Schnellübersicht der aktuellen Belletristik-Couch

Die Welt im Rücken von Thomas Melle

Aktuelle Empfehlung: Die Welt im Rücken

Die Welt im Rücken schleift den Leser schonungslos durch die Hölle eines manisch Depressiven. In einem Tempo, das zwischenzeitlich schwer auszuhalten ist. Dann etwa, wenn der Leser vor Melle erkennen muss, dass da etwas nicht stimmt. Der Hacker-Angriff auf das Hirn den Zenit erreicht. Wenn er im Wahn Wohnungen zerlegt, sein Hab und Gut auf Berliner Hinterhöfe schleudert, sich vom Wahn getrieben durch die Hauptstadt fantasiert – auf der Suche nach einer Party von Freunden, die es vielleicht gar nicht gibt.

Lyrik: Der wohltemperierte Leierkasten

Lyrik: Der wohltemperierte Leierkasten

Krüss ist ein Phänomen. Krüss ist bei den Dichtern in etwa das, was vielleicht Felix Mendelssohn Bartholdy bei den großen Klassikkomponisten ist. Jeder kennt den von ihm komponierten Hochzeitsmarsch, eines der mit am häufigsten gespielten Klassik-Stücke, aber gefragt nach dem Komponisten, zucken die meisten mit den Schultern. Kaum ein Deutschkurs kommt ohne Krüss aus: Sei es seiner Wortakrobatik wegen, wie sie eben in "Das Feuer" zu Geltung kommt, jeder sehen kann, wie das Feuer zu brausen beginnt, lodert, züngelt, tanzt, zuckt, brenzlig brutzelt – auch der Zynismus in Krüss' Zeilen ist es, der aufhorchen lässt und nachdenklich stimmt. Krüss ist alles andere als ein Schreiber für Kinderverse.

Lieblingsbuch: Die sieben guten Jahre

Lieblingsbuch: Die sieben guten Jahre

Etgar Keret ist ein Erzählakrobat mit ungewöhnlichen Fähigkeiten. Auf kleinstem Raum bringt er Geschichten, Anekdoten und Überlegungen unter, für die manch anderer große Bücher benötigt. So biegsam und wendig ist er, dass ihm meist eine Handvoll Seiten ausreicht, um einen Schwank aus seinem Leben zu erzählen und mehr zu sagen, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Dabei kommt er schnell zum Kern einer Erzählung, zu seinem zentralen Anliegen und hat doch noch Zeit dem Ganzen einen schwerelosen Schwung zu verpassen.

Weitere aktuelle Besprechungen auf der Belletristik-Couch:

Bella Germania von Daniel Speck

Bella Germania (Daniel Speck)

Eigentlich fährt Vincent nach Italien, um sich für seinen Arbeitgeber mit einem ungewöhnlichen kleinen Fahrzeug auseinander zu setzen. Die BMW darben, die Isetta könnte Abhilfe bringen – wenn sie denn hält, was sie verspricht. Um sich mit den Herstellern verständigen zu können braucht der junge Deutsche eine Dolmetscherin. Diese ist in der Person der Sekretärin Giulietta schnell gefunden. Die junge Frau zieht Vincent sofort in den Bann. Doch sie ist einem anderen versprochen. In den 50er Jahren ist dies ein ernsthaftes Hindernis. Von Rita Dell'Agnese

Die Zerbrechlichkeit der Welt von Kees van Beijnum

Die Zerbrechlichkeit der Welt (Kees van Beijnum)

Nachdem der zweite Weltkrieg endlich beendet war, war überall auf der Welt das Verlangen groß, die für das große Leid an der Menschheit verantwortlichen ausfindig zu machen und entsprechend zu bestrafen. Auch Rem Brink aus den Niederlanden, verheiratet und Vater von drei kleinen Kindern, wurde mit dieser großen, karrierefördernden Aufgabe betraut und vom Außenministerium zu den sogenannten "Tokioter Prozessen" geschickt, wo er mit einem internationalen Richterteam über die japanischen Kriegsverbrecher urteilen soll. Zunächst freut er sich noch über die gewichtige Aufgabe, für die er auserwählt wurde. Doch je weiter die Prozesse fortschreiten, desto mehr erkennt er, dass Gerechtigkeit durch die persönlichen Interessen seiner Kollegen beeinflusst wird. Von Kathrin Plett

Zärtlich von Belinda McKeon

Zärtlich (Belinda McKeon)

Endlich raus aus der irischen Provinz und rein ins Abenteuer der Stadt Dublin! Sowohl Catherine als auch James teilen die gemeinsame Herkunft, als sie sich zu Beginn ihres Studiums kennenlernen. Für beide ist direkt klar: Sie sind Seelenverwandte, haben ähnliche Ideale und Vorstellungen, sodass sie sich blind verstehen. Während Catherine Literaturwissenschaft studiert, will James Fotograf werden. Doch einen großen Unterschied gibt es zwischen den beiden: Für Catherine stehen alle Türen offen, sie blüht auf und will so viel wie möglich vom Leben mitnehmen. James tut sich schwer, er ist homosexuell und sieht keine Möglichkeit in seiner aktuellen Umgebung zu seiner Sexualität zu stehen und sich zu outen. Von Kathrin Plett

Ich verkaufe dir einen Hund von Juan Pablo Villalobos

Ich verkaufe dir einen Hund (Juan Pablo Villalobos)

In einem alten Mietshaus in Mexiko-Stadt leben mehrere Rentner und Pensionäre, die sich ihre Zeit mit der Lektüre hochtrabender Literatur vertreiben. Sie sitzen im Treppenhaus auf billigen Plastikstühlen, auf denen das Logo einer großen Bierbrauerei zu erkennen ist, und lesen gemeinsam in Büchern, die so groß und schwer sind, dass sie kaum bewegt werden können. Es handelt sich um einen Klassiker der mexikanischen Literatur, den Palinurus von Fernando del Paso, ein richtig dicker Schinken. In ihm lesen sie tagein und tagaus. Von Sebastian Riemann

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