Die Finkler-Frage von
Buchvorstellung und Rezension
Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel The Finkler question, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei DVA.
Bibliographische Angaben
- London: Bloomsbury, 2010 unter dem Titel The Finkler question. 307 Seiten.
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München: DVA, 2011.
Übersetzt von Bernhard Robben.
ISBN:
978-3421045232. 436 Seiten.
'Die Finkler-Frage' ist erschienen als
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In Kürze:
Julian Tresloves Leben ist ein Scherbenhaufen. Gescheitert als Redakteur der BBC, gescheitert in seinen Beziehungen zu Frauen, gescheitert als Vater seiner zwei Söhne. Eines Abends wird Treslove Opfer eines Überfalls und glaubt zu hören, wie die Angreiferin ihn als Juden beschimpft – und ist auf perverse Art glücklich. Endlich gehört er irgendwo dazu. Was nur werden seine beiden Freunde zu diesem Gesinnungswandel sagen? Beide sind Juden und wären es lieber nicht …
Das meint Belletristik-Couch.de: »Ich Jud ich«
Rezension von Wolfgang Franßen überspringen
Julian Treslove hat es nicht leicht. Bei der BBC ist er nicht glücklich und auch als stellvertretender Direktor eines neuen Kulturfestivals an der Südküste eine Fehlbesetzung. Dabei ist er gut gekleidet, auch wenn er sich manchmal fragt: im Stil von wem?
Von zwei Frauen hat er zwei Söhne, die lange Zeit nichts voneinander wissen, weil Julian gerne überlappende Freundinnen voneinander fernhält. Natürlich dürfen wir von einem solchen Vater nicht erwarten, dass er sich mit den Namen seiner Söhne, mit deren Alter auskennt. Das Auskommen mit den Müttern ist schon schwierig genug. Vor allem, nachdem der Zufall es will, dass sich seine Söhne kennenlernen, als sie sechs und sieben sind. Und nicht nur die Söhne, auch die Mütter, die von da an ein gemeinsames Thema haben: Julian Treslove, den Liebhabern von Opern, dem Brad-Pitt-Doppelgänger, dessen zwei besten Freunde jüdische Witwer sind.
Wir wollen also nicht behaupten, dass Julians Leben langweilig ist. Doch dem nicht genug. Julian wird eines Nachts überfallen. Ein Raub. Treslove verliert nicht nur sein Hab und Gut, er wird jeglicher Achtung vor sich selbst beraubt, wenn er denn je welche besessen hat. Ausgerechnet eine Frau drückt ihn so fest gegen eine Scheibe, dass seine Nase bricht. Eine Frau …so was kann man doch nicht zugeben. Schlimmer noch, er glaubt, zwei Worte verstanden zu haben, die er in allen Varianten durchspielt: »you jewel«, »you jules« und schließlich »you jew« – »du Jud!«
Dem 1942 in Manchester geborenen Howard Jacobson gelingt in seinem 2010 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman »Die Finkler-Frage« ein wahrhaft amüsanter Salto Mortale. Da fragt sich sein Held, je verwirrter er auf den Boden stampft, um Halt unter den Füßen zu finden, ob er nicht in Wahrheit ein Jude ist, und ist plötzlich nicht mehr davon abzubringen, dass er dem auserwählten Volk angehört. Ein sich verstoßen Fühlender begibt sich auf die Suche nach seiner Heimat, nach einer heimlichen Familie. Schlagartig erschreckt ihn sein Leben nicht mehr so sehr. Es scheint da einen Punkt zu geben, zu dem er hin hinsteuert, etwas, gegen das er sich unbewusst sein ganzes Leben lang gewehrt hat. Was womöglich an all diesen Unzulänglichkeiten, diesem Chaos in und außerhalb von ihm die Schuld trägt.
Mag der eine Witwer, sein Schulfreund Sam Finkler, sich auch über Julians neues Judentum lustig machen. Mag dessen Frau, die ihren Mann mit Julien betrügt, ihm auch unterstellen, eigentlich wolle Julian nur mit Finkler ins Bett, um ganz tief in ihm zu sein. Mag sich der zweite Witwer Libor Sevcik, noch so in seinem Schmerz über den Verlust seiner Klavier spielenden Ehefrau Malkie ausleben, Julian Treslove fühlt nach langer Abwesenheit wieder so etwas Ähnliches wie Glück in seinem Leben.
Der nächtliche Überfall, wirft natürlich mehr Fragen auf, als dass er Antworten bietet. Aber was nützt es die Antworten zu kennen, ohne herausgefunden zu haben, was man sich eigentlich fragt. Viele Menschen behaupten, dass das Leben ihnen immer wieder dieselbe eine Frage stellt, ohne dass sie ahnen, wie sie lautet. Treslove glaubt sie zu kennen. Obwohl alles in seinem Leben schiefgeht, ist es wie eine Befreiung. Geradeso, als habe er seine Bestimmung gefunden.
Ein Hauch von geistiger Anarchie, von lebensklugem Schalk begleitet Julian Treslove durch diesen amüsanten Roman, der vom anderen Ende her, die Frage stellt, was mache ich als Jud in dieser Welt, wie komme ich bloß darin zurecht. Vor allem wenn ich ein Christ bin. Manche Bücher schreiben sich aus einer winzige Idee – nennen wir sie ruhig Frage – wie von selbst. »Die Finkler-Frage« gehört zu den seltenen Büchern, bei denen die Leser einem Autor gleich unterstellen, dass den Roman zu schreiben, ihm unheimlichen Spaß bereitet haben muss.
Howard Jacobson ist ein intelligentes, literarisches Spiel mit der Selbstbespiegelung gelungen, das nicht in Kummer endet, vielmehr Liebe wie Glück für sich neu benennt und zurückerobert.
Und sei es, indem ein Christ sich in eine Jüdin verliebt.
Wolfgang Franßen, Februar 2012
