Engel des Vergessens von Maja Haderlap

Buchvorstellungund Rezension

Engel des Vergessens von Maja Haderlap

Originalausgabe erschienen 2011 bei Wallenstein.

Bibliographische Angaben

  • Göttingen: Wallenstein, 2011.287 Seiten.

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    In Kürze:

    Erzählt wird von dem täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, zu der die Familie gehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen hieß eben »nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln«. Es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott. Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen und schließlich als (kritische) junge Frau eine Sprache dafür zu finden.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Eine Geschichte gegen das Vergessen und über das Nachwirken von Traumata«79

    Rezension von Birgit Borloni

    In ihrem Debütroman »Engel des Vergessens«, für den Mia Haderlap den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, verarbeitet die Autorin ein Thema, das ihre Kindheit begleitet hat und außerhalb Kärntens wenig bekannt sein dürfte und selbst dort lange Zeit verschwiegen und verdrängt wurde: Der Freiheitskampf der slowenischen Partisanen in Kärnten zur Zeit des zweiten Weltkriegs.

    Als Leser begleitet man die Ich-Erzählerin durch ihre Kindheit in einem kleinen Ort in einem abgelegenen Kärntner Tal nahe des Ortes Bad Eisenkappel. Zunächst bekommt man den Eindruck einer einfachen, aber durchaus idyllischen Kindheit vermittelt: Lange Sommer, die harte Arbeit auf dem Hof und mit dem Vieh, die manchmal etwas ruppige, aber aufrichtige Liebe der Großmutter. Doch es liegt ein Schatten über dem, was man unter anderen Umständen eine Idylle hätte nennen können. Ein Schatten, der unsichtbar ist, der aber fest auf der Seele der Menschen liegt und alles in Schatten taucht: Die Vergangenheit. Der Zweite Weltkrieg und der Kampf der slowenischen Partisanen in Kärnten gegen die Nazis haben tiefe Spuren in der Bevölkerung hinterlassen, was auch die Ich-Erzählerin am eigenen Leib erfahren muss. Die Großmutter hat diverse Lager nur knapp überlebt, der Vater schloss sich bereits als Kind den Partisanen an und wurde von der Polizei brutal gefoltert, wodurch er tief traumatisiert ist. Die Mutter ist die Einzige, die nicht wirklich unter der ganzen Sache zu leiden hatte und bleibt deshalb eine Ausgeschlossene. Und mittendrin ein junges Mädchen.

    Mia Haderlap gelingt es wunderbar, diesen Gegensatz zwischen dem scheinbar idyllischen Landleben und den düsteren Schatten der Vergangenheit herauszuarbeiten. Zunächst nur in kleinen Portionen, sozusagen Stück für Stück, dann immer häufiger und immer intensiver erfährt der Leser, genauso wie die Ich-Erzählerin, von den furchtbaren Geschehnissen der damaligen Zeit.

    Es wird kein Blatt vor den Mund genommen und somit gibt es einige unschöne Szenen, die tief erschüttern und bewegen, ohne dabei unnötig aufgebauscht oder effektheischend zu sein. Doch es gibt auch die andere Seite: Die Wärme und Geborgenheit, die die Ich-Erzählerin vor allem durch die Liebe der Großmutter erfährt und die Augenblicke von Verbundenheit, die es bei allen Schwierigkeiten in der Vater-Tochter-Beziehungen durchaus gibt.

    Allerdings es gibt auch einige Längen in dem Roman: Die Aufzählung von Orten oder Namen, die sich manchmal über Absätze erstrecken, können ermüden, besonders diejenigen Leser, die des Slowenischen nicht mächtig sind. Ab und an kann man als Leser der Autorin auch nicht ganz folgen und fragt sich, was genau sie einem denn nun genau mitteilen möchte und auch sprachlich brilliert Maja Haderlap nicht durchgehend. Generell schreibt sie sehr anspruchsvoll und ausdrucksstark, doch manchmal wirkt die Sprache auch konstruiert und bemüht metaphorisch, was den Lesegenuss hier und da schmälert.

