Schnellübersicht der aktuellen Belletristik-Couch

Die Vegetarierin von Han Kang

Belletristisches Buch des Monats Oktober: Die Vegetarierin

Yong-Hye ist eine unscheinbare Frau. Stets ist sie ruhig, in sich gekehrt, freundlich und zurückhaltend anderen gegenüber. Temperament und Leidenschaft scheinen ihr völlig zu fehlen. Den meisten Menschen fällt sie nicht auf, sie macht, was man von ihr erwartet und nicht mehr. An Alltäglichkeit und Langeweile war sie nicht zu überbieten, das erkannte auch ihr Mann, der sie aufgrund dieser grauen Eigenschaft heiratete und sich ein gemütliches, eintöniges Eheleben vorstellte mit seiner schweigsamen Frau ohne persönliche Interessen. Jedoch kam der Moment, da er erkennen musste, dass letztendlich er selbst der größere Langweiler war als seine Frau, die plötzlich die Entscheidung fasste, ihr Leben zu ändern. Zuerst glaubte er, sie folge einer Modeerscheinung, und das Ganze werde sich bald wieder legen.

Graphic Novel: Jäger und Sammler

Graphic Novel: Jäger und Sammler

Wenn die Wege, die Menschen im Laufe eines Jahres gehen, durch bunte Linien auf einer Karte dargestellt würden, würde ein sehr farbenfrohes Bild aus lauter sich überschneidenden und kreuzenden Linien entstehen, die nicht mehr zu unterscheiden wären. Cyril Pedrosa hat sich einige dieser Linien ausgesucht und begleitet diese Personen, deren Linien sich mal mehr, mal weniger bewusst im Laufe dieses Jahres kreuzen. Egal ob sie Louis, Pauline, Vincent oder Camille heißen, Rentner, Gymnasiasten, Kieferorthopäden, Zeitarbeiter, jung oder alt sind. Alle haben eine Gemeinsamkeit, die die Menschen schon seit Urzeiten verbindet: Sie sind auf der Suche nach Halt, nach Sinn, nach einem Weg aus der Einsamkeit. Cyril Pedrosa entwirft ein Kaleidoskop aus episodischen Momentaufnahmen und fängt die Seelenzustände seiner Charaktere in besonderen Situationen ein.

Belle vor 5: Schoßgebete

Belle vor 5: Schoßgebete

Vor fünf Jahren unser Buch des Monats: Charlotte Roches zweiter Roman nach ihrem kontrovers diksutierten Debüt Feuchtgebiete. Mit Schoßgebete hat sie unseren damaligen Chefredakteur überrascht und überzeugt und eine klare Leseempfehlung abseits des Rummels um ihre Person kassiert.

Weitere aktuelle Besprechungen im Oktober auf der Belletristik-Couch:

Samir, genannt Sam von Mano Bouzamour

Samir, genannt Sam (Mano Bouzamour)

Die Erzählung folgt Samir, genannt Sam durch die sieben Jahre Gymnasium. Sam ist der Sohn marokkanischer Einwanderer in den Niederlande und wohnt mit seinem Eltern und seinem Bruder im Stadtviertel De Pijp, und "in de Pijp sind wir heiss". Sams grosser Bruder ist sein grosses Vorbild, denn er hat alles: einen Job beim Sushiladen, einen Roller, Erfolg bei den Mädchen, einen besten Freund und traut sich ziemlich viel, was Sam imponiert. Als könne man alles haben - sogar einen Flügel. Bis Sams Bruder noch vor dem Beginn des Gymnasiums verhaftet wird und ausgerechnet sein bester Freund ihn verpfeift. Von Claire Schmartz

So wie die Hoffnung lebt von Susanna Ernst

So wie die Hoffnung lebt (Susanna Ernst)

Katie und Jona kennen sich schon seit Kindertagen. Beide mussten einen schweren Schicksalsschlag verkraften und lebten gemeinsam mit anderen Kindern in einem Heim für traumatisierte Mädchen und Jungen. Katie landete dort, nachdem ihr Vater ihre restliche Familie in ihrem Beisein erschossen und nur sie übrig blieb. Jona wurde nach dem Unfalltod seiner Eltern dort untergebracht. Als sich die beiden, damals neun und zwölf Jahre alt, kennenlernen, spricht Katie nicht. Seit jener Horrornacht leidet sie unter Mutismus. Doch Jona gibt nicht auf. Mit viel Einfühlungsvermögen und seinem Talent für die Malerei gelingt es ihm zu Katie durchzudringen. Mit den Jahren wird aus ihrer geschwisterlichen Freundschaft Liebe. Von Kathrin Plett

Memory Wall von Anthony Doerr

Memory Wall (Anthony Doerr)

Alma ist nicht nur alt, sie leidet auch an fortschreitender Demenz. In ihrem Haus in Kapstadt gibt es eine große Zahl von Kassetten, auf denen die Erinnerungen Almas zu finden sind: Auf die Kassetten kopiert nach einem Spezialverfahren. Damit soll das Gedankengut der alten Dame erhalten bleiben. Auf einer der Kassetten befindet sich auch die Erinnerung an einen besonderen Fossilien-Fund, den Almas Mann kurz vor seinem Tod in der Karoo-Wüste machte und der bahnbrechend sein könnte. Genau diese Kassette will der Gauner Roger haben. Er bedient sich eines Waisenjungen, Luvo, um in den Besitz der Erinnerungen Almas zu kommen und das Fossil zu bergen. Luvo soll die Kassetten durchforschen und die eine zu Roger bringen. Von Rita Dell'Agnese

Verdrehte Zeit von Wlodzimierz Odojewski

Verdrehte Zeit (Wlodzimierz Odojewski)

Früher war Roman ein Widerständler. In der Zeit des zweiten Weltkrieges, da die Deutschen Polen besetzt hatten und die Bevölkerung unterdrückten, ausbeuteten und umbrachten. Er war Mitglied einer kleiner Spezialeinheit, die in Warschau operierte und den deutschen Besatzern das Leben schwer machen sollte. Im Geheimen lebte er, traf sich mit den anderen und plante die Aktionen. Mitunter waren es hochkarätige Aufträge, die sie ausführten, von großer Bedeutung und weitreichenden Auswirkungen. Geheimhaltung war dabei die erste Devise, da die Spitzel und Handlanger des fremden Regimes überall lauerten, ständig die Augen und Ohren offen hielten, um die nächste Aktion des Widerstandes vorauszuahnen und im Keim zu ersticken. Mit viel Einfühlungsvermögen und Liebe für Details schreibt Odojewski über eine Unmöglichkeit, die doch Realität wird und letztlich nicht so schwer zu verstehen ist. Sein Protagonist Roman führt ein einfaches, ruhiges Leben und glaubt seine Vergangenheit weit von sich, muss sich aber mit einem Mal einer Verantwortung stellen, die er glaubt, nicht in seinem Kopf und Gedächtnis finden zu können. Von Sebastian Riemann