Dr. Murkes gesammeltes Schweigen von Heinrich Böll

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1958 bei Kiepenheuer & Witsch.

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1958.157 Seiten.
  • München: dtv, 1986.ISBN: 3423059206.94 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1987.ISBN: 3-462-01849-3.143 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1996.ISBN: 3-462-02581-3.103 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2000.ISBN: 3-462-02961-4.111 Seiten.
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2011.ISBN: 978-3866159273.160 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013.ISBN: 978-3-462-04580-2.160 Seiten.
    • [Hörbuch] Stuttgart: Klett, 1987.Gesprochen von Hilmar Thate u.v.a. Axel Corti, Henning Venske.ISBN: 312761330X.1 CDs.
    • [Hörbuch] Stuttgart: Der Hörverlag, 1995.Gesprochen von Hilmar Thate u.v.a. Axel Corti, Henning Venske.ISBN: 389584117X.1 CDs.
    • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2006.Gesprochen von Hilmar Thate u.v.a. Axel Corti, Henning Venske.ISBN: 3899408152.1 CDs.

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    In Kürze:

    Du guter Gott! Dr. Murke fristet sein Dasein als Redakteur einer großen Rundfunkanstalt. Im Moment beschäftigt er sich damit, aus dem Vortrag des bekannten Professors Bur-Malottke das Wort Gott durch jenes höhere Wesen, das wir verehren zu ersetzen. Murke ist am Ende. Doch er findet etwas, was ihm tiefe Befriedigung verschafft: Er sammelt, nur für sich und ganz privat, die Leerstellen auf den Bändern das große, wohltuende Schweigen.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Es wird nicht viel geschwiegen«95Treffer

    Rezension von Britta Höhne

    AbsatzDa sind diese kleinen, feinen Bücher, die es immer wieder zu lesen gilt, die, selbst wenn sie schon alt sind, nie an Aktualität verlieren. Sicher, die Sprache ist eine andere, die Medien auch, die darin vorkommen, wie Briefe etwa, Faxe oder gar Boten, die in der Not geschickt werden. Aber dennoch büßen sie nichts von ihrem Charme ein, von ihrem Witz und von der Kunst des Sprachgebrauchs: Heinrich Böll Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Erstmals erschienen 1958 und jetzt wieder. Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch hat den Klassiker der deutschsprachigen Literatur heraus gebracht – in der Aufmachung der Erstausgabe. Merkwürdig mutet lediglich an, dass – kaum das giftgrüne Cover geöffnet – folgendes steht: Auch als eBook. Willkommen Herr Böll in der neuen Welt!

    Fünf Kurzgeschichten des1917 in Köln geborenen Autors, hat das Buch zum Inhalt:  Doktor Murkes gesammeltes Schweigen, Nicht nur zur Weihnachtszeit, Es wird etwas geschehen, Hauptstädtisches Journal und Der Wegwerfer. Und in jeder dieses Geschichten zeigt der Autor großer Romane wie etwa »Billard um halb zehn«, »Ansichten eines Clowns«, »Gruppenbild mit Dame«, dass er auch die Kunst des Kurzen beherrschte. Seine Satiren sind perfekt. Sie strotzen voller Sprachkraft, voller Ideen und natürlich voller böllscher Zynismus.

    Angefangen mit Doktor Murke, der in einem Funkhaus arbeitet und verdonnert wird, die Ansprachen eines gewissen Professor Bur-Malottke zu überarbeiten. Denn: Der wenig sympathische Professor hatte in jener Nacht eine Eingebung, dass es ihm besser zu Gesicht stehe, ersetze er das Wort »Gott« durch die Formulierung, »jenes höhere Wesen, das wir verehren«. Murke ist nicht begeistert. Hört sich die zwei gut halbstündigen Aufnahmen an und beginnt zu schneiden. Schneidet Gott raus und das Schweigen. Schweigen auf Band nämlich, das sammelt er. Das hört er sich abends in Ruhe an und wird ruhig. Dabei wird zu wenig geschwiegen, meint er, drei Minuten Schweigen erst, nennt er sein Eigen.

    Der Professor leidet, kaum ins Studio gebeten, um eben jenen neuen Satz einzusprechen. Hat er doch die Kausalverschiebungen nicht bedacht. So benötigt Murke »zehn Nominative und fünf Akkusative, fünfzehnmal also: jenes höhere Wesen, das wir verehren.« Fehlen noch sieben Genitive, fünf Dative und ein Vokativ: »O du höheres Wesen, das wir verehren.«

    Der Professor indes kämpft um verlängerte Sendeminuten und hat sich überlegt, alle seine Aufnahmen überarbeiten zu lassen. Um die 110 Stunden Sendezeit!

    Die wohl bekannteste Geschichte in diesem Quintett ist zugleich auch die absurdeste. »Nicht nur zur Weihnachtszeit« beschreibt das Leiden einer Familie, die das ganze Jahr über Weihnachten feiern muss. 365 Tage das gleiche Zeremoniell. Geschmückter Weihnachtsbaum, Lieder singen, der Pastor ist zugegen und es wird Gebäck gereicht. Findet das Ritual nicht statt, schreit Tante Milla – und hört nicht mehr auf. So hat Tante Milla den Krieg auch nur registriert, »als eine Macht, die schon Weihnachen 1939 anfing, ihren Weihnachtsbaum zu gefährden«.

    Die Situation spitzt sich zu. Der Verschleiß an Weihnachtsbäumen, nebst Schmuck auch. Die Familie hält zusammen, am Anfang, dann beginnt einer nach dem anderen verrückt zu werden, Spekulatius-Phobien zu entwickeln oder Allergien gegen Weihnachtsbäume.

    Nur Tante Milla, 62 Jahre alt im zweiten Weihnachtsjahr, bleibt gelassen, plaudert mit dem eigens zum Fest engagierten Pastor und lässt es sich gut gehen.

    Böll spart nicht an Kritik. In keiner seiner kurzen Episoden. In keiner seiner Geschichten. Er macht die sinnlosen Kriege zum Inhalt, die Macht- und Geldgier der Oberen. Er stellt »kleine« Menschen in den Vordergrund, wie Doktor Murke oder den Wegwerfer, der eben nichts anderes macht, als weg zu werfen, was andere nicht mehr benötigen. Er sieht die Arbeit, die in jedem Prospekt steckt, in jedem Werbebrief. Ein einfacher Arbeiter vielleicht – aber ein kluger mit klugen Gedanken. Bei »Es wird etwas geschehen«, betritt ein Mann die Bühne, der von Natur aus eher dem Nachdenken und dem Nichtstun zugewandt ist. Beides keine guten Eigenschaften, um es zu einem gewissen Reichtum zu bringen. Am Ende der großartigen Geschichte wird er ein berufsmäßiger Trauernder, den es für Beerdigungen zu mieten gibt. Ein:

    »Beruf, bei dem Nachdenklichkeit geradezu erwünscht und Nichtstun meine Pflicht ist«

    Ein kleines, feines, giftgrünes Buch mit gewaltigem Inhalt.
    Einfach lesen.

    Britta Höhne, November 2013

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