Auswilderung von Bettina Suleiman

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Auswilderung, bei Suhrkamp.

Bibliographische Angaben

  • --: Suhrkamp, 2014 unter dem Titel Auswilderung.265 Seiten.

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    Rezension von Claire Schmartz

    Erst kürzlich, Ende 2016 kam es zu zwei bahnbrechenden Gerichtsverfahren im Streit um die Rechte von Menschenaffen. In Argentinien wurden erstmals Grundrechte für einen Orang-Utan namens SANDRA und einen Schimpansen namens Cecilia erwirkt. Diese Anerkennung der nicht-menschlichen Tiere als Rechtssubjekte ist revolutionär, denn sie erkennt nicht nur die Analogie zwischen den Hominiden und dem Menschen an (z.B. was seine kognitiven Kapazitäten betrifft): Das Urteil spricht ebenfalls davon, dass es jeder Spezies entsprechende Freiheiten gibt, denen man sie nicht berauben dürfe. Auch die USA machten Schlagzeilen, als die staatlichen Institute für Gesundheitsforschung ab 2016 jegliche Forschung an Schimpansen beenden wollten. Doch nicht alle Tiere konnten ausgewildert werden.

    Das argentinische Urteil ist die Folge jahrzehntelanger Arbeit und Interventionen des Great Ape Projects, das seit 1993 dafür kämpft, Menschenaffen wie Gorillas, Orang-Utans oder Schimpansen gewisse Grundrechte zu sichern – so das Recht auf Leben, Freiheit und körperliche wie psychische Unversehrtheit. Diese Rechte sollen die Hominiden davor schützen, gejagt zu werden, ihres Lebensraums beraubt zu werden, unter unwürdigen Bedingungen gehalten zu werden oder für Tierversuche missbraucht zu werden.

    Und das wäre eigentlich ziemlich naheliegend, denn mit unserem nächsten Verwandten, dem Schimpansen, stimmt das Erbgut des Menschen zu fast 98 Prozent überein. Wenn man bedenkt, dass der Unterschied im Erbgut von Mann und Frau bis zu vier Prozent betragen kann, kann es sein, dass wir einem Schimpansen ähnlicher sind als unserem Partner. Und den wollen wir ja auch vor Verfolgung und Tierversuchen schützen.

    Hier befindet sich der wunde Punkt, den Bettina Suleimans Erstlingsroman meisterhaft streift: Welche Folgen hat die Forschung an den Menschenaffen für die Affen – und für die Forscher? In ihrem Roman wird nicht nur die Ähnlichkeit der Hominiden zu den Menschen und ihre Verwertbarkeit für die Medizin hervorgehoben, auch die gegenseitige Beeinflussung zwischen Wissenschaftlern und Forschungsobjekt steht im Vordergrund. Dringend sind die Fragen, die Suleimans Auswilderung aufwirft, und hoch ist der Einsatz, um den gespielt wird.

    Marina Heuter, die Protagonistin, ist Gebärdesprachenexpertin. Sie arbeitet am Deutschen Institut für Anthropologie und Genetik – unter Prof. Dr. Griffin E. Wilder. Direktor der Abteilung Vergleichende Psychologie, scharrt er für seine Forschungsprojekte ein Rudel an Wissenschaftlern um sich, die ihm treu ergeben sind. Denn der Forschungsalltag ist ein survival of the fittest. Nicht nur akademische Leistungen müssen erbracht werden, auch muss das Rudel im Sinne Wilders kämpfen. Wilder ist Marinas Doktorvater gewesen, und ihr Alphamännchen geblieben. Sie war eine eifrige Studentin ohne besonderes Privatleben, arbeitete stets im Sinne des Forschungsprojektes und Wilders. In diesem akademischen Schlachtfeld entrollt sich eine brennende Frage. Denn in Wilders Forschungsprojekt erkundete Marina mithilfe der Gebärdensprache die Verwandtschaft zwischen Gorillas und Menschen, um den juristischen Personenstatus der Menschenaffen zu klären.

    Gorillababys wurden exakt wie Menschenkinder bei menschlichen Pflegeeltern grossgezogen: Sie trugen Kleidung, unterhielten sich mit ihren Eltern in Gebärdensprache und sollten in die Gesellschaft integriert werden, um herauszufinden, wie weit ihre Emanzipation reichen würde. Marina arbeitete als Dolmetscherin, übte mit den Gorillas und stellte ihnen Denkaufgaben. Am meisten erzählt sie von ihrer Arbeit mit dem Gorillamännchen Yeh-Teh, dem Kleidung massgeschneidert wurde. Sie erzählt von seinem Ehrgeiz, die kniffligen Fragen doch noch richtig zu beantworten – und von dessen genuiner Enttäuschung, wenn er die Aufgaben nicht lösen konnte.

