Die Zerbrechlichkeit der Welt von Kees van Beijnum

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel De Offers, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei C. Bertelsmann.

Bibliographische Angaben

  • Amsterdam: De Bezige Bij, 2014 unter dem Titel De Offers.480 Seiten.
  • München: C. Bertelsmann, 2016.Übersetzt von Hanni Ehlers.ISBN: 978-3-570-10281-7.480 Seiten.

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In Kürze:

Tokio 1946: Der Richter Rem Brink ist vom niederländischen Außenministerium zu den sogenannten Tokioter Prozessen gesandt worden, um mit den Siegermächten die japanischen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten. Brink ist sich seiner besonderen Verantwortung bewusst, sucht gleichzeitig aber auch Zerstreuung in einer Liaison mit der jungen Sängerin Michiko. Durch sie lernt er eine ganz andere, faszinierende Seite Japans kennen. Doch als Michiko ihn um einen Gefallen bittet, der seinen politischen und moralischen Grundsätzen widerspricht, wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt …

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Rezension von Kathrin Plett

Die Frage, wer die Schuld an einem Krieg trägt oder wie viel Schuld eine einzelne Person dabei hat, ist nur schwer zu entscheiden. Je nach Betrachtungsansatz kann diese Frage ganz verschieden gesehen werden. Ist jemand, der in eine Partei eintritt, die den Krieg fördert direkt schuldig, auch wenn er nur eingetreten ist, um größeres Leid zu verhindern? Um diese und weitere Fragen zu klären wird der niederländische Richter Rem Brink 1946 als Teil eines internationalen Richtergremiums nach Tokio geschickt, um dort über die japanischen Kriegsverbrechen zu urteilen. Das es bei dieser Aufgabe nicht immer nur um objektive Beweise für Schuld und Unschuld geht, wird ihm schnell klar …

Nachdem der zweite Weltkrieg endlich beendet war, war überall auf der Welt das Verlangen groß, die für das große Leid an der Menschheit verantwortlichen ausfindig zu machen und entsprechend zu bestrafen. Auch Rem Brink aus den Niederlanden, verheiratet und Vater von drei kleinen Kindern, wurde mit dieser großen, karrierefördernden Aufgabe betraut und vom Außenministerium zu den sogenannten »Tokioter Prozessen« geschickt, wo er mit einem internationalen Richterteam über die japanischen Kriegsverbrecher urteilen soll. Zunächst freut er sich noch über die gewichtige Aufgabe, für die er auserwählt wurde. Doch je weiter die Prozesse fortschreiten, desto mehr erkennt er, dass Gerechtigkeit durch die persönlichen Interessen seiner Kollegen beeinflusst wird. Gleichzeitig lernt er in seiner Freizeit bei einem Konzert die junge Sängerin Michiko kennen, zu der er sich stark hingezogen fühlt und die bald darauf seine Geliebte wird. Durch sie lernt er die fremde Kultur kennen und schätzen. Als sich seine Frau ankündigt, verliert er Michiko zunächst aus den Augen. Als er sie wiederfindet, bittet sie Brink um einen Gefallen, der ihn in einen großen moralischen Konflikt stürzt und seine Karriere in Gefahr bringt …

Kees van Beijnum, geboren 1954, gehört seit vielen Jahren zu den renommiertesten Autoren der Niederlande und wurde bereits mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er schrieb elf Romane, von denen einige höchst erfolgreich verfilmt wurden.

Kees van Beijnum hat mit Die Zerbrechlichkeit der Welt einen Roman verfasst, der den zweiten Weltkrieg aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet, als man ihn normalerweise in der hiesigen Literatur vorfindet. Im Zentrum seines Werkes liegt Japan, das zwar genau wie Deutschland zu den Verlierern des Krieges zählt, aber hierzulande nur selten Erwähnung findet, es sei denn es geht um Pearl Harbor oder ähnlich bekannte Kriegsereignisse. Van Beijnums Geschichte setzt nach dem Ende des Krieges ein. Im Zentrum steht ein niederländischer Richter, der mit vielen anderen über die japanischen Kriegsverbrechen entscheiden soll. Schnell wird klar, wie schwer und komplex diese Aufgabe ist, wie vielfältig die Motive der einzelnen Beteiligten. Selbst den hochangesehenen Rechtsvertretern fällt es schwer, sich auf einen gemeinsamen Standpunkt zu einigen, abhängig davon, wo sie selbst den Schwerpunkt des Unrechts sehen. Dass der Autor dabei ganz nah an der Wirklichkeit bleibt, wird deutlich, wenn man den geschichtlichen Hintergrund betrachtet. Die Tokioter Prozesse wurden 1946 begonnen und gegen 28 Verantwortliche der Kaiserlich Japanischen Armee geführt. Die im internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten stattfindenden Verhandlungen wurden von elf Richtern geführt. Insgesamt erstreckten sich die Prozesse über eine Dauer von über zweieinhalb Jahren, in denen in zehn Anklagepunkten verhandelt wurde. Am Ende wurde sieben der 28 Angeklagten zum Tode verurteilt.

Doch Kees van Beijnums Roman ist nicht nur schwarz und düster. Durch die Liebesgeschichte zwischen der Japanerin Michiko und Rem Brink bietet er dem Leser Einblicke in die doch oft sehr fremde japanische Kultur und beleuchtet den Krieg auch aus der Sicht der betroffenen Bevölkerung, sodass ein differenziertes Bild der damaligen Ereignisse entsteht. Während des Lesens wird deutlich, dass der Autor weiß, worüber er schreibt. Wie er in einem Interview berichtet, war er aus Recherchegründen dreimal in Japan, wo er die Landschaft und die Menschen studiert hat. Ohne dagewesen zu sein, hätte er sich nicht an das Ganze gewagt, da es nicht authentisch gewesen sei, sagt er. Sprachlich ist der Roman gut zu lesen. Dadurch, dass der Autor häufig den Spielort wechselt, mal über Michiko berichtet, dann wieder über Rem, fällt es schwer, den Roman aus der Hand zu legen, da man wissen möchte, wie es im Leben der jeweiligen Figuren weitergeht.

Alles in allem ein lesenswerter und geschichtlich interessanter Roman, der gleichzeitig noch Spannung bietet und bei dem das Ende bis zum Schluss offen bleibt. Kees van Beijnums Anliegen, nicht nur eine spannende Geschichte oder einen Liebesroman zu schreiben, sondern auch das Wissen seiner Leser zu bereichern, ist ihm in jedem Fall gelungen!

Kathrin Plett, Februar 2017

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