Interview mit Christopher Ecker

»Der Held ist ein reiner, sein Ich durch Alkohol betäubender Befehlsempfänger.«

Ein willenloser Protagonist, mit dem man sich schwer tut und dessen Welt man nicht leicht durchschaut. Christopher Ecker spricht im Interview mit Sebastian Riemann über sein neues Buch, dessen Herausforderungen und düsteren Tiefen.

Belletristik-Couch: Herr Ecker, Der Bahnhof von Plön ist ein ganz besonderes, ein ungewöhnliches Buch. Es überschreitet Genre-Grenzen und fordert die Vorstellung des Lesers heraus, mitunter verwirrt es. Worauf lässt sich der Leser ein, wenn er es in die Hand nimmt?

Christopher Ecker: Auf Passagen wie diese: »Der Kormoran sitzt auf dem Felsen und trocknet seine Flügel. Es ist zwar, wie mir mein Verstand sagt, niemals derselbe Vogel, aber nach wie vor sitzt jedes Mal, wenn mich ein Spaziergang an die Orte meiner Kindheit führt, ein Kormoran auf dem dreieckigen Felsen, der vor Jellenbek aus der Bucht ragt. Die Zeit verstreicht, die Darsteller wechseln, aber das Stück ändert sich nie.«

Belletristik-Couch: Das Unerklärliche und Unergründliche gibt dem Buch seine besondere Tiefe und Atmosphäre, es vermag manchmal einen mystischen Schleier über das Geschehen zu legen. Das ist nicht ganz neu in ihren Geschichten. Auch in ihren anderen Büchern spielt dieses Element eine Rolle. Was ist diesmal anders?

Christopher Ecker: Das Buch ist erheblich düsterer als meine bisherigen Romane. Der Held ist ein reiner, sein Ich durch Alkohol betäubender Befehlsempfänger. Viele Leser kommen schwer über die ersten Seiten hinweg, weil da Dinge beschrieben werden, mit denen sich viele Menschen ungern beschäftigen, die aber dennoch ein Bestandteil unserer Welt sind, gerade unserer deutschen Geschichte. Das, was Sie als mystischen Schleier bezeichnen, ist mein Versuch, die Zeitlosigkeit und letztlich Ortlosigkeit der geschilderten Ereignisse herauszuarbeiten.

Belletristik-Couch: Welchen Reiz hat es für Sie als Schriftsteller, den Leser im Vagen zu lassen?

Christopher Ecker: Das Vage ist eine realistische Spiegelung der Welt in die Literatur hinein. Mal ehrlich: Es gibt doch keine Antworten auf die Frage, die unser Leben ist und aufwirft! Nur in der Schundliteratur gibt es befriedigende Klarheit in Form von Pointen oder Lösungen.

Belletristik-Couch: Die Welt im Buch hat zwei Arten von Bewohnern. Zum einen gibt es »normale« Personen, zum anderen die Figuren, um die sich die Geschichte dreht. Sie haben einen anderen Ursprung, eine andere Vergangenheit. Im Alltag sind sie jedoch nicht von den »normalen« Personen zu unterscheiden. Sind es zwei Arten von Personen oder sind die einen einfach interessanter und exotischer als die anderen?

Christopher Ecker: Es ist noch viel schlimmer. Mein Ich-Erzähler erhebt sich durch diese womöglich private Mythologie über seine Mitmenschen, eine Abgrenzung, welche die Folge seiner Krankheit ist.

Belletristik-Couch: Der Protagonist des Romans ist eine Figur, die sich leicht von anderen instrumentalisieren lässt. Warum lässt er das mit sich machen?

Christopher Ecker: Weil der Mensch ungerne selbst denkt und sich bereitwillig Autoritäten beugt. Selten lehnt sich jemand gegen das auf, was andere von ihm zu tun erwarten. Ich habe mich als Vorbereitung für meine Hauptfigur eingehend mit Eichmann beschäftigt. Mehr möchte ich nicht preisgeben, aber dies deutet schon auf eine extrem politische Lesart hin …

Belletristik-Couch: Der Protagonist halt sich an Routinen fest, auch wenn sie grausam und sinnlos sind. Ohne Routinen verfällt er in einen selbstzerstörerischen Trott. Halten Routinen das Dasein zusammen?

