Und Nietzsche weinte von Irvin D. Yalom

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1992 unter dem Titel When Nietzsche wept, deutsche Ausgabe erstmals 1994 bei Kabel.

Bibliographische Angaben

  • New York: Basic Books, 1992 unter dem Titel When Nietzsche wept.306 Seiten.
  • Hamburg: Kabel, 1994.Übersetzt von Uda Strätling.ISBN: 3822502944.379 Seiten.
  • München: Goldmann, 1996.Übersetzt von Uda Strätling.ISBN: 3-442-72011-7.442 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2001.Übersetzt von Uda Strätling.ISBN: 3-492-23365-1.442 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2003.Übersetzt von Uda Strätling.mit einem neuen Nachwort des Autors.ISBN: 3-492-04559-6.463 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2005.Übersetzt von Uda Strätling.463 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2005.Übersetzt von Uda Strätling.ISBN: 3-492-24328-2.463 Seiten.
  • München: btb, 2008.Übersetzt von Uda Strätling.ISBN: 978-3-442-73728-4.448 Seiten.
  • München: btb, 2009.Übersetzt von Uda Strätling.ISBN: 978-3-442-73966-0.631 Seiten.

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In Kürze:

Das Wien des Fin de siècle: Die selbstbewusste junge Russin Lou Andreas Salomé drängt den angesehenen Arzt Josef Breuer, dem suizidgefährdeten Friedrich Nietzsche zu helfen und ihn von seiner zerstörerischen Obsession für sie zu kurieren. Breuer willigt ein und unterzieht Nietzsche einer neuartigen Heilungsmethode, deren Ausgang jedoch für beide unerwartet ist.

Das meint Belletristik-Couch.de: »Werde, wer du bist!«94Treffer

Rezension von dsl

Auf welch gewagtes Spiel hat Yalom sich da eingelassen! Er stellt eine Beziehung von Figuren her, die sich im wirklichen Leben nie getroffen haben. Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Lou Salomé und Josef Breuer sind die Protagonisten in Yaloms Werk, wobei Erster und Letzter die zentrale Rolle spielen.

Breuer und Nietzsche begeben sich in diesen Roman in ein psychoanalytisches Sprachduell, das es so nie gegeben hat. 

»Die Hoffnung ist das übelste Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.«

Dies ist nur eines der wenigen Zitate Nietzsches in der schwierigen und äußerst intelligent aufbereiteten Diskussion mit Breuer. Kenner von Nietzsches Werken stoßen hier laufend über Aussagen, Zitate, Thesen und Annahmen Nietzsches.

Zweifelsfrei hat Yalom sich mit der hypothetischen Begegnung Nietzsches und Breuers weit aus dem Fenster gelehnt, hat aber diese Gratwanderung mit einer Bravour gemeistert, die seinesgleichen sucht. So zweifelt man nicht einen Moment daran, dass die tiefgründigen Gespräche der oben erwähnten Figuren, und im Speziellen zwischen Nietzsche und Breuer, so gewesen hätten sein können, wie hier dargestellt.

Yalom beschreibt nicht einfach Szenen, er schafft regelrecht ein Kammerspiel, in dem sich zwei hervorragende Rhetoriker einmal ein Wortgefecht liefern, dann in tiefer Harmonie den beinah selben Weg beschreiten, sich einigen, nur um kurze Zeit später ihre Gedanken wieder auseinanderfließen zu lassen, dann der eine beim anderen Unverständnis bis Verwirrung auslöst und sich dennoch stets gegenseitig auf besonderer Weise respektieren.

Man gewinnt alleine durch die Gespräche zwischen Breuer und Nietzsche intime Einblicke in deren Leben; aber dem nicht genug, lässt Yalom die Redestunden der beiden nochmals Revue passieren, in dem er Breuer das Gesagte nochmal mit Freud diskutieren  lässt. So wird alles nochmals von einem anderen Blickwinkel beleuchtet und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.

Nietzsche, der zeitlebens unter quälenden Kopfschmerzen, Angstzuständen und schon manischen Depressionen leidet, öffnet sich Breuer jedoch in ganz bemerkenswerter Weise. Nach und nach gibt er diesem zu verstehen, dass er für diese Blicke in sein Seelenleben auch von ihm etwas erwartet, nämlich, dass Breuer, »besessen« von einer Frau, der ehemaligen Patientin Bertha Pappenheim, sich im Gegenzug von Nietzsche helfen lässt.

Eine befremdende und ungewöhnliche Konstellation, die man auf diese Art und Weise noch nicht gelesen hat.

