Casanovas Heimfahrt von Arthur Schnitzler

Buchvorstellungund Rezension

Casanovas Heimfahrt von Arthur Schnitzler

Originalausgabe erschienen 1918 bei S. Fischer.

Bibliographische Angaben

  • Berlin: S. Fischer, 1918.
  • Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2015.ISBN: 978-3864060618.216 Seiten.

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    In Kürze:

    1913 erschienen die Memoiren des berühmten Giacomo Casanova erstmals in deutscher Sprache. Dessen erotische Abenteuer sollen Arthur Schnitzler dazu inspiriert haben, fünf Jahre später seine Novelle „Casanovas Heimfahrt" zu veröffentlichen. In dieser ist der Italiener kein junger Frauenverführer mehr, sondern ein alternder Herr.

    Mit sprachlicher Perfektion, psychologischer Stringenz und einer hohen Spannungskurve erzählt Schnitzler von einem Casanova, der das Altwerden nicht akzeptieren kann. Und er hofft, aus der Verbannung in seine Heimat Venedig zurückkehren zu können. Während er auf Nachricht wartet, lebt er im Hause eines alten Freundes, der drei Töchter hat. Er stellt der ältesten, Marcolina, nach. Jedoch vergebens: Sie hat bereits einen Verlobten, Lorenzi, und lässt sich nicht von dem Herzensbrecher beeindrucken. Vielmehr verwickelt sie ihn in kluge Diskussionen über die Philosophie Voltaires. Casanova aber gibt nicht auf – bis es zum Duell zwischen Alter und Jugend, Morbidität und Potenz, Casanova und Lorenzi kommt …

    In mutigen wie verwegenen Bildern spiegelt die Illustratorin Cynthia Kittler Casanovas Wünsche und zerstörte Träume wider.

    Das meint Belletristik-Couch.de: »Der Kampf mit dem Alter und mit sich selbst in kräftigen Bildern«84

    Rezension von Sebastian Riemann

    Das Älterwerden betrifft alle, doch einige schlägt es härter an und wirft sie aus dem Sattel, in dem sie leicht und erfolgreich durchs Leben zu reiten glaubten. Manch einen ärgern die Falten, die mit den Jahren an Zahl und Deutlichkeit zunehmen. Andere verzweifeln an der nachlassenden Energie, an der wachsenden Langsamkeit, die sie von der Jugend entfernt. Oft fühlen sich die Alternden von den Jüngeren nicht ernst genommen oder glauben gar, von ihnen an den Rand gedrängt zu werden, wo sie fernab der aktuellen Ereignisse nur zuschauen, aber nicht mehr eingreifen können. Vielfach sind die Befürchtungen und Klagen. Wer aber muss am stärksten unter dem Alter leiden? Wer verliert mit den Jahren so viel, dass es nicht aufgewogen wird durch die Gegenleistungen der sich addierenden Jahre?
    Casanova, der sagenumwobene Casanova, schaut in den Spiegel und kann nur schwerlich ertragen, was er sehen muss. Aus dem Gesicht des berühmten Galans ist das Gesicht eines alten Mannes geworden. Er ist kein Greis, das nicht, aber er ist auch kein junger Mann mehr, dessen Jugend und Schönheit sofort bezaubern. Gefangen zwischen der vergangenen Zeit, in der er seinen Ruhm als Fraueneroberer und Abenteurer begründete und sein Leben besser als jeder Roman war, und dem kommenden hohen Alter weiß Casanova nicht wohin mit seinem Leben. Noch kann er sich nicht zur Ruhe setzen, um sich auf den Lorbeeren seiner Leistungen und Eroberungen auszuruhen, aber auch die wilde Zeit scheint vorbei. Die Eigenschaften, die ihn und seine Legende ausmachen, verringern sich kontinuierlich. Casanova droht bald nur noch ein Schatten Casanovas zu sein, eine Erinnerung an die eigene Jugend.

    Aus seinem Heimatort Venedig wurde Casanova wegen Auflehnung gegen die Staatsgewalt vor langer Zeit verbannt. Nun, viele Jahre später, versucht er, da er nicht mehr als ungebundener Abenteurer durchs Land ziehen will und seine finanziellen Mittel sich erschöpft haben, wieder einen Fuß in die Tür zu bekommen. Er will zurück in die herrliche Stadt seiner Jugend, will wieder Teil sein und teilhaben am Leben. Unzählige Bittschriften verfasst er über die Jahre, beteuert den Regierenden, dass er nichts mehr herbeisehnt als die Rückkehr nach Venedig und fortan nicht mehr gegen sie und ihre Herrschaft aussagen will, sondern vielmehr sich in das gesellschaftliche Leben einfügen und es genießen will. Erwartungsvoll wartet er außerhalb der Stadt, als er plötzlich und unerwartet einen alten Freund trifft, der ihn sogleich auf sein Landgut einlädt, wo auch die Frau des Hauses höchst erfreut über den Anblick des alten Freundes und Liebhabers ist, sich am liebsten sofort an seinen Hals werfen würde, wenn da nicht ihr Ehemann wäre und die übrigen anwesenden Personen.

    Arthur Schnitzler ist der Pionier der psychologischen Literatur. Als Zeitgenosse Sigmund Freuds war er einer der ersten, die das Thema aufgriffen und verarbeiteten. Viele seiner Novellen sind heute bekannte Klassiker, die Traumnovelle allen voran. Im vorliegenden Buch nimmt er sich eines alternden Mannes an, der von Narzissmus getrieben wird. Dabei beleuchtet er gekonnt die wechselvollen Emotionen, die Casanova für sich selbst und seine Umgebung hegt. Manchmal scheint er ganz der alte zu sein, glaubt an seine Kraft und Unwiderstehlichkeit, nur um wenig später in Selbstmitleid zu versinken, da er erkennen muss, dass er nicht mehr der Casanova ist, der er einstmals war. Im gegenüber befindet sich ein anderer Mann, der ihn in jeglicher Hinsicht übertrifft und um die Gunst der selben Frau buhlt. Mit ihm will und muss er sich messen, muss sich und der Welt beweisen, dass er Casanova immer noch derjenige ist, der von allen bewundert wird und jede Frau erobern kann. Dabei kämpft er gegen das eigene Alter, gegen das Voranschreiten der Zeit, das sein Narzissmus nicht ertragen und zulassen kann. Er bewundert sich selbst und hasst sich selbst, genau so wie er den jungen Mann, seinen Widersacher, bewundert und hasst. Die Frau ist dabei nur das Mittel zum Zweck der Eigenliebe.

    Unterstützt wird die Geschichte vom alternden Casanova durch die Illustrationen von Cynthia Kittler, die sich viel Mühe machte und einen ganz besonderen Stil entwickelte, um dem Buch Schnitzlers und seiner Intention gerecht zu werden. Äußerst farbenfroh und aufgedreht kommen die Bilder daher, bemühen sich die wichtigsten Szenen mit viel Emotionalität und Schwung einzufangen, damit sie dem Leser wild und lebendig ins Auge springen können. Ein bisschen zu viel von allem, schreibt sie selbst am Ende des Buches und erklärt, wie sie die verschiedene Epochen und ihre Stile für die Arbeit am Buch zusammenbrachte. Das Alte und das Neue kombiniert sie in mehrfacher Hinsicht, so wie Casanova sich dem Alten und Neuen gegenübersieht. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Bereicherung, die dem Buch aus dem Hause der Edition Büchergilde das besondere etwas verleiht und es zu einem Erlebnis für den Leser macht, der mehr als nur einen Klassiker in Händen hält.

    Sebastian Riemann, Februar 2017

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