweifen lassen. Dann aber erlitt die Mutter einen Schlaganfall und die wenigen Freuden kamen zu einem abrupten Ende. Der Junge musste die Schule verlassen und den Vater fortan als Hilfsarbeiter auf dem Land unterstützen. Es war harte Arbeit, die schlecht bezahlt wurde. Abends schlief er oft hungrig ein, die Zukunft sah düster aus. Der Vater redete immerzu auf ihn ein, dass er doch auswandern solle, sich einem der anderen Arbeiter anschließen und sich auf in den Norden machen sollte, um sich dort eine richtige Arbeit zu suchen. All das Elend wollte der Vater lieber allein ertragen, wollte seine Sorgen ertränken und beim Kartenspiel vergessen, ohne auf einen Sohn Rücksicht nehmen zu müssen. Für ihn war das Leben schon vorbei, er konnte nichts mehr gewinnen, keine Freude und keine Hoffnung.

Das Leben wartet nicht erzählt die Geschichte eines armen Jungen aus Süditalien, der, wie so viele seiner Generation, dem Elend entfloh und sich im Norden, in den Industriezentren des Landes, versuchte. Dort hält er sich mit Aushilfsarbeiten über Wasser und wartet darauf eine Festanstellung zu ergattern. Da er jedoch zu jung dafür ist, muss er sich zuerst mit wenig begnügen. Natürlich verliebt er sich in ein junges Mädchen, das ebenfalls auf der Suche nach Arbeit in den Norden kam. Die beiden schmieden zusammen Pläne, fahren zurück in ihre Heimatdörfer, um sich gegenseitig zu zeigen woher sie kommen, welcher Armut sie entspringen, und um sich trauen zu lassen. Zusammen wollen sie sich eine bessere Existenz im Norden aufbauen, wollen eine Familie gründen und ein einfaches, aber angenehmes Leben führen.

Marco Balzano erzählt eine beispielhafte Geschichte der Migration innerhalb Italiens. In Vorbereitung für das vorliegende Buch führte er mehrere Interviews mit Personen, die in den 1950er und 1960er Jahren aus dem Süden in den Norden auswanderten und ihm von den damaligen Ereignissen berichteten. Auf Grundlage des gesammelten Materials verfasste er Das Leben wartet nicht, in dem er diesen Personen und ihrem Schicksal ein kleines Denkmal setzt, er erinnert an ihre Entbehrungen und die Unannehmlichkeiten, die sie in ihren abwechslungsreichen Leben erfahren haben. Ein besonderes Augenmerk legt sein Buch auf den Vergleich von turbulenter Jugend und dem gesicherten, ruhigen Lebensabschnitt, der begann, da die jungen Arbeiter das fünfzehnte Lebensjahr vollendeten und endlich in Vollanstellung in einer Fabrik arbeiten konnten. Sie erhielten regelmäßig ihren Lohn, waren versichert und konnten einen Kredit aufnehmen, um sich ein kleines Haus oder eine Wohnung am Stadtrand zu kaufen. Die darauffolgenden Jahrzehnte verbrachten sie damit, den Kredit abzuzahlen und ihre Kinder großzuziehen. Es passierte nichts Aufregendes, sie führten ein normales und unspektakuläres Dasein. Im Vergleich zu ihrer Kindheit erscheinen diese Jahre langweilig und beliebig, es hätte das Leben von jedermann sein können, während Armut und die Auswanderung der frühen Jahre außergewöhnlich und aufregend waren. Das Leben lief ihnen davon, es wartete nicht auf sie, da sie jeden Morgen in die Fabrik gingen, ihre Arbeit erledigten, die Wochenenden mit der Familie verbrachten, sich um Rechnungen und die Zeugnisse der Kinder sorgten. Plötzlich waren sie alt und sie hatten nichts mehr vor sich, keine Ziele und keine Interessen.

Marco Balzano gibt ein ganzes Leben wieder, von der Kindheit bis zum höheren Alter, da der Protagonist schon Großvater ist und seine Zeit auf einer Parkbank verbringt. In mehreren Erzählsträngen berichtet er vom damals und vom heute, springt hin und her, um dem Ganzen mehr Abwechslung und Kontrastschärfe zu verleihen. Das Resultat ist unterhaltsam und sehr kurzweilig, auch wenn ihm an manchen Stellen die Tiefe und die Details fehlen, aber das kann man schlichtweg nicht erwarten von einem Buch, das sich einer Lebensgeschichte widmet und den Versuch unternimmt, einer Generation von Auswanderern gerecht zu werden.

Sebastian Riemann, Juni 2017

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Sagota zu »Marco Balzano: Das Leben wartet nicht«05.07.2017
"Das Leben wartet nicht" von Marco Balzano (in der Übersetzung von Maja Pflug aus dem Italienischen) erschien 2017 im Diogenes-Verlag, Zürich (HC, gebunden).

"Ninetto war noch ein Kind, als er allein von Sizilien nach Mailand kam, um Arbeit zu suchen. Ein furchtloser Junge mit der Sonne des Südens im Herzen. Obwohl er noch zu klein war für das Fahrrad, fand er sogleich eine Anstellung als Bote.
Heute, über fünfzig Jahre später, erkennt sich Ninetto in den Neuankömmlingen aus China und Nordafrika wieder. Sie haben dieselben Träume wie er damals. Und setzen alles daran, sie zu verwirklichen." (Quelle: Buchrückentext)

Der Roman beginnt mit einem vermeintlichen Wiedersehen eines Mannes auf dem Gefängnishof, den Ninetto von seiner Zelle aus beobachtet - und der ihn an seinen früheren Lehrer Vincenzo in San Cono, Sizilien, wo er aufwuchs, erinnert.....

