Hagard von Lukas Bärfuss

Buchvorstellungund Rezension

Hagard von Lukas Bärfuss

.174 Seiten.ISBN-10: nicht vorhanden, ISBN-13: nicht vorhanden.

Bibliographische Angaben

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Das meint Belletristik-Couch.de: Vom Wege abgekommen74

Rezension von Sebastian Riemann

Das Leben kann so einfach sein. Es gibt Regeln für alle und dann gibt es noch Regeln, die man für sich selbst aufstellt, um seine Ziele zu erreichen, um sein Dasein so zu gestalten, wie man es gerne haben möchte. Innerhalb dieser Bahnen verläuft meistens der Alltag, sie geben Richtungen und Handlungen vor. Jeder ordnet sein Leben auf eine bestimmte Art, die ihm entspricht und entgegenkommt. Dabei unterwirft man sich allerhand Zwängen und Ideen von außen. Man strebt nach Gewinn und Anerkennung, man will ein großes, neues Auto fahren und gut gekleidet sein, gepflegt erscheinen, gut riechen, sich elegant bewegen, besser als die anderen sein. Das ist Antrieb und Frust zugleich.

Ausbrechen aus diesen Bahnen, davon träumt jeder einmal in seinem Leben, vielleicht sogar regelmäßig. Wenn die Belastungen wachsen und schwerer werden, sich über einen wälzen, wenig Raum zum Atmen und Erholen lassen, dann mag man in Gedanken ein Szenario durchspielen, in dem man alles stehen und liegen lässt, dem Chef, den Kunden, dem Steueramt, den nörgelnden Nachbarn und der Familie einfach den Rücken zudreht, sie alle im öden und grauen Alltag mit ihren Sorgen und Wünschen zurücklässt, während man sich selbst einfach davonmacht in ein neues Leben ohne diese lästigen Bürden. Die Flucht vor den Anforderungen und Verpflichtungen, jeder hat sie schon ein- oder mehrmals vor Augen gehabt, um sich einen Moment der Ruhe und des Genusses zu verschaffen. Die Vorstellung ist so reizvoll. Den Sorgen einfach keine Beachtung mehr schenken. Aber meistens geschieht dann nichts, man begnügt sich mit Tagträumereien und geht danach wieder seinen Verpflichtungen nach, folgt dem Trott wie eh und je.

Philipp aber ist anders. Er verlässt die Bahnen, in denen sein Leben bisher so geschmeidig und erfolgreich verlief. Er steigt aus. In einem Café hat er einen Geschäftstermin, es ist nicht der wichtigste Termin für ihn, aber trotzdem ein aussichtsreicher. Ohne großen Aufwand könnte er wohl eine ansehnliche Menge Geld verdienen. Ein kleiner Glücksfall. Aber Philipp verliert das Interesse, verlässt das Café und dreht eine Runde. Ohne klares Ziel vertreibt er sich die Zeit und man könnte denken, er wolle nur das Warten überbrücken, wolle nicht gelangweilt im Café sitzen und auf jemanden hoffen, der vielleicht nicht auftauchen wird, aber dann erhält er eine Nachricht, der Kunde ist nun im angekommen Café. Philipp könnte zurückgehen, die Verspätung großzügig übersehen, das Geschäft professionell und routiniert abwickeln. Jedoch entscheidet er sich anders.

Philipp sieht er Frau, die ihn sofort in ihren Bann schlägt. Es ist nicht ihr Gesicht, nicht ihr umwerfendes Lächeln, das sie ihm zuwirft. Philipp sieht die bezaubernde Frau nur von hinten, sieht ihre Schuhe und ihren eleganten Gang. Das ist alles, was es braucht, um in ihm die Entscheidung zu treffen, seine Pläne über den Haufen zu werfen und dieser Frau zu folgen. Er ignoriert seinen Termin und geht jener mysteriösen Frau nach, die, so scheint es, ihre Arbeit oder einen Auftrag erledigt.

Bald wird dem Leser klar, dass Philipp ein tieferes, schwer zu beschreibendes Interesse an der Frau hat. Sich selbst kann er nicht erklären, was er dort macht, stur wie ein Esel folgt er dem Weg, der sich vor ihm abzeichnet. Es vergehen Stunden und schließlich der ganze Tag, Philipp verwandelt sich von einem souveränen, gut gekleideten Geschäftsmann in eine zerzauste Figur, die sich wie ein Obdachloser unter einer Brücke versteckt und nur noch sein gegenwärtiges, augenblickliches Dasein hat, jedoch keine Familie, Freunde und Arbeit, die auf ihn in einem anderen Teil der Stadt auf ihn warten, zu denen er zurückkehren kann. Er ist – selbstverschuldet und doch willenlos – aus der geordneten Welt gefallen, steht neben dem alltäglichen Betrieb und seinem alten Ich.

Der Erzähler der Geschichte ringt mit sich und mit Philipp, er ist sich nicht sicher, was er mit den Geschehnissen anfangen soll, was er aus ihnen machen kann. Die Fakten sind ihm bekannt, an ihnen hat er keine Zweifel. Es ist die Motivation Philipps, die ihm Probleme bereitet und der er sich mitunter nicht gewachsen fühlt. Er spekuliert und versucht zu erklären, was in einer Person wie Philipp wohl vorgehen mag. Doch kann er dem Geheimnis nicht auf die Schliche kommen. Die Gründe hinter dem merkwürdigen Verhalten, der Anlass zum Ausstieg aus einem geordneten und erfolgreichen Leben bleiben im Dunkel. Es bleibt dem Leser überlassen sich diesem blinden Fleck in der Person anzunehmen.

Sebastian Riemann, Juli 2017

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