Liebe Leserinnen und liebe Leser,

können Romane, Bücher die Welt verändern? Sie beeinflussen zumindest unser Bild und verdrehen unsere Meinungen, womöglich um 180°, weil wir alles um uns herum plötzlich mit anderen Augen betrachten. Wer T.C. Boyles »Wenn das Schlachten vorüber ist« gelesen hat, wird die Natur als etwas empfinden, das der Mensch in seinem Ordnungszwang, in seinem Behüten und Bewahren unweigerlich bedroht. Egal, ob staatlich verordneter Umweltschützer oder vom Saulus zum Paulus generierter Fanatiker T.C. Boyles Helden fühlen sich berufen, einzugreifen und die Natur nach ihrem Gusto zu schützen.

In den Writing Schools dieser Welt, den Ratgebern »Wie schreibe ich einen verdammt guten Roman« steht als Banner, als Heilscredo: Konflikt, Konflikt, Konflikt. Wenn wir lesen, fesselt uns vor allem das, was im Widerspruch steht, zum Drama führt. Selbst, wenn es wie bei Jaimy Gordon in ihrem preisgekrönten Roman »Die Aussenseiter« um ein Verkaufrennen geht, in dem die geschlossene Welt des Rennsports, der Pferdewetten eine Handvoll Versager zum Vorschein bringt, die nach dem großen Glück Ausschau halten. Auch hier werden Pferde in Startblocks gepfercht und dem Willen nach Platzierungen, nach Quoten unterworfen.

Dabei haben die Menschen schon genug mit sich selbst zu tun. Die, die man liebt, wie in Amy Sackvilles Roman »Ruhepol«, lieben einen nicht so zurück, wie man sich das von ihnen erhofft. Also flüchtet die sich in Tagträumen verlierende Julia in die Liebesgeschichte des Artikforschers Edward Mackley und seiner gescheiterten Nordpol-Expedition. Auch spielt die Natur eine Rolle, wenn auch weniger für das menschliche Sendungsbewusstsein. Romane wie Sherwood Andersons Klassiker »Winesburg. Ohio« sind ohne die amerikanische Weite oder Katherina Hackers »Eine Dorfgeschichte« ohne die deutsche Provinz nicht vorstellbar. Die Landschaft, die Natur prägt die Figuren. Diesmal allerdings umgekehrt.

Wir kommen weit herum, wenn wir lesen. Mit Michael Ondaatjes »Katzentisch« gar von Colombo nach London. Mit dem Schiff übers Meer zur eigenen Vergangenheit hin. Einer besseren Zukunft entgegen, auf der Flucht vor dem, was wir unser Leben nennen. Ondaatje hat diese Reise selbst unternommen, wenn auch der Roman nicht autobiografisch zu verstehen ist, sondern Fiktion bleibt. In diesem Monat steht nichts still in den Romanen, die die Belletristik-Couch für Sie ausgesucht hat. Selbst in der abgelegenen Welt eines Jón Kalman Stefánssons in »Der Schmerz der Engel« liegt sie in den Winternächten lautlos da, und es ist einzig und allein der Mensch, der für Unruhe sorgt.

So bleibt als Fazit aus den vielen Geschichten dieses Februars wohl nur die bittere Erkenntnis, dass der Mensch sich folgerichtig selber ausrotten wird, nachdem die natürlichen Feinde allesamt besiegt sind. Egal, ob erotisch aufgeladen wie in Anne Enrights »Anatomie einer Affäre«, oder mit sozialem Gewissen ausgestattet. Wir werden es schaffen, uns gegenseitig aufzufressen. Was nichts anderes bedeutet, als dass wir unserer Natur gehorchen. Trotz allem globalen Denken, trotz aller Aufklärung, trotz unser Nächstenliebe.

Davon zu lesen, kann aufregend sein. Für ein paar Stunden vergessen wir uns, die Natur, das Klima, die Salden auf den Konten und wissen genau, was die da in ihren Büchern hätten anders machen sollen, damit sie nicht erst gar nicht in eine solche Zwangslage geraten wären.

Das beruhigt kolossal.

 

Ihr

Wolfgang Franßen

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