    Doch trotz dieser Abstriche hat Maja Haderlap einen lesenswerten Roman vorgelegt. Über ein wenig beachtetes Kapitel der Geschichte; über einen Kampf, der tiefe Spuren hinterlassen hat und die Bevölkerung jahrzehntelang trennte und der immer noch nachwirkt, wenn man z.B. den Kampf um die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten bedenkt; über ein Mädchen, das zu einer jungen Frau heranwächst, dass sich zwei Ländern und Kulturen verbunden fühlt und doch nirgends wirklich heimisch ist.

    Birgit Borloni, Februar 2012

    Ihre Meinung zu »Maja Haderlap: Engel des Vergessens«

    o-o zu »Maja Haderlap: Engel des Vergessens«20.12.2014
    Berührend, ergreifend, verstörend, abstoßend - solche Eindrücke und vieles mehr können dem Leser dieses Buches widerfahren. Da ist zunächst die Einführung in das bäuerliche Leben in einem abgelegenen Seitental der Kärntner Alpen. Im Mittelpunkt die Erzählerin als kleines Mädchen und ihre geliebte Großmutter; deren Aura aus esoterischer Religiosität und "Wissen" um die Natur ihren ganzen Kosmos darstellen. Eine vordergründig heile und ziemlich rückständige Welt - das Leben anfang der 60er Jahre scheint irgendwo auf Vorkriegsniveau fixiert. Der Mensch im komplexen Abhängigkeitsverhältnis zu seiner gewachsenen Umgebung.
    Doch wird dann rasch deutlich, dass die einfühlsam geschilderte Wirklichkeit des Kindes von dunklen Mächten geprägt ist, die aus der Vergangenheit herrühren und die Menschen grundlegend belasten. Die eigene Familie, Verwandschaft, Nachbarn - alle hatten unter dem Naziregime und den Kriegsauswirkungen jämmerlich zu leiden. Gestapofolter, Konzentrationslagerqualen, Partisanenhölle: wohl niemand unter den Älteren konnte sich in dieser Zeit entziehen, als Mitglied der Slowenischsprachigen Minderheitsbevölkerung. Und während es für die Deutschösterreichische Mehrheit eine - wie auch immer empfundene - Befreiung und darauffolgenden Neubeginn gab, blieben die Slawischstämmigen Bürger zerrissen zwischen Nationalitätenproblem und ideologischen Gespenstern. Und kommen niemals los von den Narben, die ihre Erlebnisse hinterlassen haben.

    Die Großmutter mit liebevoller Dominanz, später die Ausrichtung auf den extrem stimmungsschwankenden und übermächtigen Vater, dessen Zuneigung sie gewinnt bzw. zu erringen trachtet - damit wächst das Mädchen auf. Sie erfährt ständig mehr über die Betroffenheit der Eltern- und Großelterngeneration und empfindet auch ihr Leben als unausweichlich von den Greuelgeschichten beeinträchtigt.

    Die Aufarbeitung der Vorgänge im Grenzgebiet zum "Eisernen Vorhang", der so undurchlässig (wie allgemein geglaubt) im Slowenisch-Österreichischen Grenzgebiet offenbar gar nicht war, dürfte für die meisten Leser ungeahnte Wissenslücken füllen. Die Autorin leistet hier sicher einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung.

    Dem Buch insgesamt sind jedoch einige Brüche zu bescheinigen, worunter vor allem die zweite Hälfte des Romans qualitativ leidet. Da reihen sich ausufernde Aufzählungen aneinander von Leiden, die einer Unmasse namentlich genannter Opfer zugefügt wurden. Solche Seiten fänden angemessen eher Platz im Zusammenhang einer seriösen Chronik (als im Roman mit seinen m.o.w. fiktiven Anteilen). Hier überwältigen sie den Leser als einen schwer eträglichen Schwall ungeordneter Grausamkeiten.

