Die Toten von Christian Kracht

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016 bei Kiepenheuer & Witsch.

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016.ISBN: 978-3-462-04554-3.224 Seiten.
    • [Hörbuch] Berlin: DAV, 2016.Gesprochen von Wanja Mues.ungekürzte Ausgabe.ISBN: 3862319784.4 CDs.

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    In Kürze:

    Hier, in Berlin, »dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation«, versucht ein Schweizer Filmregisseur, angestachelt von einem gewissen Siegfried Kracauer und einer gewissen Lotte Eisner, den UFA-Tycoon Hugenberg zur Finanzierung eines Film zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Das überschneidet sich mit ebensolchen Plänen im dortigen Kaiserreich, mit denen man dem entstehenden Hollywood-Imperium Paroli bieten will …Ein Roman in betörend-magischer Sprache, der das Geheimnis des Films als Kunstwerk der Moderne feiert, seine großen Meister von Murnau bis Lang, die Sehnsucht großer Künstler nach Transzendenz und Erlösung und die Erinnerung als Quelle unseres Ichs. Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind, ob wir es wollen oder nicht.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Beschränkte Berganhäufungen«65

    Rezension von Britta Höhne

    Christian Kracht hat sich längst einen Namen gemacht – in der deutschsprachigen Literaturszene. Einen eher negativen zwar – aber einen Namen. Seinen fragwürdigen Ruf hatte er sich bereits vor erscheinen seines Buches Imperium (2012) eingehandelt. Ein gewisser Hang zum neonazistischen Gedankengut fällt oft in einem Satz mit seinem Namen. Kracht wurde von den Kritikern auseinandergenommen. Was genau genommen – auch eine gute Werbung für ihn war. Sein Buch Imperium? Ein grandios formulierter Abenteuerroman, aufbauend auf einer realen Begebenheit. Nach einem kurzen Medienfeuer allerdings, flammte das Interesse ab. Nur kurz hielt sich der Roman in den Bestenlisten.

    Bereits im vergangenen Jahr hat der 1966 in der Schweiz geborene Autor Christian Kracht nachgelegt: Die Toten heißt seine neue Machenschaft, die sich liest wie ein Harlekintänzchen zwischen Geschichte und Klamauk. Und alles – ganz Kracht eben – in einem überaus prätentiösen Stil. Angesiedelt in den frühen dreißiger Jahren, »als die Moderne«, verrät bereits der Klappentext, »besonders die Filmkultur, vorerst ihre letzte Blüte erlebte.«

    Krachts Historien-Farce ist mitunter schwer zu lesen, nicht nur seiner zuweilen abstrakten Wortwahl wegen, auch, weil er springt. Hin und her – mit Zeit und Personal. Krachts Protagonist ist ein Schweizer Regisseur, der von einem großen Filmbetrieb angehalten wird, einen Gruselfilm zu drehen, dessen Kulisse das Japan der 1930er Jahre sein soll. Der Clash der westlichen Kultur mit der japanischen soll dabei im Mittelpunkt stehen. Mitspieler sind unter anderem Charles Chaplin, Heinz Rühmann, Lotte Eisner, ein diabolischer UFA-Boss und eben der Schweizer Filmemacher, der zudem Trauer trägt, weil sein Vater gestorben ist. Die Gedanken um den Vater, seinen Tod, die Endlichkeit, sind wohl die schönsten in dem Buch.

    An Gewaltszenen mangelt es dem Roman nicht. Kracht lässt Menschen sterben. Nie einfach so. Immer fantasiereich, gemetzelt. Immer brutal. Außer der Vater des Regisseurs. Der verlässt das Geschehen leise. Andere hingegen hoch dramatisch. Selbst bei einem Selbstmord spielt die »krachtsche« Eleganz und Weichheit der Sprache – mitten in der Todesminute – ihre Karten aus:

    »Gleich nachdem die hellgeschliffene Spitze des Dolchs die Bauchbinde und die darunterliegende feine weiße Bauchhaut angeritzt hatte, deren sanfte Wölbung von nur wenigen schwarzen Schamhaaren umspielt wurde, glitt die Klinge schon durchs weiche Gewebe in die Eingeweide des Mannes hinein – und eine Blutfontäne spritzte seitwärts zur unendlich zart getuschten kakejiku, zur Bildrolle hin.«

    Kracht zelebriert den Selbstmord mit dem tantM, einem japanischen Schwert mit 30 Zentimeter langer Klinge, verbal. Es ist ein Graus – aber sehr gut geschrieben eben.

    Kracht bewegt sich weit weg vom momentanen Wirklichkeitswahn der Gegenwartsliteratur. Er kreiert Welten, wie schon in Imperium, die weit weg sind von dem was eigentlich ist. Er mischt wahre Personen mit Fiktion, lässt Charles Chaplin zum Mörder werden und verachtende Sätze über Heinz Rühmann verfassen.

    Dabei ist immer wieder spannend, wie der Autor das macht: Wahre Geschichte und Fiktion miteinander zu verknüpfen, einen imaginären Kulturkampf aufzuzeigen, bei dem der Film über die Macht der Bilder siegt. Weil mehr möglich ist, weil mehrere Sinne als nur die des Auges angesprochen werden. Dabei verliert Kracht das tagesaktuelle Geschehen nicht aus den Augen und lässt seinen Protagonisten feststellen:

    »...es gab bestimmt Dinge, die man nicht abbilden durfte, nicht vervielfältigen, es gab Geschehnisse, an denen wir uns mitschuldig machen, wenn wir deren Wiedergabe betrachten,...«

    Kracht stopft sein Buch, das gerade einmal 212 Seiten zählt, voll. Zu voll an mancher Stelle. Und er setzt viel voraus. Setzt voraus, über die Ethik des europäischen und japanischen Films Etwas zu wissen. Setzt voraus zu wissen, dass etwa Alfred Hugenberg der erste deutsche Medienmogul zweifelhaften Ansinnens war. Es heißt, Hugenberg habe den Nazis zugespielt, er wird als »Steigbügelhalter« Hitlers tituliert. Kracht setzt voraus, diverse Lebensgeschichten diverser Film- und Mediengrößen zu kennen und er lässt sich aus: Über seine Heimat die Schweiz. Wie einst sein Landsmann Max Frisch, der schon an der angeblichen Kleinräumigkeit und Enge der Schweiz gelitten hat und diese Gedanken auch in seinen Schriftstücken zum Tragen brachte. Auch Kracht lästert über das Kleinklein, über die ach so neutrale Schweiz:

    »...und ihre beschränkten Berganhäufungen, diese nur scheinbar lieblich gezackten Massive, wirken sich morphologisch auf die garstige Renitenz ihrer Bürger aus...«

    Und so weiter uns so fort.

    Um der Farce zwischen den Kulturen ein Ende mit Augenzwinkern zu schenken, lässt Kracht eine gescheiterte Schauspielerin vom Schriftzug »Hollywood« stürzen. Ida, so der Name der Unglücklichen, hat es nicht nach oben geschafft. Ist nicht die Karriereleiter hochgeklettert, sondern nur auf das Hollywood-H. Dann rutscht sie ab, stürzt, ganz tief – obwohl sie nie oben war, nie auf dem Olymp des Schauspiel-Imperiums. Sie landet auf einem Kaktus und Kracht packt noch einmal alles an Grausamkeiten aus. Ida ist tot. Die Geschichte erzählt. Gott sei Dank!

    Britta Höhne, April 2017

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