Christopher Ecker: Das ist wohl so, wobei die Routine umso wichtiger wird, je schlechter es einem geht. Routinen funktionieren als eine Art Exoskelett, das einem das Denken und Entscheiden abnimmt, und das macht Routinen so gefährlich. Bezeichnenderweise ist es ein wesentliches Kennzeichen von diktatorischen Systemen, die Bürger in Routinen zu ersäufen, damit sie die Autorität nicht in Frage stellen, beziehungsweise das Hinterfragen allmählich verlernen.

Belletristik-Couch: Im »Bahnhof« gibt es Trolle und andere fantastische Figuren, die man zuerst nicht erwartet. Wie kam es dazu?

Christopher Ecker: Nun, das liegt – ich bin mal ganz vorsichtig – vielleicht an den neurologischen Problemen meines Ich-Erzählers. Man achte auf die Geräusche des Kernspintomographen!

Belletristik-Couch: Das Gemälde »Das Floß der Medusa« von Théodore Géricault spielt eine wichtige Rolle im Roman. Spielte es auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung, beim Schreiben des Romans? War es vielleicht ein Bezugspunkt für die Geschichte?

Christopher Ecker: Géricaults Gemälde thematisiert die Ereignisse nach dem Schiffbruch der Fregatte Méduse. Diese lief am 2. Juli des Jahres 1816 vor der afrikanischen Küste auf Grund. Von den fast 150 Schiffbrüchigen, zurückgelassen unter anderem vom Kapitän auf einem stümperhaft zurechtgezimmerten Rettungsfloß, überlebten nur fünfzehn. Und sie überlebten als Kannibalen und vermutlich als Mörder. Aber was geschah wirklich auf diesem Floß, nachdem der Ruf über das Wasser geschallt war: »Na los! Abandonnons-les! Lassen wir sie im Stich!« – was geschah wirklich in den darauffolgenden Tagen und Nächten auf dem steuerungslosen Floß, wo den Schiffbrüchigen das Wasser bis zur Hüfte stand und Hunger und Durst immer schriller unter ihren vom Sonnenball wie Tongefäße im Ofen gehärteten Schädeldecken krakeelten? Der letzte Satz war natürlich ein Zitat aus meinem Buch. Diesem wirklichen Geschehen, also den Ereignissen auf dem Floß, spüre ich nach. Und natürlich werden die fürchterlichen Geschehnisse auf dem Floß als Metapher auf das menschliche Miteinander betrachtet und spiegeln somit im Kleinen die eigentliche Handlung des Romans. Zivilisation ist ein leicht zerbrechliches Konstrukt. Aber das sehen wir ja jeden Tag in den Nachrichten!

Belletristik-Couch: Wie entstand die Idee zum Der Bahnhof von Plön?

Christopher Ecker: 2008 reiste ich nach New York, um an einem Memorial des Dichters Tom Disch teilzunehmen, der sich am Unabhängigkeitstag erschossen hatte. Bei dem Aufenthalt wohnte ich in einem entsetzlichen Hotel, das ein ehemaliges Laufhaus war – vielleicht sogar noch heute immer eins ist. Mein Zimmer war fensterlos, die Tür schloss nicht, die Toilette war übergelaufen. Und plötzlich wusste ich, dass in diesem Hotel ein Roman beginnen musste. Und irgendwie sollte, auch das wusste ich plötzlich, dieses Buch mit Géricaults Gemälde »Das Floß der Medusa« zu tun haben, das ich kurz zuvor im Louvre gesehen hatte. Und so machte ich mich an die Arbeit, wohl wissend, dass der Roman, den ich zu schreiben beabsichtigte, viele Leser vor eine große Herausforderung stellen würde.

Belletristik-Couch: Arbeiten Sie an einem neuen Projekt?

Christopher Ecker: Ja. Im Herbst 2017 erscheint im Mitteldeutschen Verlag ein neues Buch. Es heißt Andere Häfen und enthält 87 kurze Geschichten. Darunter zwar auch die eine oder andere, die manchen Leser verschrecken könnte. Aber insgesamt ist das neue Buch weitaus zugänglicher als Der Bahnhof von Plön, der viele Leser schockiert hat.

Belletristik-Couch: Herr Ecker, vielen Dank für dieses Interview, für ihre Zeit und Mühe.

Das Interview führte Sebastian Riemann im März 2017.