Die stillen Trabanten von Clemens Meyer

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel Die stillen Trabanten, bei S. Fischer.

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2017 unter dem Titel Die stillen Trabanten.272 Seiten.

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    Das meint Belletristik-Couch.de: Unscheinbar auf den ersten, beeindruckend auf den zweiten Blick87Treffer

    Rezension von Sebastian Riemann

    Ohne Fanfaren und Goldstaub. Clemens Meyer braucht keine marktschreierischen Effekte, sein Geschick und seine Ruhe im Umgang mit Emotionen machen aus Erzählungen über Randfiguren unserer Gesellschaft eine Schatztruhe, die schwer wiegt und dabei nur wenig Glanz verbreitet. Seine Figuren sind Vergessene und Übersehene, auf die sonst kein Rampenlicht, sondern nur das schwache Licht einer Straßenlaterne aus alter Zeit fällt. Unsicher gehen sie ihres Weges, zweifeln wohl an den Versprechungen der Zukunft und schauen vorsichtig hinter sich, bevor sie ebenso vorsichtig einen weiteren Schritt voran wagen. Ungewöhnlich authentisch und echt werden sie dadurch.

    Am Stadtrand stehen die hohen Plattenbauten aus DDR-Zeiten. Ausländer sind dort untergebracht. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma drehen jeden Abend ihre Runden, sie laufen dabei durch die Reste einer Zeit, die nicht mehr interessiert, nicht mehr relevant ist. Die meisten Gebäude sind verfallen, Scheiben eingeschlagen, Türen zerbrochen. Nach dem Abzug der russischen Soldaten gab es eigentlich niemanden mehr, der dort leben wollte. Für die „Kanacken“, wie sie von vielen Mitarbeitern der Sicherheitsfirma genannt werden, war es aber noch gut genug. Immerhin waren es große Häuserkomplexe und im Randbezirk stören diese Leute auch nicht so sehr wie in der Innenstadt, man muss sie kaum sehen. Der Kontrollgang durch dieses Gebiet ist entsprechend deprimierend, wenn die Wachmänner bessere Möglichkeiten hätten, würden sie verschwinden, sich einen anderen Job oder wenigstens den gleichen Job in einer belebteren Gegend suchen. Aber auch sie sind Randfiguren. Einfache Leute ohne Privilegien, über die man eigentlich nicht spricht. Keine Gewinnertypen. Nicht von Interesse, so wie die Ausländer in den Plattenbauten. Clemens Meyer jedoch macht aus ihnen lebendige Charaktere einer traurig verträumten Liebesgeschichte. Er schlüpft in den Arbeitsalltag, zwischen die Überreste der Vergangenheit und enttäuschte Hoffnungen. Langsam kommen sich zwei Menschen näher, überwinden alltägliche Barrieren, die eigene Unsicherheit und wagen es, sich auf den anderen einzulassen. Dabei können sie kaum miteinander sprechen, leben von Gesten und kleinen Zeichen. Aber mehr brauchen sie nicht und mehr braucht auch der Autor nicht, um den Leser zu überzeugen.

    Die eine putzt in den Zügen, die andere schneidet Haare im Friseursalon des Bahnhofs. Zwei Frauen, die sich in einer wenig schmeichelhaften Kneipe kennenlernen. Sie freunden sich an, kommen sich näher. Da sie beide allein leben und außer ihrer Arbeit wenig Verpflichtungen haben, entwickelt sich die neue Freundschaft schnell und unkompliziert. Eine einfache Geschichte. Man wartet geradezu auf einen Knall, auf eine Überraschung. Vielleicht wird es noch eine lesbische Liebesgeschichte mit zwei Frauen, die dachten es warte in ihren Leben nichts Neues und Aufregendes mehr auf sie, oder hinter der harmlosen Fassade und Freundlichkeit versteckt sich ein dunkles Geheimnis, eine von beiden lässt die Maske fallen und überrumpelt die andere. Aber nichts dergleichen geschieht. Es bleibt verhalten und ruhig, das Drama am Ende ist so unscheinbar, es verdient seinen Namen kaum. Alles andere wäre auch falsch und billig gewesen, gesteht man sich dann ein und ist wieder überrascht von der scheinbar so unliterarischen Einfachheit der Personen.

    Aus dem Rahmen fällt bei den Trabanten nur die letzte Geschichte, die dann doch große Namen und Ideen verwendet, sogar das Donnern des Krieges im Hintergrund erklingen lässt. Ansonsten bleibt es verhalten und im gewohnten Umfeld der ostdeutschen Provinz.

    Die große Intensität der Erzählungen kommt aus dem überaus guten und wohlüberlegten Aufbau, aus der Architektur der Gefühle. Meyer konstruiert seine Geschichten um die inneren Zustände seiner Figuren, um die Wandel, die sie durchmachen (müssen). Langsam, ohne Eile erschafft er bei seinen Erzählern ein inneres Szenario, das sich aus Gegenwart und Vergangenheit zusammensetzt. Hin und her geht es, wird gesprungen aus dem damals ins heute und wieder zurück. Zuerst mag dies willkürlich erscheinen, doch schnell offenbart sich die Kunst dahinter, denn alles wird durch das emotionale Erleben der Figur zusammengehalten und meisterhaft miteinander verbunden.

    Aber es ist mehr als nur ein guter Aufbau, der die Qualität des vorliegenden Bandes ausmacht. Meyer versteht es, Emotionen sorgsam zu entwickeln, sie aufzufächern und zum Ziel zu führen. Das ist keine Technik, das ist Begabung. Form und Inhalt finden bei ihm zu einer Einheit, in deren Tiefe der Leser Schätze bergen kann.

    Sebastian Riemann, Juli 2017

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