Das Päckchen von Hohler, Franz

Buchvorstellungund Rezension

 deutsche Ausgabe erstmals 2017.ISBN-10: 3630875599, ISBN-13: 978-3630875590.

Bibliographische Angaben

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Rezension von Sebastian Riemann

Ernst ist eigentlich ein nüchterner, wohlüberlegter Mann. Er arbeitet als Bibliothekar und führt ein geregeltes Leben zusammen mit seiner Lebenspartnerin Jacqueline in der Nähe Zürichs. Die beiden kommen sehr gut miteinander aus, respektieren sich und geben einander genügend Freiraum. Sie geht schwimmen, um in Form zu bleiben, er macht hin und wieder eine Bergtour und isst beim Frühstück nur noch Knäckebrot anstatt Brot, damit er nicht unnötig zunimmt. Der Ton zwischen beiden ist freundschaftlich und routiniert. Übertriebene Leidenschaften gibt es nicht in ihrer Beziehung, dafür sind beide zu vernünftig und auch zu alt. Bieder und vielleicht auch langweilig, könnte man sagen. Aber dann geschieht es, das Unerwartete, das Unwahrscheinliche bricht in das langsame Leben von Ernst ein und wirft es durcheinander.

Doch wie kann ein Leben, wie Ernst es führt, nennenswert umgeworfen werden? Gerät der arme Bibliothekar in eine Katastrophe? Wird er gar Opfer eines Verbrechens? Nein, so dramatisch muss es nicht sein, um Ernst aus seiner Routine zu holen. Gewalt muss ihm nicht angetan werden. Mithilfe eines unglaublichen Zufalls – man könnte auch von magischem Realismus in Form Schweizer Telefonnummern und Zugpläne sprechen – tritt Ernst in Kontakt mit einer älteren Dame, die ihn um Hilfe bittet. Sie verwechselt Ernst, den Bibliothekar, mit einem anderen Ernst, von dem sie wohl Unterstützung in einer wichtigen Angelegenheit erwarten könnte. Jedoch erreicht sie den falschen Ernst, der sich nicht viel Mühe gibt, die Verwechslung aufzuklären, sondern sich kurz nach dem Telefonat mit der alten Frau auf den Weg macht zu ihrer Wohnung. Sie müsse ihm etwas geben. Nur ihm, sonst niemandem. Auf keinen Fall soll es in andere Hände fallen. Ernst ist neugierig und erstaunt, lässt sich, getrieben von einer unerklärlichen Kraft und Sorglosigkeit, auf die Sache ein. Ein Päckchen bekommt er von der Frau, die schon fast erblindet ist und ihn wohl auch deshalb nicht vom echten Ernst unterscheiden kann.

Es handelt sich bei dem übergebenen Päckchen um ein altes Buch. Ein ganz besonderes Buch, wahrscheinlich das älteste Buch in deutscher Sprache, den „Abrogans“ aus dem achten Jahrhundert. Es existieren einige Abschriften dieses deutsch-lateinischen Wörterbuchs, aber das Original wurde bisher nicht gefunden, vielleicht hat es sich schon aus dieser Welt verabschiedet. Vielleicht hält aber Ernst eben jenes Original in den Händen. Damit hatte er nicht gerechnet. Ernst ist überwältigt und ratlos zugleich. Wie ist es möglich, dass dieses Buch bei einer alten Frau in der Küche lag?

Die Spurensuche beginnt, Ernst versucht herauszufinden, wie der „Abrogans“ dorthin gelangte und wird dabei in allerhand Geschichten verwickelt, die gar nicht zu ihm passen wollen. Es zeigt sich, dass er doch nicht so bieder ist, wie es den Anschein hat. Er flieht vor der Polizei, begibt sich in Lebensgefahr, lügt und betrügt Jacqueline und viele andere Personen ohne mit der Wimper zu zucken, nur um dem Buch auf die Spuren zu kommen.

Franz Hohler erzählt einfach und unterhaltsam die Geschichten von Ernst und Haimo, dem Schreiber aus dem achten Jahrhundert, dem im Buch die Ehre zuteil wird, als Verfasser des „Abragans“ aufzutreten. Beide sind der Schrift verbunden und teilen eine abenteuerliche Ader, die nicht ihrem Stand entspricht und sie zu interessanten Figuren macht. Ernst sollte eigentlich katalogisieren und nicht wie ein Detektiv Nachforschungen anstellen. Haimo sollte eigentlich enthaltsam und zurückgezogen leben, kann aber seiner Liebe zu einer jungen Frau nicht Herr werden und will sich beim Schreiben nicht an die einfachen Vorgaben des Klosters halten, sondern lieber ausschmücken und kolorieren. Das Ergebnis ist ein außergewöhnliches Buch, das durch die Geschichte getragen wird und dem der Leser gern folgt, denn diese Doppelgeschichte ist dem Autor Hohler gut gelungen, mit der Ausnahme der Einfälle des Magischen, die nicht so recht ins Große hineinpassen wollen und sich nur schwer mit der restlichen Geschichte vertragen.

Sebastian Riemann, September 2017

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