    Doch im Laufe der Zeit änderte sich die Stossrichtung der Forschung. Auf einmal sollten die Differenzen zwischen Menschen und Affen hervorgehoben werden; man wies auf Schwierigkeiten hin, berief sich auf die Lernblockaden und die unüberwindbaren Differenzen zwischen Menschen und Affen. Die Gorillas sollten aufgewildert werden. Man nimmt ihnen die Namen, gibt ihnen Nummern. Fortan nennt man sie nur noch “Subjects”, Forschungselemente, und doch Subjekte. “Gorti”, heisst das neue Projekt, “Gorillas Return to Innocence”: Die Affen sollen lernen, auf Bäume zu klettern, sich zu ernähren, und ihr antrainiertes Mensch-Sein zu vergessen. Yeh-Teh soll nun auf einmal Nahrung für seine Weibchen besorgen, darf keine Kleidung mehr tragen und bastelt sich doch weiterhin Armbanduhren aus Stroh oder Blättern. Doch kann man etwas “wieder lernen”, was man nie gelernt hat? Können die Gorillas “ihre Natur” und ihre natürlichen Fähigkeiten, “wiederfinden”, die ihnen jahrelang aberzogen oder gar nicht erst trainiert wurden? Wie gross – und wie fatal – ist der Einfluss der Menschen und ihrer Kultur auf die Subjects?

    Als das Projekt endet, wird Marina als Gebärdensprachendolmetscherin nicht mehr gebraucht. Um den Gorillas die Möglichkeit zur Kommunikation mit Menschen zu nehmen (denn das ist nicht natürlich!), und schlussendlich ganz die Sprache, versucht man sie so schnell und radikal wie möglich aus ihrem alten Zuhause zu entfernen und sie in einen “natürlichen” Lebensraum zu integrieren. Man findet eine Insel vor der Küste Westafrikas, auf der die Affen ausgewildert werden sollten. Doch das Gorti-Projekt gerät schnell in eine Krise. Unter den Augen der Kameras der Forscher kommunizieren die Affen per Gebärdensprache, wundern sich, und wollen sich auf der ihnen zugeteilten Insel nicht so recht einfinden. Es kommt zu Todesfällen.

    Mit dieser Krise beginnt der Roman. Wilder bittet Marina, wieder ins Projekt einzusteigen. Da der radikale Bruch mit dem alten Leben der Gorillas gescheitert ist, wollen die Forscher jetzt versuchen, Yeh-Teh mit Argumenten zum Bleiben zu bewegen. Sie wollen ihn rational davon zu überzeugen, dass alles, was er in den letzten Jahren gelernt hat, nicht er ist. Dass auf einmal diese Insel seine Heimat sein soll, dass er klettern lernen muss, seine Weibchen ernähren soll und nie eine richtige Armbanduhr tragen wird. Dass er ein Affe ist und das eigentlich alles ist, was ein Affe tun soll.

    Bettina Suleiman wurde 1978 in Dessau geboren. Sie schloss ihr Philosophiestudium mit einer Promotion über das Argument der Selbstverteidigung im israelischen-palästinensischen-Konflikt ab. Sie arbeitete für verschiedene Theater und NGOs in Israel. Heute lebt sie in Haifa.

    Meisterhaft schildert sie in Auswilderung die Herausforderung und Konflikte, denen sich Marina in ihrer Arbeit stellen muss, das Hinterfragen und das Bewältigung der eigenen Verantwortung – und der eigenen Erwartungen an die Forschung.

    In dem vielschichtigen Roman finden sich Rückblenden auf die anfängliche Arbeit mit den Gorillas, die Eindrücke, die Marina von ihnen hatte. Nach und nach schleichen sich Gewissheiten ein, die zeigen, wie sehr sie die Forschung von ihrem Standpunkt aus betrachtet hat, und wie sehr ihre Erwartungen mit reingespielt haben. Bei all dem hat sie die Instanz und Kombinationsgabe der Gorillas vergessen. Daneben finden sich wundervolle Schilderungen der Hackordnung an ihrem Forschungsinstitut, dessen Wildheit und Konkurrenzkampf, dessen ungeschriebene Gesetze und stark hierarchisierten Rangordnungen auf eine mulmige Art wie Naturgesetze wirken. Und in dieser teilweisen Verkehrung liegt ein grosser Teil des Charmes des Romans: wild und kultiviert scheinen sich zu überschneiden, gegenseitig zu bedingen; es gibt keine klare Trennung. Der Leser wird nach und nach merken, dass er sowohl Marinas Sichtweise, wie auch Yeh-Teh unterstützen will, und dass sich doch beide Fronten aneinander reiben müssen. Man fiebert mit Marina mit, mit ihrem Kampf mit sich selbst und gegen die Strukturen des Forschungsalltags, der ihr mehr und mehr zuwider wird – und mit Yeh-Teh, wenn er anfängt, klettern zu lernen, wenn er regelrecht um sein Uberleben kämpft – in einer Welt, die er sich nicht ausgesucht hat, mit Fähigkeiten, die ihm anerzogen wurden, und die er jetzt vergessen soll, um sich “auf seine wahre Natur zu besinnen”.

    Der leichte Tonfall des Romans, der er schafft, Fakten zur Hominidenforschung und über die Psychologie des Menschen mit einer packenden und unglaublich nahen Geschichte zu verbinden, ist beeindruckend. Und immer mehr keimt die Frage auf, inwiefern der Mensch diese ganze Katastrophe mitverschuldet hat. Vom Anfang, bis zum Ende spannend stellt diese mit Fakten gespickte Geschichte wichtige Fragen; nicht nur, wenn es um Rechte für Menschenaffen geht, sondern auch in Bezug auf die Frage, inwiefern die Erwartungshaltung die Vorgehensweise – und auch das Resultat – mit beeinflussen oder gar manipulieren kann. Und auf wessen Rücken dieser faux-pas ausgetragen werden wird.

    Claire Schmartz, August 2017

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