    Wirklich störend allerdings macht sich der Perspektivwechsel der Ich-Erzählerin als junge Erwachsen bemerkbar. Da wechseln theoretisierende Erklärungsversuche der individuell empfundenen Minderheitenproblematik ab mit mehr oder weniger gelungenen poetischen Stimmungsbildern. Im Unklaren bleiben die Entwicklungsprozesse, die den von der Erzählerin eingeschlagenen Weg im Laufe ihrer erfolgreichen Schul- und Berufskarriere begleiteten. Vor allem die vorübergehenden Ansätze einer Integration im gefühlten Slowenischen Heimatland, sowie der nachfolgende Entschluss sich nur mehr der deutschen Schriftsprache zu bedienen.
    Also im Grunde liest man zwei Bücher: ein wirklich hervorragendes und ein schlechtes. Wobei das schlechte eigentlich unbrauchbar ist und das gute weiter ausgeführt werden sollte. Man ahnt wohl, dass die Verengung auf das Nationalitäten- und Kriegsfolgethema kaum den ganzen Druck und Selbstzweifel erklärt, unter dem die Entwicklung der Erzählerin stattfindet. Einflüsse, die noch ausgeblendet sind, wie Mutter, Geschwister, Lernanreize etc. - und vielleicht auch positiv sich auswirkende politische Prozesse.
    reskal zu »Maja Haderlap: Engel des Vergessens«17.07.2012
    Es entsteht ein falscher Eindruck, wenn immer wieder behauptet wird, Maja Haderlap habe den Bachmannpreis 2011 für ihren Roman "Engel des Vergessens" erhalten; sie hat ihn erhalten für eine Passage von 17 Seiten (S.75-91) aus dem noch nicht veröffentlichten Roman, eine eher untypische Passage. Die Machart des Romans, die krude Mischung aus Lyrik, Feuilleton, Leitartikel und Selbsterfahrungstext, die Brüchigkeit und Inhomogenität des Romans, sein Schwanken zwischen Familiengeschichte und Entwicklungsroman, die sprachlichen Ausschläge zwischen Handke und "Häutungen" ("Ich bewege mich in der Menschenansammlung, als ob ich das erste Mal in meinen Körper gefunden hätte", S. 162), die Stilbrüche zwischen schlichtem Erzählen und unerträglichen Tiraden, die Aufzählungen von Namen, die (unübersetzten) slowenischen Passagen, das Therapeutendeutsch, die Traumfragmente, die schiefen Bilder und der saure Kitsch machen die Lektüre des Buches (einen Roman sollte man dieses Textkonvolut lieber nicht nennen) zu einer eher unangenehmen Erfahrung. Maja Haderlap hat einfach zu viel gewollt. Informationen über den Partisanenkampf der Slowenen erhält man wahrscheinlich eher aus dem schlichten Bericht ihres Onkels Anton Haderlap, den dieser 2008 unter dem Titel "Gaparji. So haben wir gelebt. Erinnerungen eines Kärntner Slowenen an Frieden und Krieg" (übrigens im Original auf Slowenisch) vorgelegt hat; merkwürdig, daß dieser Bruder des im Roman omnipräsenten Vaters von Maja H. nicht erwähnt wird. Aber auch als Werk der Literatur ist das Ganze mißlungen; zudem erscheint die Erzählerin in ihrem lustvollen Wühlen im Leiden als überaus egozentrische Person, die nur um den eigenen Bauchnabel kreist und sich einfach viel zu wichtig nimmt: "Ich bin zur Gruppe angewachsen und träume einen Traum, in dem ich in der ersten Reihe einer Prozession von Slowenen gehe." S. 143/4) Und an allem Elend sind immer die anderen schuld: "Nachdem ich mich damit abgefunden habe, dass Vater an Mutters Verhärtung schuld ist, belange ich Mutter nicht weiter mit meinen Geschichten." (S. 205)
    Anmerkung: Auf S. 285 gibt es einen sachlichen Fehler. Dort zitiert die Autorin aus der "Einlieferungsliste" des Lagers Ravensbrück vom 13.November 1943 und erwähnt, mit ihrer Großmutter seien auch Frauen aus "Kaliningrad" eingeliefert worden; 1943 hieß Kaliningrad aber noch Königsberg. Hier bestätigt sich, daß es im Wallstein-Verlag (nicht "Wallenstein"!) offenbar an Lektoren mangelt.
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