Sizilien, 50er Jahre: Ninetto wächst wie viele andere seiner Generation als Einzelkind in ärmlichen Verhältnissen auf und muss die Schule verlassen, als seine Mutter einen Schlaganfall erleidet: Fortan muss er mit dem Vater auf dem Feld arbeiten, doch es reicht kaum zum Leben, Hunger und Perspektivlosigkeit sowie der gesundheitliche Zustand der Mutter machen der kleinen Familie zu schaffen. So wird er - wie viele andere Jungen aus Süditalien, wo es kaum Arbeit gibt - mit einem Feldarbeiter, Giuvá, nach Mailand geschickt, um Arbeit zu finden und nicht Hungers zu sterben...
Ein Tagebuch, das ihm sein Lehrer schenkte und die Erinnerung an die Schulstunden, in denen er Gedichten lauschte und auch Erzählungen fürs Leben, die den Schülern von Vincenzo nahegebracht wurden, war in seinem Gepäck: Er wollte Dichter werden. Vor seiner Abreise steckt er das Springmesser seines Vaters vorsorglich in seine Tasche...

Doch das Leben, das zuweilen eine andere Melodie spielt als die des Herzens der Menschen, holte ihn bereits im Alter von knapp 10 Jahren ab: Er findet durch seine Klugheit und seine Willenskraft schnell eine Stelle als Laufbursche und fährt für eine Wäscherei Wäsche aus: Schon da erlebt er die große Stadt Milano schrecklich und märchenhaft zugleich; er hat einen scharfen Verstand und eine messerscharfe Beobachtungsgabe.

Marco Balzano lässt nun Ninetto, der hier exemplarisch für Tausende von Kinderemigranten steht, die zwischen 1959 und 1962 gezwungen waren, vom Süden Italiens vorwiegend in die Industriestädte Milano, Turin und Genua zu ziehen; zumeist mit Familienangehörigen oder Freunden, sein Leben erzählen und quasi Revue passieren:

Er entkommt dem "Bienenstock", einem völlig überbelegten Arbeiterblock in Milano, wo er in der Küche übernachten muss und wohnt fortan bei Antonio, der Musikkünstler werden möchte und mit Männern aus den Abruzzen in einer Herberge wohnt: Hier hat er erstmals in seinem Leben das Gefühl, noch Kind sein zu dürfen und wird von den meist Älteren fürsorglich behandelt. Er arbeitet auf dem Bau und verliebt sich in Maddalena, die ebenfalls mit einem Onkel aus Kalabrien kam und in einer Bäckereifabrik arbeitet...

Wie viele andere gründet er sehr früh eine Familie und heiratet Maddalena, bekommt eine Tochter mit ihr. Um seine Familie zu beschützen, trägt er das Messer noch immer in seiner Tasche. Er arbeitet inzwischen im Autowerk von Alfa Romeo am Band und wir erfahren, welch geistlose Tätigkeiten Menschen gezwungen werden, zu tun. Ninetto machte einen großen Fehler in seinem Leben, eine Situation, die er völlig falsch einschätzte und fehl interpretierte - und als Folge 10 Jahre Gefängnis für ihn bedeutete.

Lange wird dem Leser die Geschichte, wie es dazu kam, vorenthalten und Ninetto so facettenreich und als ein eigentlich sehr guter Mensch, der es sehr schwer hatte und seiner Kindheit beraubt wurde, beschrieben, dass es schwerfällt, sich überhaupt solch eine Tat vorzustellen, die ihn ins Gefängnis brachte. Nach dieser Zeit ist nichts mehr so, wie es zuvor war - das Leben hat nicht auf ihn gewartet und manche Züge sind verpasst...

Gerne möchte er seine Tochter und Enkeltochter sehen und zum Schluss nimmt dieser Roman, dem es an Tragik, an Sozialkritik, an Emotionen nicht fehlt, noch eine zaghaft positive Wendung in Richtung Hoffnung, die ihm die Enkeltochter Lisa gibt....

Marco Balzano schreibt schnörkellos und geradlinig; er leuchtet sowohl Ninetto, der stellvertretend für die Generation der Kinderemigranten des südlichen Italiens steht, in vielerlei Hinsicht aus und findet für Vorgänge, die größer sind als Menschen und die diese zuweilen trennen, in wenigen Worten eine ungeheure Aussagekraft.

Der Stil des Autors ist überragend, da er es schafft, durch eine nahe Figurenzeichnung wie in einem Bild durch die Geschichte zu wandern, tiefe Eindrücke über das Verstummen Ninettos und so manche Ungerechtigkeiten des Lebens nicht einfach hinnehmen zu wollen, sondern mit ihm zu erkennen. So wundert es nicht, dass er sich in den chinesischen Einwanderern, die ein Café betreiben, selbst sieht - und ihnen helfen will. Ich bin überzeugt, er wäre ein hervorragender Dichter geworden, hätte ihn das Leben nicht mit all seiner Härte bereits im Alter von 9 Jahren "abgeholt".

Das Nachwort des Autors geht ebenfalls sehr zu Herzen und seine Intention, diesen Kinderemigranten eine Stimme zu geben, ist ihm nach meinem Dafürhalten zu 100% gelungen; auch sehe ich Parallelen zur heutigen politischen Situation, in der die Zahl der Emigranten so hoch ist, wie nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr.

Mit einem Chapeau danke ich Marco Balzano für diesen berührenden und aufwühlenden, nachdenklich stimmenden - und zuweilen humorvoll aufblitzenden Roman. Mich hat Ninettos Geschichte sehr ergriffen und aufgewühlt, besonders was die Schattenseiten der globalen Weltwirtschaft betrifft. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und vergebe sehr gerne 5 Sterne.
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