Nussschale von Ian McEwan

Buchvorstellungund Rezension

Nussschale von Ian McEwanNussschale von Ian McEwan

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel Nutshell, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Diogenes.

Bibliographische Angaben

  • London: Jonathan Cape, 2016 unter dem Titel Nutshell.288 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2016.Übersetzt von Bernhard Robben.ISBN: 978-3-257-06982-2.288 Seiten.
  • [Hörbuch] Zürich: Diogenes, 2016.Gesprochen von Wanja Mues.ungekürzte Ausgabe.ISBN: 3-257-80376-1.4 CDs.

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In Kürze:

Eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und das Kind, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. Aber so, wie Ian McEwan sie erzählt, hat man diese elementare Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend, fesselnd, philosophisch – eine literarische Tour de force von einem der größten Erzähler englischer Sprache.

Das meint Belletristik-Couch.de: »So jung und schon so viele Sorgen«83

Rezension von Sebastian Riemann

Das Kind ist nicht von schlechten Eltern und doch sind seine Eltern schlecht, sehr schlecht sogar. Sie lieben ihn nicht, kümmern sich nicht um ihn. Am liebsten würden sie auf ihn verzichten. Der Kleine reift im Bauch seiner Mutter heran, wächst und gedeiht. Er entwickelt sich prächtig. Nur seine Eltern interessiert das nicht. Meistens bemerken sie ihn nicht, da sie zu sehr mit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind und überhaupt wenig übrig haben für die Idee der Familie. Mutter und Vater leben getrennt, doch das ist nur der Anfang des Problems. Während der heranwachsende Sohn an Größe gewinnt, denkt der Vater nur an seine Gedichte und seinen Verlag für junge Poeten, die Mutter wird zur Mörderin und will meistens die trüben Gedanken in frischen, leichten Weinen ertränken. Das ist das wahre Problem für den Kleinen. Außerdem planen die Mutter und ihr neuer Liebhaber, ihn loszuwerden, sobald er das Licht der Welt erblickt und Forderungen an sie stellt, die sie nicht erfüllen wollen, weil sie schlechthin keine Kompromisse machen und sich auf ein Kind einlassen wollen. Es passt ihnen nicht in den Plan, den sie beim Essen und Wein ausgearbeitet haben. Vielmehr wollen sie sich absetzen und das gute Leben genießen, das sie sich vorstellen. Vorher muss nur das Problem mit dem Vater des Kindes gelöst werden.

Der Junge im Bauch seiner Mutter ist ungewöhnlich begabt, seine Sinne sind außerordentlich gut entwickelt und der Verstand ist seinem Körper viele Jahre voraus. Der Junge ist noch nicht auf der Welt und schon Erzähler des vorliegenden Romans. Er berichtet dem Leser, was geschieht und was er wahrnimmt. Die feinsten Regungen des mütterlichen Körpers bemerkt und versteht er, hört, was sie hört, und nimmt teil am Leben. Eingreifen in das Geschehen kann er nicht, nur hin und wieder gegen die Wände treten, die ihn umgeben und ihm allmählich zu eng werden. Da die Mutter oft und gerne Podcasts hört, ist der Junge auch überraschend gebildet, er kennt sich in der Geschichte aus und kann auch über Kunst sprechen, auch wenn ihm noch die motorischen Fähigkeiten fehlen, um überhaupt zu sprechen. Außerdem ist er ein beachtlicher Weinkenner. Verschiedene Trauben kann er unterscheiden und in Hinblick auf ihre Kombination mit dem Essen beurteilen. Das entsprechende Wissen resultiert nicht aus einem Podcast, den seine Mutter hörte, sondern aus den unzähligen Weinen, die sich die gute und gut aussehende Frau gönnt, während sie hochschwanger ist und sich zunehmend in die Planung eines Mordes einbindet.

Mit Sorgen muss sich der Kleine herumschlagen, um sein zukünftiges Leben zu sichern. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf und immer mehr sieht er sich ins Hintertreffen geraten, da ihn niemand wohlwollend in die Pläne einbezieht. Da kann er meist nicht entscheiden, wen er weniger mag, seinen uninteressierten Vater oder seine unachtsame Mutter. Keiner von beiden will ihm einen Platz im Leben zuweisen, an Familienleben ist überhaupt nicht zu denken. So schwanken seine Sympathien hin und her, er verteufelt einmal die Weltfremdheit des Vaters, der doch eigentlich ein guter Mensch und dem Sohn wichtig ist, ein andermal hat er nur böse Worte für die Mutter über, die ihn doch ernährt und sein ein und alles ist.

Ian McEwan erzählt mit großer Leichtigkeit vom Leben im Bauch. Sein Sprache ist einfach und elegant zugleich, vermag dem Leser diese ungewöhnliche Wirklichkeit der pränatalen Welt nahe zu bringen, die dem Buch seinen besonderen Charakter verleiht. Den Organismus der Mutter hört man arbeiten und verarbeiten, ihren Puls ansteigen oder abklingen. Zwischen den Dialogen der Erwachsenen, die ihren eigenen, mitunter finsteren Plänen nachgehen, nimmt man teil an den Reflexionen des ungeborenen Jungen, an seinen Ängsten und Hoffnungen. Dabei sind die Urteile über seine Eltern und den Liebhaber seiner Mutter besonders unterhaltsam. Mit viel Witz und Finesse wird diese Geschichte erzählt, wird diese aberwitzige Situation bis zum großen Finale durchgespielt und unterhält den Leser derart, dass er dabei mitunter sein Glas Wein vergisst und sich in den Sorgen und Gedanken des Ungeborenen verliert.