Ganz nebenbei und scheinbar ohne großes Augenmerk darauf gelegt zu haben, gewährt Yalom auch noch einen Spaziergang durch das Wien des auslaufenden 19. Jahrhunderts. So spaziert man an der Seite Breuers und Freuds nicht nur durch ein Wien am Beginn des die Stadt prägenden Jugendstils, sondern bekommt auch Kostproben, der typisch wienerischen bzw. österreichischen Ausdrucksweise. Hat Yalom (oder eher die Übersetzerin?) sich äußerst bemüht, stets gewisse Idiome mit einfließen zu lassen, stolpert man dennoch über Wörter bei denen dies wohl vergessen oder übersehen worden ist, was vielleicht etwas schade, aber im Grunde absolut vernachlässigbar ist.

Das Bemühen, auch um sprachliche Authentizität, gibt dem Ganzen nochmal ein ganz besonderes Flair.

Gerade bei übersetzen Büchern ist es stets äußerst schwierig gerecht und objektiv zu werten, hat der Übersetzer einen nicht unerheblichen Anteil daran, welche Qualität von Stil und Sprache vom Autor transportiert werden. Um da exakt urteilen zu können, müsste man jedoch stets auch das Original gelesen haben, das wohl selten der Fall ist. Tatsache bei diesem Buch jedoch ist, dass man der Übersetzerin Uda Strätling Respekt zollen muss, hat sie dieses Werk doch in einer Weise übersetzt, die das Lesen zum Vergnügen macht.

Dieses Buch ist ein kleines Einod, sowohl sprachlich als auch stilistisch. Es spielt in diesem Fall keine Rolle, dass Nietzsche und Breuer sich nie begegnet sind, denn alleine die hypothetische Annahme, dass dem so gewesen sein könnte, macht es zum Vergnügen, den beiden großartigen Männern, dem Arzt und – heute würde man sagen, Psychologen – Breuer, und dem Philosophen Nietzsche, bei ihren Gesprächen lauschen zu dürfen.

dsl, April 2012

 

Ihre Meinung zu »Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte«

Ferdinand Kiefer zu »Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte«13.03.2016
Ich kann der Rezensentin/dem Rezensenten nur in allen Punkten zustimmen. Ich musste auch zuerst nachschlagen, ob Breuer Nietzsche tatsächlich behandelt hat. Wie immer der Sprachstil des Originals sein mag, hat die Übersetzerin die gehobene Sprache der Gebildeten des Fin de Siècle, wie sie auch in den Schriften Freuds zu finden ist, sehr gut transportiert. Ich höre derzeit das Buch als Hörbuch, gelesen von einem sehr angenehmen Sprecher (Markus Pfeiffer) – ein Genuss.
Bernd Reichenbach zu »Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte«14.09.2014
Nachdem ich "Das Spinoza-Problem" vom selben Autor gelesen hatte, war ich auf"Und Nietzsche weinte" sehr gespannt. Ich wurde nicht enttäuscht!!! Auch wenn es fiktive Treffen sind, so sind sie doch sehr glaubwürdig und tiefgründig. Breuer, Freud und Nietzsche erscheinen eben nicht nur als Arzt, Forscher oder Denker sondern als ebenfalls verwundbare, zweifelnde, von Ängsten heimgesuchte Zeitgenossen.
Irvin D. Yalom läßt seine ganze Erfahrung aus der Psychotherapie in den Roman einfließen. Nach und nach beginnen die Selbst- und Fremdbilder beider Protagonisten zu wanken. Dr. Breuer aber auch Friedrich Nietzsche verändern sich, öffnen die Schutzschilde und ein mehrfacher Rollentausch zwischen "Arzt" und "Patient" findet statt. Wenn es dann noch möglich ist, bei Sigmund Freud in einen Trancezustand zu verfallen und ein alternatives Leben durchzuspielen,was will man mehr!
Meine Antwort auf das Buch? Mehr Irwin D. Yalom
tedesca zu »Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte«17.01.2013
ein faszinierendes Buch in mehrerlei Hinsicht!

Einerseits hat es der Autor wirklich geschafft, mich für das philosophische Werk Nietzsches zu interessieren und andererseits hat er mit der fiktiven Geschichte Breuers und seiner Krise mein Herz berührt. Diese Fragen nach dem eigenen Leben, die man sich wahrscheinlich öfter stellt, aber ganz sicher in der ungefähren Lebensmitte.Und auch der Hass des Philosophen auf die Frauen wird plötzlich transparent, letztendlich kann man ihn nur bedauern, den armen Kerl. Kein Wunder, dass er weint! Unterhaltsam, spannend, berührend und inspirierend, würde ich zusammenfassend sagen. Und motivierend, vielleicht doch einmal zu einem philosophischen Werk Nietzsches zu greifen, wo ich doch so in der Belletristik verhaftet bin...
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