Sebastian Riemann, April 2017

Ihre Meinung zu »Ian McEwan: Nussschale«

Sagota zu »Ian McEwan: Nussschale«28.12.2016
"Nussschale" von Ian McEwan erschien (gebunden) im Diogenes Verlag (2016). Das Cover wird von Frauenbeinen geziert, die sich lasziv in die Kissen recken; allerdings ist der Romaninhalt ein anderer...
Es handelt sich um anspruchsvolle, intelligent geschriebene Literatur mit ausgewählten, prägnanten Formulierungen, die kritisch auf den Punkt gebracht wurden. Übersetzt wurde "Nutshell" im Original aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Als Ich-Erzähler macht sich ein UNGEBORENER (Junge) von Beginn seiner Entstehung im Mutterleib an Gedanken über das, was ihn wohl 'draußen' erwartet: Die Mutter (Trudy) hört gerne Radio, besonders gerne mag sie podcasts, Biografien und Moderation, die ER immer mithört, worin bereits der erste trockene britische Humor im wahrsten Sinne des Wortes 'keimt'.Beide, also ER , der Ungeborene und seine Mutter Trudy bewohnen ein altes Haus in einem vornehmeren Stadtteil Londons, das dem leiblichen Vater (John) gehört: Da Trudy "Raum braucht", trennte sie sich von John, hat jedoch einen Liebhaber, der hier eine stupide, einfalls- und farblose Rolle spielt (Claude); zudem kommt er IHM, dem Ungeborenen, in seiner Schutzhülle zuweilen gefährlich nahe...
Ian McEwan benutzt eine unglaubliche Perspektive des Erzählens 'aus dem Bauch heraus', die er trotz einiger sozialkritischer Themen und realen Bezügen zu diesem Planeten gekonnt in stakkatohaftem Stil mit herrlich britisch-trockenem Humor zum Ausdruck bringt.ER, der Ungeborene überlegt also, ob er schon einmal die Nabelschnur mit Betperlen vergleichen sollte in der Hoffnung, dass trotz dem Zustand der Welt (und dem, was womöglich auf ihn wartet) alles noch irgendwie gut ausgehen könnte...
Da der leibliche Vater im Wege ist, beschließen Trudy und Claude, sich dessen zu entledigen und schmieden ein Mordkomplott, was im Ungeborenen noch mehr Fragen aufwirft: Die Gespräche, die er mitanhört, haben eindeutig kriminellen Charakter (und ihm entgeht nichts). Wie sich herausstellt, ist John doch nicht so naiv, wie er sich seinen leiblichen Vater vorstellte und der aus dem Haus geworfene singt gar ein Loblied auf die zu Ende gegangene Liebe zwischen ihm und Trudy, woraufhin Claude und Trudy zurecht verdattert reagieren. Nun ist Eile geboten: Ob das Vorhaben, ihn aus dem Weg zu räumen, gelingen wird?
Der Ungeborene ist solcherart entsetzt über das skrupellose Vorhaben der beiden, dass er überlegt, mittels der Nabelschnur seinem noch nicht begonnenen Leben selbst ein Ende zu setzen; entscheidet sich letztendlich jedoch für sein Anrecht auf Leben, will er doch 2099 mit einem Tanz ins neue Jahrhundert swingen: Die philosophischen, aber auch realen Betrachtungen, wie sich die Welt und die Menschheit bis zum 22. Jhd. weiterentwickeln wird, sind sehr aktuell und geben zu denken...
Wie sich später herausstellt, ist es wie im Leben: Nicht alles ist, wie es scheint und einige Äußerungen Trudys entbehren jeglicher Grundlage, bringen sie jedoch in 'vermeintliche' Sicherheit. Währenddessen sinniert ER, der Ungeborene, was womöglich am besten für ihn sei und ihm das Liebste; zur gleichen Zeit läuft eine Radiosendung, die er zum alten Europa beeindruckend klar und kritisch überdenkt - köstlich!
Während zwei Hauptprotagonisten schleunigst ihre Koffer packen, kündigt sich indessen das Wunder der Geburt an - etwas zu früh, oder gerade zum richtigen Zeitpunkt? ;)

Fazit:
Ein eindringlicher, brillant geschriebener Roman, in dem sich trockener britischer Humor zuweilen Bahn bricht und der eine witzige Idee, die Ich-Erzählung eines Ungeborenen, fabelhaft umsetzt: Ein unglaublicher Roman, philosophisch, bissig, witzig, zuweilen sehr gesellschaftskritisch und eine Reflexion über die Spezies "Mensch" aus ungewöhnlicher Sicht eines Fötus. Mir hat der Stil sowie der Romaninhalt des renommierten britischen Autors sehr gut gefallen, daher vergebe ich 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.
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